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#42 Gott und die Neurowissenschaft

January 14, 2016
Q

Der kontinuierliche Fortschritt in Neurologie und Gehirnforschung kommt den biologischen Grundlagen für unseren Glauben an Gott und mutmaßlich spirituellen (oder mystischen) Erfahrungen immer besser auf die Spur. Je weiter die Wissenschaft fortschreitet, desto mehr wird der der Glaube an einen Geist zurückgedrängt, der unabhängig vom Gehirn (oder Körper) existiert, denn man findet immer mehr reproduzierbare physische (also biologische) Ursachen für das, wovon wir glaubten, es ginge vom Geist aus.

Die Bibel spricht oft vom „Geist“; für den christlichen Glauben ist der Glaube an einen Geist, der wesensmäßig vom Körper getrennt ist, geradezu grundlegend. Widerlegt die moderne Wissenschaft diese zentrale christliche Lehre nicht? Und erkennt man durch diese Fortschritte nicht immer stärker, dass der Begriff „Gott“ das Ergebnis biologischer Vorgänge in unserem Gehirn ist?

Im Voraus besten Dank für Ihre Antwort,

Godfrey

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Zur Beantwortung dieser Frage der Woche habe ich Prof. Michael Murray vom Franklin and Marshall College gesprochen; er hat sich diesem Thema in einiger Tiefe gewidmet und den nachstehenden Gastbeitrag verfasst. Im folgenden Prof. Murrays Antwort:

Godfrey spricht mit seinen Fragen eigentlich zwei Themenkomplexe an, die wir auch getrennt betrachten müssen. Das erste Thema bzw. die erste Frage besteht eigentlich aus zwei Teilen:

1a: Können die zeitgenössische Psychologie und die Neurowissenschaft nachweisen, dass der menschliche Geist und das Gehirn eigentlich ein- und dasselbe, also identisch sind?

und

1b: Wenn ja, würde das der Heiligen Schrift widersprechen?

Das zweite Problem lässt sich so darstellen:

2: Kann die zeitgenössische Psychologie zeigen, dass der Glaube an Gott ein Resultat ausschließlich natürlicher psychologischer Vorgänge ist?

Ich möchte diese Fragen jetzt nacheinander beantworten.

Vor dem 20. Jh. hing die Mehrheit (wenn auch nicht alle) der Gelehrten (Christen sowie Nichtchristen, Wissenschaftler und Laien) dem Dualismus an. Sie waren der Ansicht, der Mensch besteht aus Geist und Leib, also aus zwei voneinander getrennten, grundsätzlich verschiedenen Substanzen. Den Körper verstand man als lebendiges Objekt, zusammengesetzt aus räumlich ausgedehnten, materiellen Teilen, den Naturgesetzen unterworfen, und ohne die Fähigkeiten des Nachdenkens oder der Vernunft. Den Geist bzw. die Seele dachte man sich als immaterielle, unteilbare Entität, fähig eigener vernünftiger Überlegungen und fähig auch der Entscheidungsfreiheit. Aufgrund des Fortschritts der vergangenen hundert Jahre in der experimentellen Psychologie und der Neurowissenschaft sind die meisten Naturwissenschaftler zur Auffassung gelangt, man brauche keine zwei verschiedenen Substanzen anzunehmen; stattdessen könne man jeden Aspekt des menschlichen Lebens, sei er nun körperlich oder geistig, körperlichen Wirkungen zuschreiben. In der Psychologie und Neurowissenschaft ist das Adjektiv "dualistisch" zur Bezeichnung einer Sichtweise mittlerweile zu einer Art Schmähbegriff verkommen. Wie konnte es zu diesem tiefgreifenden Umschwung kommen?

