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#314 Libets Experimente und Determinismus

January 14, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

was bedeutet das Libet-Experiment für den freien Willen?

Der amerikanische Naturwissenschaftler Benjamin Libet unternahm 1979 ein Experiment: Er maß die Gehirnaktivität während eines überwachten Entscheidungsprozesses, um die Beziehung zwischen den neurologischen (physischen) Phänomenen und den Aktivitäten des Willens besser zu verstehen.

Er beobachtete, dass

1. es zunächst Gehirnaktivität gibt, und erst kurz danach

2. wird sich der Proband selber bewusst, dass eine Entscheidung getroffen worden ist, und noch einmal kurz darauf (Reaktion des Körpers)

3. wird die Entscheidung ausgeführt.

Die Verzögerung zwischen (2) und (3) lässt sich einfach durch die Übertragungsverzögerung vom Gehirn zum Körper erklären. Interessanter ist die Verzögerung zwischen (1) und (2).

Manche Neurobiologen postulieren, der Abstand zwischen (1) und (2) zeige, dass das Gehirn eine Entscheidung trifft und danach der Proband diese Entscheidung mitbekommt (und diese Entscheidung seinem freien Handeln zuschreibt, nicht etwa seinem Körper).

Hier scheint mir aber einiges nicht richtig zu sein. Z. B.:

a.(2) bezeichnet nur den Zeitpunkt, an dem der Proband sich seiner Entscheidung bewusst wird – auf einer anderen Ebene des Bewusstseins sozusagen. Doch eine Entscheidung fällen und sich ihrer gewahr werden sind auf den ersten Blick verschiedene Phänomene; man sollte daher nicht meinen, sie müssten gleichzeitig auftreten. Um zu widerlegen, dass da eine Entscheidung aus freiem Willen geschehen ist, müsste man also unterstellen, dass beide Dinge im Falle des freien Willens gleichzeitig auftreten müssten (und da sie es nicht tun, gebe es keinen freien Willen).

b. Nehmen wir aber mal an, um den Gedanken durchzuspielen, Entscheidungsprozess und Bewusstwerden treten gleichzeitig auf. Das so genannte „Bereitschaftspotential“ in (1) wird ja nur in zeitlich unmittelbarer Nähe der Handlung selbst gemessen. Kann es sein, dass dieses Bereitschaftspotential regelmäßig „nach oben schießt“ und somit einfach ein gewöhnliches Phänomen ist, das einen in den Zustand versetzt, eine Entscheidung zu treffen? In diesem Fall wäre die Willensfreiheit mit der zuvorkommenden Gehirnaktivität vollkommen kompatibel.

Meine Einwände ungeachtet möchte ich gerne Ihre fachmännische Meinung zu folgenden drei Punkten hören:

* Das Wesen der Willensfreiheit gehört zu den tiefgründigsten und schwierigsten Problemen der Philosophie/Naturwissenschaft. Wäre dieses Problem gelöst und hätte das Libet-Experiment schlüssig gezeigt, dass der Entscheidungsprozess des Menschen nicht frei sondern determiniert ist, gäbe es Konsens. Doch gibt es überhaupt einen Konsens im Hinblick auf die Interpretation der Beobachtungen des Libet-Experiments? Gibt es Konsens zum Problem der Willensfreiheit?

* Was zeigen die Beobachtungen des Libet-Experiments überhaupt?

Und zuletzt:

* Es gibt Leute, die den Versuch, den freien Willen als Phänomen zu sehen, einfach neu definieren: Die Entscheidung an sich ist zwar vorgegeben, die Ursache dieser Entscheidungen ist aber immer der Handelnde selbst. So steht der Determinismus der Willensfreiheit nicht im Weg; es gälte, über die Definition von „Willensfreiheit“ neu nachzudenken. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Danke für Ihre Kenntnisnahme meiner Fragen, und vielen Dank für Ihren Dienst!

Mit besten Grüßen,

Raj

<ul><li>United States</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Die Philosophie des Geistes gehört nicht zu meinen Spezialgebieten, Raj, daher verweise ich Leute mit Fragen wie Ihrer für gewöhnlich auf die Spezialisten wie etwa meinen Kollegen J. P. Moreland. Da aber das Libet-Experiment eine so zentrale Rolle in Alex Rosenbergs Verteidigung des Naturalismus spielt, habe ich mich ein wenig in die faszinierenden Ergebnisse Libets eingelesen, um mich auf die Debatte mit Rosenberg vorzubereiten.

Zunächst wollen wir genau festhalten, was Benjamin Libet eigentlich herausgefunden hat, da Ihre Aussagen zu den drei Ereignissen oder Zuständen im Prozess der Entscheidungsfindung etwas salopp formuliert und damit möglicherweise irreführend sind. In Libets ersten Experimenten wurden seine Probanden angewiesen, mit dem Finger einen Knopf zu drücken, während er ihre Gehirnaktivität aufzeichnete. Libet entdeckte: Bevor sich der Proband seiner Entscheidung zum Drücken des Knopfes bewusst wurde, signalisierte sein Gehirn schon, dass er gleich den Finger krümmen würde. Die Reihenfolge des Experiments ging so:

1) Etwa 550 Millisekunden vor der Bewegung des Fingers erfolgt ein Gehirnsignal.

