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#124 Missverständnisse über mittleres Wissen

July 12, 2016
Q

Hallo Herr Prof. Craig,

hier ist ein Argument, das ich nach einer Diskussion über den Molinismus, in der ich behauptete, dass mittleres Wissen und libertäre Freiheit unvereinbar sind, an einen Freund schrieb. Es scheint mir stichhaltig zu sein, aber ich wäre sehr interessiert zu hören, wo meine Argumentation Ihrer Meinung nach fehlschlägt; schließlich bin ich kein professioneller Philosoph. Ich danke Ihnen sehr.

Hier ist es:

"Wenn man den Wahrheitsstatus kontrafaktischer Aussagen untersucht, glaube ich, dass diese Aussagen genug Informationen enthalten müssen, damit man feststellen kann, ob sie wahr oder falsch sind.

Betrachte die folgende Aussage, um zu sehen, warum:
- „Hättest du dir gestern dein ganzes Haar abrasiert, wärest du kahlköpfig.“
Zwei Dinge lassen sich über diese Aussage feststellen:
1) Sie ist kontrafaktisch.
2) Sie ist wahr.
Diese Aussage ist kontrafaktisch, weil sie der tatsächlichen Welt widerspricht: Du hast dir gestern nicht wirklich die Haare abrasiert.
Und diese Aussage ist wahr; es ist in der Tat wahr, dass du „WENN du dir gestern dein ganzes Haar abrasiert hättest, DANN heute kahlköpfig wärest.“

Aber der einzige Grund, weshalb wir sagen KÖNNEN, dass diese kontrafaktische Aussage wahr ist, liegt darin, dass sie, obwohl sie kontrafaktisch ist, genug Information IN SICH SELBST enthält, um festzustellen, dass sie wahr ist. Die Information „Du hast dir gestern dein ganzes Haar abrasiert“ ist nämlich ausreichend, um deine heutige Kahlköpfigkeit festzustellen.

Betrachte nun die folgende kontrafaktische Aussage:
- „Wenn du Wasser mit einem Druck unter 100.000 Pa finden würdest, wäre es flüssig.“
Fragen wir nun: Ist sie wahr?
Unsere Antwort muss lauten: „Nun, ich weiß es nicht!“. Druck ist ein notwendiger Parameter, aber um sagen zu können, dass Wasser flüssig wäre, muss ich AUCH seine Temperatur kennen. Druck und Temperatur würden den Zustand des Wassers bestimmen, und nur dann könnte ich wissen, ob die Aussage wahr ist oder nicht. Wenn die hypothetischen Bedingungen die Wahrheit der kontrafaktischen Aussage nicht festlegen, dann kann ich nicht wissen, ob sie wahr ist, und auch Gott kann das nicht, da uns beiden die Information fehlt, um diese spezielle, isolierte Frage zu beantworten.

Wenn man dies nun auf mittleres Wissen anwendest, nämlich auf die Kenntnis von Kontrafaktualen geschöpflicher Freiheit, stelle ich die Frage:
- Konnte Gott vor dem Schöpfungsbeschluss wissen, was Pilatus aus FREIER Entscheidung tun würde, wenn er in alle biblisch genannten Bedingungen gestellt würde (nämlich Jesus kreuzigen oder nicht)? Wie wir oben gesehen haben, sind wir NUR DANN in der Lage zu wissen, ob dieses Kontrafaktual wahr ist oder nicht, WENN es genug Information enthält, um seinen Wahrheitsstatus zu bestimmen. Wir müssen nämlich wissen, dass „Pilatus in alle biblisch genannten Bedingungen zu stellen“ tatsächlich determiniert, dass „Pilatus die Wahl treffen würde, Jesus zu kreuzigen“. Aber diese Determinierung ist per Definition nur gegeben, wenn Pilatus KEINE libertäre Freiheit hat. Per Definition kann Pilatus, wenn er libertäre Freiheit hat, unabhängig von ALL den richtigen biblischen Bedingungen dennoch die eine oder die andere Wahl treffen, und uns fehlen Informationen, um zu wissen, was er tatsächlich wählen WÜRDE. Deshalb konnte Gott vor dem Schöpfungsbeschluss kein mittleres Wissen von geschöpflicher libertärer Freiheit haben.

Um es noch einmal zu sagen, glaube ich, dass Gott tatsächlich mittleres Wissen hatte, aber der einzige Grund, der dies möglich macht, ist, dass wir – glaube ich – eine kompatibilistische Freiheit haben, keine libertäre."

Ist dies verständlich? Fühlen Sie sich frei, meine Gedanken in Frage zu stellen.

Guillaume

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Ihre Frage ist interessant, Guillaume, weil Sie mittleres Wissen mit einer kompatibilistischen Auffassung von Freiheit kombinieren wollen, nach der unser Handeln durch die Gegebenheiten, in denen wir uns befinden, kausal determiniert wird, während der Molinist behauptet, dass wir auch in vollständig spezifizierten, Freiheit-erlaubenden Gegebenheiten nicht-determiniert bleiben.