Der Umschwung ist wohl hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass die Forschung einen bemerkenswert engen Zusammenhang zwischen der Gehirnaktivität und der Aktivität des Geistes nachweisen konnte. Die meisten von uns sind mit bildgebenden Verfahren vertraut, die uns eine Landkarte des Gehirns liefert, auf der verschiedene mentale Aktivitäten verschiedenen Teilen des zerebralen Kortex zugeordnet sind. Neurowissenschaftler haben recht eilig den Schluss gezogen, dass wir jetzt wissen, wo im Gehirn Gedächtnis, visuelle Wahrnehmung, sittliche Überlegungen, Gefühl, Sprachverarbeitung und andere Aspekte des Geisteslebens „stattfinden“. Wegen dieses Zusammenhangs können wir daher bestimmte geistige Zustände durch elektrische Impulse oder durch chemische oder magnetische Stimulation bestimmter Gehirnregionen hervorrufen (der Neurowissenschaftler Michael Persinger behauptet sogar, eine Art magnetischen „Helm“ entwickelt zu haben, anhand dessen er „religiöse Erfahrungen“ hervorrufen könne. Man kann diesen „Helm“ jetzt sogar im Internet erwerben – als ich das letzte Mal nachgesehen habe, war er leider ausverkauft). Aber mehr noch: Wir können verlässlich voraussagen, welche Art geistiger Fähigkeiten im Falle einer Gehirnverletzung beeinträchtigt oder zerstört werden, wenn wir nur wissen, welche Teile des Gehirns lädiert oder zerstört worden sind. Diese klaren und auffallenden Zusammenhänge zwischen Gehirnaktivität und „Geistesaktivität“ haben viele zum Schluss geführt, die Vorstellung einer immateriellen „Seele“ sei heute irrelevant. Geistesaktivität sei eigentlich nur ein Produkt aus Gehirnaktivitäten.

Haben diese Neurowissenschaftler recht? Vielleicht. Die Forschungsergebnisse sind allerdings nicht so einseitig interpretierbar, wie uns die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung glauben machen möchte. Die Überlegungen, die die Wissenschaftler zu diesem Konsens geführt haben, bringen zwei wichtige Probleme mit sich. Es ist zum einen ganz und gar nicht klar, dass die Übereinstimmung zwischen geistiger Aktivität und Gehirnsignalen die Identität dieser beiden Instanzen bedeutet. Das Problem kann wie folgt veranschaulicht werden. Stellen Sie sich vor, das Leben auf Erden wird vernichtet. Kurze Zeit danach landen Aliens auf unserem Planeten. Angenommen, zwei dieser Aliens gehen in ein älteres Haus und finden ein altmodisches TV-Gerät mit Analogantenne (auf dem zufällig gerade Wiederholungen der TV-Show „I love Lucy“ laufen). So etwas haben die Fremden noch nie gesehen. Sie wollen nun wissen, wie das Ding funktioniert. Dazu öffnen sie die Rückseite des Fernsehers. Einer der Fremden macht sich an der Elektronik zu schaffen, während der andere vorne neugierig beobachtet, was geschieht. Nach einiger Zeit (und einigen unliebsam überraschenden Elektroschocks) bemerken sie: Wenn man den roten Draht entfernt, verschwindet die Farbe Blau vom Schirm. Trennt man den grünen Draht, hört man keinen Bass mehr aus dem Lautsprecher usw. Nach einer Weile erkennen sie den genauen Zusammenhang zwischen Aktivität (und Unterbrechung) diverser Schaltkreise und dem Bild bzw. dem Ton, den das TV-Gerät hervorbringt. Ihre Schlussfolgerung: Die Arbeitsweise des Fernsehgeräts kann ganz anhand der Aktivität der elektronischen Komponenten des Geräts erklärt werden.

Das aber gerade ist falsch! Was die Aliens übersehen haben (und was sie in ihrem Experiment vielleicht gar nicht erkennen konnten): Das Fernsehgerät bedarf auch der Aktivität eines Fernsehsenders, der ein Programm ausstrahlt. Ohne das hätte es keine „I-love-Lucy-Show“ gegeben, die sie mit ihren Spielereien an der Elektronik hätten unterbrechen können.

Vielleicht stehen Geist und Gehirn tatsächlich in ähnlichem Zusammenhang wie TV-Sender und Empfangsgerät. Aber so gelungen die Analogie auch sein mag, so hinkt der Vergleich doch etwas. Denn wenn der Geist jenseits des Gehirns existiert, dann ist der Informationsfluss bidirektional (und nicht unidirektional wie bei TV-Station und Empfangsgerät). Das Beispiel zeigt lediglich, dass das Auffinden eines starken Zusammenhangs zwischen neuronaler Aktivität und „Bild und Ton“, die unser Innenleben ausmachen, nicht genug ist, um von Identität sprechen zu können.