2) Etwa 200 Millisekunden, bevor der Proband den Knopf drückt, wird er sich seiner Entscheidung zum Krümmen des Fingers bewusst.

3) Der Proband bewegt seinen Finger.

Sehen wir uns nun die drei Fragen der Reihe nach an, die Sie gestellt haben.

Zu Frage eins: Nein, es gibt keinen Konsens im Hinblick auf die Interpretation oder die Bedeutung der Untersuchungsergebnisse Libets. Das ist tatsächlich ein Gegenstand beträchtlicher Kontroversen. Wie Sie sich denken können, haben manche Denker die Ergebnisse als Indizien für den Determinismus und gar Materialismus gedeutet. Doch eine solche Schlussfolgerung ist überzogen. In einer zweiten Reihe von Experimenten entdeckte Libet, dass der Proband, kurz nachdem das Gehirn das Signal gab und er sich seiner Knopfdruck-Entscheidung bewusst wurde, immer noch in der Lage war, ein Veto einzulegen und seine Entscheidung zu revidieren bzw. den Knopf nicht zu drücken! Wie Sie unter (b) sagen, interpretieren manche das Gehirnsignal als „Bereitschaftspotential“, das die Bewegung in Gang setzt, die der Proband nun vornehmen oder abbrechen kann.[1] Libet selbst hielt seine Untersuchungsergebnisse mit der Willensfreiheit für vereinbar. Interessanterweise stimmt selbst Rosenberg, ein erklärter Materialist und Determinist, zu: Die Experimente widerlegen die Willensfreiheit nicht; er bezieht sich auf sie nur, um zu zeigen, dass wir im Hinblick auf unsere Willensfreiheit unserer Innenschau nicht trauen können.[2]

Der wesentlichere Punkt jedoch scheint mir Ihr Punkt (a) zu sein, der dazu dienen kann, Ihre zweite Frage zu beantworten. Als ich über Libets Forschungsergebnisse nachdachte, wurde mir plötzlich klar: Das ist genau das, was ein Dualist/Interaktionist erwartet! Die Seele (oder der Geist) handelt nicht unabhängig vom Gehirn; es ist eher so, wie der Neurologe und Nobelpreisträger Sir John Eccles einmal gesagt hat: Der Intellekt gebraucht das Gehirn als „Denkmaschine“. Daher finden Entscheidungen der Seele natürlich nicht gleichzeitig mit ihrer Bewusstwerdung statt. Wie könnten sie das auch? Wenn man bedenkt, dass sich die Seele auf das Gehirn als Denkmaschine „verlässt“ und man auch die begrenzte Übertragungsgeschwindigkeit der neuronalen Signale ins Kalkül zieht, muss es freilich eine Latenzzeit zwischen der geistigen Entscheidung und deren Bewusstwerdung geben. Das ist genau das, was man aus dualistischer bzw. interaktionistischer Sicht zu erwarten hat!

Der deutsche Philosoph Uwe Meixner, selbst Dualist/Interaktionist, zieht genau diesen Schluss aus dem Libet-Experiment. Er schreibt:

"Um eine fundierte Entscheidung zu treffen, muss sich das Selbst über die Umstände im Klaren sein, die für die Entscheidungsfindung von Bedeutung sind; aber … das Selbst braucht sich gewiss nicht des Treffens der Entscheidung im selben Augenblick bewusst zu sein, wo es sie trifft. …Das Bewusstsein, dass ein Sachverhalt (jetzt) der Fall ist, ist immer etwas später als die aktuale Tatsache selbst, dass P der Fall ist; es überrascht kaum, dass das Bewusstwerden der Entscheidungsfindung keine Ausnahme zu dieser allgemeinen Regel bildet, die auf die Abhängigkeit des Bewusstseins von neurophysiologischen Gegebenheiten zurückzuführen ist."[3]

Selbst Naturalisten haben das verstanden, auch wenn es manchmal unglücklich ausgedrückt wird. Der Biologiephilosoph Massimo Pigliucci beispielsweise sagt:

"Libets Experimente … zeigen, … dass wir unbewusste Entscheidungen treffen … noch bevor wir uns bewusst werden, dass wir sie gefällt haben. Ich bezweifle, dass jemand, der einen fallenden Gegenstand auffängt, bevor er sich bewusst wird, was er da gerade gemacht hat, überrascht ist, und ich bezweifle auch, dass jemand diese Art der Erfahrung ernsthaft als Beweis wertet, dass das Bewusstsein keinen Beitrag zum abwägenden Entscheidungsprozess leistet (das gilt übrigens auch für Libet selbst)."[4]