Mir scheint, dass Ihre Auffassung nicht funktionieren wird, weil sie Gottes mittleres Wissen entweder auf Sein natürliches Wissen reduziert (Gottes Kenntnis aller notwendigen Fakten), oder aber auf Sein freies Wissen reduziert (Gottes Kenntnis kontingenter Fakten nach Seinem Schöpfungsbeschluss). Es wird natürliches Wissen sein, wenn es – sobald alle Umstände und Naturgesetze spezifiziert sind – logisch notwendig ist, einen bestimmten Weg zu wählen. Es wird freies Wissen sein, wenn es logisch kontingent ist, wie man sich entscheidet, sobald alle Gegebenheiten und Naturgesetze spezifiziert sind. Also können Sie Gott durchaus kontrafaktisches Wissen zuschreiben, so wie er kontrafaktisches Wissen darüber hat, welche physikalischen Ereignisse unter verschiedenen spezifizierten Gegebenheiten geschehen würden, aber das ist eigentlich kein wirkliches mittleres Wissen als solches. Um als mittleres Wissen zu gelten, müssen die relevanten Kontrafaktuale (i) kontingent wahr und (ii) vor Gottes Beschluss wahr sein.

Aber was ist mit Ihrer Kritik an der molinistischen Perspektive? Mir scheint, dass sie von einer Reihe falscher Annahmen abhängt. Sie haben Recht, dass die fraglichen Kontrafaktuale nur dann einen Wahrheitswert haben, wenn sie in ihren Vordersätzen ausreichende Informationen enthalten, welche die Gegebenheiten spezifizieren. Einige Kontrafaktuale können entweder wahr oder falsch sein, weil die Bedingungen in ihren Vordersätzen unzureichend spezifiziert sind. Nun lösen wir dieses Problem in der Praxis, indem wir einfach annehmen, dass die aktuale Welt abgesehen von der erwähnten Abänderung der Gegebenheiten konstant gehalten wird, und dann fragen wir, was wahr wäre. Selbst in Ihrem Beispiel des Abrasierens aller Haare halten Sie die aktualen Naturgesetze konstant, welche die Schnelligkeit des Haarwachstums bestimmen! Doch in der Frage des göttlichen mittleren Wissens lösten Alfred Freddoso und Thomas Flint dieses Problem, indem sie einfach festlegten, dass bei dem, was sie „Kontrafaktuale der Freiheit von Geschöpfen“ nennen, die Gegebenheiten in den Vordersätzen vollständig spezifiziert sind. Solche Kontrafaktuale haben die Form „Wenn Akteur S in den Umständen U wäre, dann würde S aus freier Entscheidung A tun.“

Beachten Sie, dass es bei unserer Erörterung nicht darum geht, ob wir den Wahrheitswert eines solchen Kontrafaktuals kennen. Es geht vielmehr darum, ob es überhaupt einen Wahrheitswert hat. Bei dem Problem, das durch unzureichende Spezifikation aufgeworfen wird, geht es nicht um unsere Kenntnis solcher Kontrafaktuale, sondern grundlegender darum, ob sie wahr oder falsch sind, unabhängig davon, ob wir ihren Wahrheitswert kennen können oder nicht.

Was also die Frage betrifft, was Pilatus in den Umständen U aus freier Entscheidung tun würde, machen wir zur Bedingung, dass U vollständig spezifiziert sein muss, einschließlich der gesamten Weltgeschichte bis zum Zeitpunkt der Entscheidung. Aufgrund der vollständigen Spezifizierung des Vordersatzes wird das Kontrafaktual der Freiheit wahr oder falsch sein. Aber wenn Sie sagen:

"Wir sind NUR DANN in der Lage zu wissen, ob dieses Kontrafaktual wahr ist oder nicht, WENN es genug Information enthält, um seinen Wahrheitsstatus zu bestimmen. Wir müssen nämlich wissen, dass „Pilatus in alle biblisch genannten Bedingungen zu stellen“ tatsächlich determiniert, dass „Pilatus die Wahl treffen würde, Jesus zu kreuzigen“. Aber diese Determinierung ist per Definition nur gegeben, wenn Pilatus KEINE libertäre Freiheit hat,"

dann verwechseln Sie die für die Feststellung eines Wahrheitswertes ausreichende Spezifizierung der Proposition mit der kausalen Determiniertheit der Entscheidung. Das Kontrafaktual „Wenn Pilatus in den Umständen U wäre, würde er aus freier Entscheidung A tun“ kann nur dann wahr oder falsch sein, wenn diese Aussage in dem Sinne festgelegt ist, dass U vollständig spezifiziert ist. Aber die vollständig spezifizierten Gegebenheiten sind keine kausal determinierenden Gegebenheiten. Ganz im Gegenteil sind sie als Freiheit-erlaubende Gegebenheiten gesetzt. Wie ein Akteur frei entscheiden würde, wird nicht durch die Gegebenheiten bestimmt, in denen er sich befindet. Es liegt einfach bei ihm zu entscheiden, was er tun wird. Verwechseln Sie also die Determiniertheit einer Proposition nicht mit der Determinierung einer Handlung.

Der Molinist stimmt Ihnen also völlig zu, dass „Pilatus, wenn er libertäre Freiheit hat, unabhängig von ALL den richtigen biblischen Bedingungen dennoch die eine oder die andere Wahl treffen“ kann. Absolut! Er kann das eine oder das andere wählen, aber er wird eines wählen. Wenn er in den Umständen U wäre, würde er aus freier Entscheidung A wählen, obwohl er stattdessen auch nicht-A wählen könnte. Verwechseln Sie das, was jemand tun würde, nicht mit dem, was er tun könnte, oder denken Sie nicht, dass er, weil er A tun würde, nicht-A nicht tun könnte.

Es gibt in einem solchen Fall auch keinen Mangel an Information. Solange die Gegebenheiten vollständig spezifiziert sind, wird das Kontrafaktual einen Wahrheitswert haben, und Gott, als allwissendes Wesen, muss ihn kennen. Unabhängig von unserer Unkenntnis weiß Er, was der Wahrheitswert jeder Proposition ist.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: /misconceptions-about-middle-knowledge

- William Lane Craig