Zweitens gibt es eine Reihe philosophischer Probleme des Physikalismus (also der Sichtweise, der Geist sei nicht mehr als das materielle Gehirn), die starke Gründe liefern, die Identitätstheorie abzulehnen (wenn diese Gründe auch nicht rein naturwissenschaftlich sein mögen). Da ist zunächst die Intuition, die wir alle teilen: Der Mensch kann sich frei entscheiden. Mit „freier Entscheidung“ meinen wir für gewöhnlich die Fähigkeit, uns aus verschiedenen möglichen Handlungsoptionen für eine entscheiden zu können, ohne dass diese Wahl ausschließlich von den Naturgesetzen bestimmt wird. Solche Handlungen, die von Naturgesetzen bestimmt werden, bezeichnen wir hingegen als unfrei, jenseits unserer Entscheidungsmacht und daher weder des Tadels noch des Lobes würdig („Man darf sie nicht tadeln, dass sie die Vase zerbrochen hat, denn sie schlafwandelte.“). Freies, verantwortliches Handeln ist daher ein Handeln, das kraft eigener Entscheidungen von uns ausgeht, wobei die Entscheidungen nicht von Naturgesetzen bestimmt sind. Das aber scheint sich mit dem Physikalismus nicht vereinbaren zu lassen. Weshalb nicht? Ist der Geist letztlich nur Gehirn, und ist das Gehirn nur ein physisches Objekt, und wenn physische Objekte den Naturgesetzen unterliegen, dann kann es so etwas wie freie Entscheidungen nicht geben. Die Wirklichkeit freier Entscheidungen ist daher mit dem Physikalismus unvereinbar.

Da taucht ein zweites Problem auf. Wir wissen uns als zeitliche Wesen. Es gab einmal eine Zeit, da wogen Sie, lieber Leser, weniger als zehn Kilogramm. Sie konnten noch nicht sprechen und mussten gefüttert werden. Das ist heute anders. Aber wie schafften wir diesen Trick, die Zeit durch so viele, viele Veränderungen hindurch (Größe, Gewicht, Geschick, Selbsterhaltung) als Selbst zu überdauern? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir vorerst eine andere Frage beantworten: Was bedeutet es für mich, „derselbe“ zu sein wie der, der ich einst war? Nun, damit ist freilich nicht gemeint, ich sei ein „Ding“ mit denselben Eigenschaften wie damals. Was also ist das an mir, das mich ausmacht? Sind es meine Teile, die die Zeit überdauert haben? Vielleicht. Unglücklicherweise aber doch nicht, und das ist Tatsache. Der menschliche Körper regeneriert und erneuert sich ständig, und zwar so stark, dass wir – molekular und durchschnittlich gesehen – in sieben Jahren einen völlig neuen Körper haben. Dass ich die Zeit überdauert habe, lässt sich also nicht daraus erklären, dass einige oder alle Teile von mir diese Zeit überdauert haben.

Welche Möglichkeiten bleiben? Es gibt wohl nur zwei: Entweder überdaure ich die Zeit, weil eine entscheidende Eigenschaft oder ein charakteristisches Merkmal an mir überdauert, welches mich von allen anderen unterscheidet, oder mein zeitliches Überdauern findet seine Erklärung in etwas, das sich von materiellen Aspekten ganz und gar unterscheidet. Wie steht es um Möglichkeit eins? Das Problem dabei ist, dass solche Eigenschaften, die Sie „einzigartig“ machen, grundsätzlich mehrfach existieren können. Nehmen wir an, das Merkmal der Einzigartigkeit sei Ihr Gedächtnis oder Ihre Persönlichkeit. Ein Beispiel: Ich verfasse diesen Artikel gerade in einem Flugzeug. Angenommen, mein rechter Sitznachbar habe nun zu hundert Prozent die gleiche Persönlichkeit und den gleichen Inhalt des Gedächtnisses wie ich. Frage: Wo sitze "ich" - auf diesem Platz, oder auf dem Platz des Sitznachbarn? Bedauerlicherweise bleiben hier alle Antworten unbefriedigend (ich überlasse es dem Leser, hierüber nachzudenken und zu überlegen, warum beide Antworten nicht befriedigen können). Fazit: ein zeitliches Überdauern des Ich lässt sich mit Möglichkeit eins nicht erklären.