Auch Rosenberg denkt ähnlich: „Vielleicht ist die eigentliche – unbewusst getroffene – Entscheidung zu handeln, wirklich frei.“[5] Derlei Aussagen geben zwar in gewisser Weise dem Dualismus/Interaktionismus recht, stellen ihn aber falsch dar. Die Entscheidung eines Menschen ist – das sei ausdrücklich betont! – nicht unbewusst; es ist eine bewusste Entscheidung, die nur aufgrund der begrenzten Übertragungsgeschwindigkeit der neuronalen Signale erst kurze Zeit später ins Bewusstsein tritt. Genau wie wir aufgrund der begrenzten Lichtgeschwindigkeit die Gegenwart nie direkt beobachten können, sondern nur als unmittelbare Vergangenheit, so sind uns auch unsere Entscheidungen nicht in dem Augenblick bewusst, in dem wir sie treffen, sondern wir werden ihrer erst unmittelbar danach gewahr. Kann die Seele eine Entscheidung treffen, ohne ursächlich determiniert zu sein, dann braucht sie für freie, verantwortliche Entscheidungen, wie Meixner sagt, sich nur der Umstände bewusst zu sein, die für das Treffen dieser Entscheidung von Bedeutung sind, bevor sie dann entscheidet. Nun noch die Antwort auf Ihre dritte Frage, Raj: Es ist nicht nötig, auf kompatibilistische Sichtweisen zur Willensfreiheit zu verfallen, die die Freiheit in einer verdrehten Weise mit dem Determinismus vereinbaren wollen.

Zuletzt noch ein Wort zu Rosenbergs Verteidigung des Naturalismus, angesichts der Tatsache, dass er aufgrund dieses Naturalismus zu solch absurden Schlussfolgerungen gelangt wie zu der Ansicht, wir dächten nie über etwas nach, es gebe keine Dauer zwischen zwei Zeitpunkten oder ich existiere gar nicht. Rosenberg will seine Sicht vor dem Verdikt der Absurdität retten, indem er behauptet, die Introspektion (= Innenschau) sei unzuverlässig, und daher seien die genannten Dinge nur Illusion. Er betitelt sein Kapitel auch: „Never Let Your Conscious [sic!] Be Your Guide“ (dt. Lass dich nicht von deinem Bewusstsein leiten.) Dabei hält er sich an Libets Experimente und an solche, die sich mit dem Phänomen der sogenannten Blindsicht beschäftigen, alles im verzweifelten Versuch, das Wissen, das wir aus unserer Introspektion erhalten, zu entkräften. Die Experimente von Libet spielen in seiner Verteidigung des Naturalismus eine entscheidende Rolle.

Das Problem mit Rosenbergs Angriff auf die Zuverlässigkeit der Introspektion liegt darin, dass die Introspektion nicht als Führer für Gehirnzustände gedacht ist, sondern als Führer für Geisteszustände. Sie sagt uns, wie uns die Dinge zu sein scheinen. In Blindsichtexperimenten sagt der Betroffene z. B. auch richtig, dass ihm nichts Gelbes erscheint. In Libets Experimenten gibt der Proband korrekterweise an, wann er sich seiner Entscheidung, den Finger zu bewegen, bewusst wird. Ironischerweise setzen Libets Experimente die Verlässlichkeit der Introspektion gerade voraus! Denn wie könnte man wissen, dass ein Patient, der unter Blindsicht leidet, keinerlei visuelles Gelberlebnis hat? Antwort: Weil er es so sagt! Wie weiß man, dass jemand bewusst auf einen Knopf zu drücken gewillt war und nicht in Wahrheit an seinen Sommerurlaub gedacht hat? Weil er es Ihnen sagt! Diese Experimente setzen die Zuverlässigkeit der Introspektion, sowie die Wahrhaftigkeit der Aussagen des Probanden voraus!

Rosenbergs Introspektionskritik ist also äußerst fehlerhaft, und die absurden Konsequenzen seines Naturalismus brechen damit über ihm selbst zusammen.

(Übers.: I. Carobbio)

Link to the original article in English: /Libets-Experiments-and-Determinism



[1] So schreibt Angus Menuge beispielsweise: „Wenn man Libets Experiment unter die Lupe nimmt, kam es beim instruierten Probanden zu einer vorhergehenden Entscheidung, danach zum Bereitschaftspotential, dann zur Bewusstwerdung dieses Bereitschaftspotentials und schließlich zu Bewegung. Man kann also immer noch sagen, die distale bewusste Entscheidung war die Ursache der Bewegung, selbst wenn die proximale Ursache das Bereitschaftspotential ist.“ (Angus Menuge, „Does Neuroscience Undermine Retributive Justice?“ in Free Will in Criminal Law and Procedure, Friedrich Toepel [Hrsg.], Verfahren des 23. u. 24. IVR-Weltkongresses in Krakau 2007 und Peking 2009; Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2010; Nachdruck).

[2] Alex Rosenberg, The Atheist’s Guide to Reality: Enjoying Life without Illusions (New York: W. W. Norton, 2011), S. 154

[3] Uwe Meixner, “New Perspectives for a Dualistic Conception of Mental Causation”, Journal of Consciousness Studies 15/1 (2008): 25.

[4] Massimo Pigliucci, “Is Science All You Need?” (7. Juni 2012) http://philpapers.org/rec/PIGISA

[5] Rosenberg, Atheist’s Guide to Reality, S. 153.

- William Lane Craig