Viele Denker schließen daraus, dass man nur dann sinnvoll vom Überdauern des Ichs sprechen kann, wenn jeder von uns ein unteilbares Wesen ist, das zeitüberdauernd existiert und mit seinem Körper verbunden ist, also eine „Seele“ ist.

So viel zu den Schwierigkeiten mit dem Physikalismus. Wenden wir uns nun dem zweiten Teil der ersten Frage zu (1b). Sollte sich zeigen, dass der wissenschaftliche Konsens korrekt ist und unser Geist trotz der genannten Probleme mit unserem Gehirn identisch ist, stünde dies dann im Gegensatz zu dem, was die Heilige Schrift über die Natur des Menschen lehrt? Antwort: nicht unbedingt. Es stimmt zwar: Jahrhundertelang waren die meisten Theologen eher Dualisten. Dennoch gibt es zahlreiche Hinweise in der Bibel, die man auch im Sinne eines Dualismus auslegen kann. Man beachte folgende Stelle, die über unseren Ursprung und über unser Ende spricht:

„Da bildete Gott der Herr den Menschen, Staub von der Erde, und blies den Odem des Lebens in seine Nase, und so wurde der Mensch eine lebendige Seele. … Im Schweiße deines Angesichts sollst du [dein] Brot essen, bis du wieder zurückkehrst zum Erdboden; denn von ihm bist du genommen. Denn du bist Staub, und zum Staub wirst du wieder zurückkehren!“ (1Mo 2,7; 3,19).

„Zu jener Zeit wird sich der große Fürst Michael erheben, der für die Kinder deines Volkes einsteht; denn es wird eine Zeit der Drangsal sein, wie es noch keine gab, seitdem es Völker gibt, bis zu dieser Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk gerettet werden, jeder, der sich in dem Buch eingeschrieben findet. Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen; die einen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Schmach und Schande“ (Dan 12,1-2).

„Er sagte aber auch zu dem, der ihn eingeladen hatte: Wenn du ein Mittags- oder Abendmahl machst, so lade nicht deine Freunde, noch deine Brüder, noch deine Verwandten, noch reiche Nachbarn ein, damit nicht etwa auch sie dich wieder einladen und dir vergolten wird; sondern wenn du ein Gastmahl machst, so lade Arme, Krüppel, Lahme, Blinde ein, so wirst du glückselig sein; denn weil sie es dir nicht vergelten können, wird es dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten“ (Lk 14,12-14).

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Die Stunde kommt und ist schon da, wo die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie hören, werden leben. Denn wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohn verliehen, das Leben in sich selbst zu haben. Und er hat ihm Vollmacht gegeben, auch Gericht zu halten, weil er der Sohn des Menschen ist. Verwundert euch nicht darüber! Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden, und sie werden hervorgehen: die das Gute getan haben, zur Auferstehung des Lebens; die aber das Böse getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.“ Joh 5,24-29.

„Das bekenne ich dir aber, dass ich nach dem Weg, den sie eine Sekte nennen, dem Gott der Väter auf diese Weise diene, dass ich an alles glaube, was im Gesetz und in den Propheten geschrieben steht; und ich habe die Hoffnung zu Gott, auf die auch sie selbst warten, dass es eine künftige Auferstehung der Toten geben wird, sowohl der Gerechten als auch der Ungerechten“ (Paulus’ Antwort auf seine Ankläger im Prozess vor Felix, Apg 24).

„Ich will euch aber, Brüder, nicht in Unwissenheit lassen über die Entschlafenen, damit ihr nicht traurig seid wie die anderen, die keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die Entschlafenen durch Jesus mit ihm führen. Denn das sagen wir euch in einem Wort des Herrn: Wir, die wir leben und bis zur Wiederkunft des Herrn übrigbleiben, werden den Entschlafenen nicht zuvorkommen; denn der Herr selbst wird, wenn der Befehl ergeht und die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallt, vom Himmel herabkommen, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zusammen mit ihnen entrückt werden in Wolken, zur Begegnung mit dem Herrn, in die Luft, und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit. So tröstet nun einander mit diesen Worten!“ (1Thess 4,13-18).

„Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, so ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden; dann sind auch die in Christus Entschlafenen verloren. Wenn wir nur in diesem Leben auf Christus hoffen, so sind wir die elendesten unter allen Menschen!“ (1Kor 15,16-19).

„Wenn ich als Mensch in Ephesus mit wilden Tieren gekämpft habe, was nützt es mir, wenn die Toten nicht auferweckt werden? — ,Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!‘“ (1Kor 15,32).

„Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden zwar nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune; denn die Posaune wird erschallen, und die Toten werden auferweckt werden unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dieses Verwesliche muss Unverweslichkeit anziehen, und dieses Sterbliche muss Unsterblichkeit anziehen. Wenn aber dieses Verwesliche Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird, dann wird das Wort erfüllt werden, das geschrieben steht: ,Der Tod ist verschlungen in Sieg! Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg?‘“ (1Kor 15,51-55).

Wenn man das für bare Münze nimmt, so scheinen diese Stellen doch zu sagen, dass unsere Zusammensetzung durchaus materieller Natur ist („Staub“), den Gott zum Leben erweckt hat. Sterben wir, sind wir ausgelöscht und ohne Hoffnung, wenn nicht in der Auferstehung unser Körper erneut zum Leben erweckt wird. Das passt sehr gut mit dem Physikalismus zusammen. Eine dualistische Auslegung dieser Bibelstellen wäre nicht ganz so überzeugend.

Ich will damit keineswegs sagen, die Bibel rede hier dem Physikalismus das Wort! Weit gefehlt! Es gibt schließlich auch Stellen, in denen von Geistern Verstorbener die Rede ist, die „erscheinen“ können (etwa Samuel, Mose und Elia). Mein Punkt ist eher, dass wir als Christen zurückhaltend sein sollten, aus der Bibel eindeutig herauslesen zu wollen, wie der menschliche Geist beschaffen ist! Tatsache ist, dass das Belegmaterial mehrdeutig ist.

Nun zur zweiten Frage. Zeigen die jüngsten Forschungsergebnisse aus Psychologie und Neurowissenschaft tatsächlich, dass der Glaube an Gott nichts weiter ist als ein natürlicher, psychologischer Vorgang? Die Antwort auf diese Frage lautet: "je nachdem". Evolutions- und Kognitionspsychologen haben jüngst verschiedene naturalistische Erklärungen der Religion vorgebracht. Diese Erklärungen sollen zeigen, dass der Mensch wegen bestimmter angeborener „geistiger Dispositionen“ (engl. mental tools) von Natur aus religiös und rituell veranlagt ist. Manche Theoretiker argumentieren von hier aus, wir hätten diese geistigen Dispositionen von unseren Vorfahren, die sie (oder die Religion, die es „erzeugen“) für ihre Anpassung notwendig hatten und an uns weitergegeben haben.

Was aber kann eine solche Behauptung stützen? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, welchem der sechs bekanntesten Erklärungsmodelle man den Vorzug gibt. Das bekannteste Modell (das wir das „kognitive Modell“ nennen) macht geltend, der Mensch verfüge über bestimmte identifizierbare geistige Dispositionen oder „Instrumente“, aufgrund derer religiöse Überzeugungen leicht und natürlich entstehen können. Wenn wir z.B. gewisse Geräusche, Bewegungen oder Strukturen in der Natur wahrnehmen, dann überzeugt uns unsere geistige Disposition davon, dass es höhere Wesen um uns herum gibt. Dieser „agens-Detektor" bringt uns dazu, handelnde und denkende Wesen als Ursache für die Naturgesetze anzunehmen. Außerdem neige unser Denkvermögen natürlicherweise dazu, uns an Vorstellungen zu erinnern (und diese weiterzugeben), die bestimmte angeborene Erwartungen zum Lauf der Welt stören. Wir werden z.B. mit der Auffassung geboren (so behauptet dieses Modell), dass handelnde Wesen physische Dinge sind. Wenn wir dann (anhand unseres „agens-Detektors“) hinter Blitzen oder Winden bestimmte handelnde Wesen vermuten, dann nehmen wir an, es seien unsichtbare Wesen. Doch eigentlich laufen unsichtbare Wesen als Handlungsursache unserer Intuition zuwider und sind daher seltsam. Als Resultat erinnern wir uns leicht an diese und sprechen auch viel über sie – und so verbreiten sich solche Vorstellungen auch recht schnell (und daher breitet sich auch die Religion schnell aus). Es gibt überdies starke Hinweise darauf, dass wir von Natur aus und von frühester Kindheit an geneigt sind, in allen Vorgängen eine Zielgerichtetheit zu sehen, auch in der natürlichen Welt. Die Entwicklungspsychologie hat diese Tendenz auch als „intuitiven Theismus“ bezeichnet; es ist dies die Neigung, überall in der Welt Sinn und Zweck zu vermuten. Das disponiert uns natürlicherweise zum Glauben an eine sinnstiftende Kraft im Universum, also entweder an Götter oder an einen Gott.

Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Hinweise dieser Art, die allesamt nahelegen, die Religion sei ein natürliches Produkt jener mentalen Werkzeuge, wie sie sich in einem richtig funktionierenden menschlichen Geist finden. Aber zeigt dies nicht, dass die Religion nur ein Streich ist, den unser Geist uns spielt? Genaugenommen nicht. Jemand, der zu diesem Schluss kommt, muss folgendermaßen argumentieren:

1) Die Entwicklung des menschlichen Geistes hat ihn im Laufe der Naturgeschichte mit einer Reihe verschiedener Merkmale versehen.

2) Wenn man die natürliche und die gesellschaftliche Welt betrachtet, erkennt man, dass diese Merkmale den Glauben des Menschen an Götter fördern.

3) Daher hat die Entwicklung des menschlichen Geistes auch den Glauben an Götter hervorgebracht (d. h., Gott ist ein „Nebenprodukt“ der Evolution).

4) Fazit: Der Glaube an Götter falsch.

Dieses Argument jedoch begeht einen bekannten logischen Fehlschluss, den „genetischen Trugschluss“: Wer so schlussfolgert, will die Wahrheit oder den Irrtum eines Glaubens aus dessen Ursprüngen aufweisen. Doch in sich stimmige Überzeugungen können auch aus völlig verrückten Ursprüngen stammen. So kann ich etwa meinen, es befinden sich 449 Menschen in der Bibliothek, weil meine Uhr 4:49 zeigt. Können wir sagen, die Zahl sei falsch, weil sie sich auf eine solche Verrücktheit stützt? Selbstverständlich nicht! Es könnten ja tatsächlich 449 Besucher sein, trotz des sehr seltsamen Ursprungs meiner Überzeugung.

Wir können das obige Argument so abwandeln, dass es den genetischen Trugschluss umschifft und dem Glauben dennoch Probleme bereitet, nämlich so:

1) Die Entwicklung des menschlichen Geistes hat ihn im Laufe der Naturgeschichte mit einer Reihe verschiedener Merkmale versehen.

2) Wenn man die natürliche und die gesellschaftliche Welt betrachtet, erkennt man, dass diese Merkmale den Glauben der Menschen an Götter fördern.

3) Daher hat die Entwicklung des menschlichen Geistes auch den Glauben an Götter hervorgebracht (d. h., Gott ist ein „Nebenprodukt“ oder Unfall der Evolution).

4) Fazit: Der Glaube an Götter ist unbegründet.

Wie meine Überzeugung unbegründet ist, derzufolge sich 449 Besucher in der Bibliothek befinden, weil meine Uhr 4:49 anzeigt, so ist der Glaube an die Existenz Gottes, führt man ihn auf bestimmte mentale Werkzeuge zurück, vielleicht ebenfalls unbegründet.

Aber ist dem so? Sehen wir uns das Argument noch einmal an und setzen bei den unterstrichenen Stellen folgende Begriffe ein: den Geist des Menschen, Steine, Regenbogen, die Vergangenheit, den Umstand, die Naturwissenschaften könnten die Wahrheit ergründen usw. Da wäre die Schlussfolgerung der Argumente in jedem Fall falsch[1]. Der Geist des Menschen gelangt auf natürliche Weise zur richtigen Vorstellung dieser Dinge. Warum sollte das im Hinblick auf Gott anders sein? Worin liegt der eigentliche Unterschied? Man könnte sagen: „Ganz einfach: Weil religiöse Überzeugungen irrig sind.“ Das ist dann aber kein Argument mehr – sondern man unterstellt einfach, was noch zu beweisen wäre.

Vielleicht liegt das Problem dieser Darstellungen auch ganz woanders. Wir könnten das Dilemma auch so formulieren: Was unsere natürliche Tendenz anlangt, an die Existenz von Steinen oder andere denkende menschliche Wesen zu glauben, so rührt sie daher, dass Steine und denkende menschliche Wesen direkt auf unseren Geist einwirken (z. B. durch die Sinne). Wenn es aber um den religiösen Glauben geht, so führt sich unsere Gottesvorstellung auf unseren „Agens-Detektor“, der anschlägt, wenn Wind und Wellen sich regen. Das lässt religiöse Überzeugungen in einem völlig anderen Licht erscheinen. Die Überzeugung: das ist ein Stein! wird direkt vom Stein erzeugt; die Überzeugung von der Existenz Gottes dagegen wird – vom Wind hervorgerufen. Man kann also sagen: Selbst wenn es Gott gar nicht gibt, wir würden an ihn glauben. Und genau darin liegt das Problem.

Die kritische Stimme hat durchaus recht – das wäre tatsächlich ein Problem. Nur ist nicht klar, inwiefern das, was der Kritiker vorbringt, stimmen sollte. Stimmt es denn etwa, dass

(6) der Geist des Menschen existiert und an Gott glaubt, selbst wenn es ihn gar nicht gibt?

Ich glaube nicht. Ich glaube, ohne Gott gäbe es gar kein Universum. Und wenn, dann wäre es nicht feinabgestimmt. Es gäbe kein Leben, keine Gläubigen, ja, überhaupt keine Menschen und damit – ohne Gott – auch keinerlei Religion. Liege ich falsch? Wenn ja, dann ist es aber nicht die evolutionäre Psychologie noch die Kognitionspsychologie, die aufzeigt, dass ich falschliege. Im Gegensatz also zu der Konklusion aus dem Argument kann die Entwicklungsgeschichte uns nichts über die Angemessenheit oder Wahrheit unserer religiösen Überzeugungen sagen. Das Argument schlägt damit fehl.

Vielleicht gibt es andere Gründe zu glauben, die psychologischen Erklärungen für die Existenz der Religion bereiten dem Glauben Schwierigkeiten, aber es ist nicht klar, welche Gründe das sein sollten. Für den Augenblick jedenfalls scheint es völlig akzeptabel, wenn der Christ von einem Gott ausgeht, der die Welt und den Menschen geschaffen hat, und dazu den menschlichen Geist so geschaffen hat, dass dieser – wenn er angemessen funktioniert – auch Überzeugungen formt über die Existenz von Steinen, Regenbögen, anderen denkenden Menschen und ... Gott.

Michael Murray

(Übers.: I. Carobbio)

Link to the original article in English: /god-and-neuro-science



Anmerkungen

[1] Wenn man tatsächlich mal STEINE für GÖTTER einsetzt, wird deutlich, dass das Argument nicht überzeugt:
1) Die Entwicklung des menschlichen Geistes hat ihn im Laufe der Naturgeschichte mit einer Reihe verschiedener Merkmale versehen.

2) Wenn man die natürliche und die gesellschaftliche Welt betrachtet, erkennt man, dass diese Merkmale den Glauben der Menschen an die Existenz von STEINEN fördern.

3) Daher hat die Entwicklung des menschlichen Geistes auch den Glauben an STEINE hervorgebracht (d. h., die Überzeugung, dass es STEINE gibt, ist ein „Nebenprodukt“ oder Unfall der Evolution).

4) Fazit: Der Glaube an STEINE ist unbegründet. (Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig