#157 Molinismus versus Calvinismus - fünf Probleme eines göttlichen Kausaldeterminismus
July 12, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
mich beunruhigt die große Zahl der Calvinisten, die ich sehe, die doch unglaublich intelligente und vertrauenswürdige christliche Leiter sind. Was ich meine ist, dass so viele zu einer ausgezeichneten Analyse fähig zu sein scheinen (weit mehr als ich selbst), aber beim Problem des Bösen den Kopf in den Sand stecken. Wenn sie das nicht tun, neigen sie dazu, Gott zu einem sich selbst widersprechenden Wesen zu machen. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür?
Ich bin auch persönlich darüber beunruhigt, wie wenige Leiter sich dem Molinismus anschließen. Mir scheint, dass dieser die meisten Fragen beantwortet und die wenigsten Probleme aufwirft. Ich verstehe, dass er komplex sein kann, aber ich hätte nicht gedacht, dass wir uns einfach damit begnügen, dass das Problem des Bösen nicht geklärt ist. Ich mache das, was ich glaube, nicht vom Glauben anderer abhängig, aber wir können auch nicht ignorieren, welchen Einfluss andere in unserem Leben haben oder dass wir den Wunsch nach einer gemeinsamen Heimat haben, wenn es um solche Gedanken geht.
Jedenfalls würde ich mich freuen, Ihre Gedanken zu erfahren... wie ich es immer tue.
Danke,
Gordon
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Dr. craig’s response
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Molinismus versus Calvinismus
Ich denke, Sie haben Recht, Gordon, dass sehr viele intelligente und treue christliche Leiter reformiert sind oder in ihrer Theologie Johannes Calvin folgen. Zurzeit bin ich zusammen mit zwei reformierten Theologen an einem Buch beteiligt, das vier Auffassungen über göttliche Vorsehung darstellt. Aus ihren Beiträgen wird deutlich, dass beide trotz der intellektuellen Rätsel, die durch die reformierte Sicht aufgeworfen werden, diese Auffassung vertreten, weil sie nach ihrer Überzeugung der biblischen Lehre zu diesem Thema am ehesten entspricht und die Bibel der einzige autoritative Maßstab des Glaubens ist.
Eigentlich habe ich kein Problem mit bestimmten klassischen Aussagen der reformierten Sicht. Im Westminster Bekenntnis wird zum Beispiel in Artikel 3 erklärt:
„Gott hat von aller Ewigkeit her nach dem vollkommen weisen und heiligen Ratschluss seines eigenen Willens uneingeschränkt frei und unveränderlich alles angeordnet, was auch immer geschieht; doch so, dass Gott dadurch weder Urheber der Sünde ist noch dem Willen der Geschöpfe Gewalt angetan werden, noch die Freiheit oder Möglichkeit der Zweitursachen aufgehoben, sondern vielmehr in Kraft gesetzt werden.ˮ
Nun ist dies exakt das, was der Molinist glaubt! Das Bekenntnis bestätigt Gottes Vorherbestimmung all dessen, was geschieht, ebenso wie den freien und kontingenten Willen der Geschöpfe, sodass Gott nicht der Urheber der Sünde ist. Es ist eine Tragödie, dass reformierte Geistliche sich durch die Ablehnung des mittleren Wissens von der klarsten Erläuterung der Kohärenz dieses wunderbaren Glaubensbekenntnisses getrennt haben.
Molinismus versus Calvinismus – Eine Lösung oder ein Rätsel akzeptieren
Durch die Ablehnung der auf Gottes mittlerem Wissen basierenden Lehre von der göttlichen Vorsehung stehen reformierte Theologen durch ihr eigenes Bekenntnis vor einem Rätsel. Der große Theologe des 17. Jahrhunderts Francis Turretin vertrat die Auffassung, dass eine sorgfältige Analyse der Bibel zwei unzweifelhafte Schlussfolgerungen nach sich zieht, die beide in ihrem Spannungsverhältnis aufrecht erhalten werden müssen, ohne sich gegenseitig zu beschneiden:
„Dass Gott auf der einen Seite durch seine Vorsehung das Geschehen aller Dinge, ob frei oder kontingent, nicht nur beschlossen hat, sondern gewiss auch gewährleistet; doch dass auf der anderen Seite Menschen in ihrem Handeln immer frei und viele Wirkungen kontingent sind. Obwohl ich nicht verstehen kann, wie beides wechselseitig zusammenhängen kann, ist doch (bei aller Unkenntnis der Art und Weise) die Sache selbst (die aus einer anderen Quelle gewiss ist, d.h. aus dem Wort Gottes) weder in Frage zu stellen noch völlig zu leugnen.ˮ (Institutes of Elenctic Theology, 1: 512)
Hier bestätigt Turretin kompromisslos sowohl die Souveränität Gottes als auch die menschliche Freiheit und Kontingenz; er weiß einfach nicht, wie er beide zusammenbringen kann. Der Molinismus bietet eine Lösung. Indem reformierte Theologen diese Lösung ablehnen, bleiben sie mit einem Rätsel konfrontiert.
An einem Rätsel ist nicht per se etwas auszusetzen (die korrekte physikalische Interpretation der Quantenmechanik ist ein Rätsel!); das Problem ist, dass einige reformierte Theologen – wie die beiden anderen Mitverfasser des Buchs über die vier Auffassungen – das Rätsel dadurch zu lösen versuchen, dass sie an einem universalen, göttlichen Kausaldeterminismus und an einer kompatibilistischen Auffassung von der menschlichen Freiheit festhalten. Aus dieser Sicht geschieht Gottes souveräne Kontrolle aller Ereignisse dadurch, dass er sie verursacht, und Freiheit wird so interpretiert, dass sie mit einer kausalen Determinierung durch Faktoren außerhalb des eigenen Ichs vereinbar ist.
Diese Sicht, die einen universalen Determinismus und einen Kompatibilismus vertritt, stößt auf die von Ihnen erwähnten Probleme. Gott zum Urheber des Bösen zu machen ist nur eines der Probleme, mit denen diese neo-reformierten Ansichten konfrontiert sind. Mindestens fünf kommen einem sofort in den Sinn:
Molinismus versus Calvinismus – Fünf Schwierigkeiten bei der reformierten Auffassung
1. Ein universaler, göttlicher Kausaldeterminismus kann keine kohärente Auslegung der Bibel bieten. Die klassisch-reformierten Geistlichen erkennen dies an. Sie erklären, dass die Vereinbarkeit biblischer Texte, die die menschliche Freiheit und Kontingenz bestätigen, mit biblischen Texten, die die göttliche Souveränität bestätigen, unergründlich ist. D. A. Carson unterscheidet neun Aspekte des biblischen Textes, die die menschliche Freiheit bestätigen: 1) Menschen stehen vor einer Vielzahl göttlicher Ermahnungen und Gebote, 2) Menschen sollen gehorchen, glauben und Gott wählen, 3) Menschen sündigen und rebellieren gegen Gott, 4) die Sünden der Menschen werden von Gott verurteilt, 5) Menschen werden von Gott geprüft, 6) Menschen empfangen göttliche Belohnungen, 7) es liegt in der Verantwortung der Auserwählten, auf Gottes Initiative zu antworten, 8) Gebete sind keine bloßen Schaustücke, deren Skript von Gott stammt, und 9) Gott fleht den Sünder buchstäblich an, umzukehren und errettet zu werden (Divine Sovereignty and Human Responsibility: Biblical Perspectives in Tension, S. 18-22). Diese Abschnitte lassen kein deterministisches Verständnis der göttlichen Vorsehung zu, das eine menschliche Freiheit ausschließen würde. Deterministen vereinbaren einen universalen, göttlichen Kausaldeterminismus mit menschlicher Freiheit, indem sie Freiheit in kompatibilistischen Begriffen umdeuten. Kompatibilismus geht mit Determinismus einher; hier gibt es also kein Rätsel. Das Problem ist, dass die Annahme des Kompatibilismus eine Vereinbarkeit nur erreicht, indem geleugnet wird, was verschiedene biblische Texte offensichtlich klar bestätigen: echte Indeterminiertheit und Kontingenz.
2. Ein universaler, göttlicher Kausaldeterminismus lässt sich nicht rational bestätigen. Der Determinismus hat eine verwirrende, sich selbst widersprechende Seite. Denn wenn man dahin kommt, den Determinismus für wahr zu halten, muss man glauben, dass der Grund, warum man es glaubt, einfach darin besteht, dass man dazu determiniert wurde. Man war eigentlich nicht in der Lage, die Argumente dafür und dagegen abzuwägen und auf dieser Basis eine Entscheidung zu treffen. Der Unterschied zwischen der Person, die die Argumente für den Determinismus abwägt und dann verwirft, und der Person, die sie abwägt und dann akzeptiert, ist einzig und allein, dass die eine durch kausale Faktoren außerhalb ihrer selbst dazu determiniert wurde zu glauben, während die andere dazu determiniert wurde, nicht zu glauben. Wenn man erkennt, dass die eigene Entscheidung, an den Determinismus zu glauben, selbst determiniert war, und dass selbst die gegenwärtige Erkenntnis dieser Tatsache in dem gegebenen Moment ebenso determiniert ist, kommt man ins Taumeln, denn alles, was man denkt – sogar dieser Gedanke selbst – liegt außerhalb der eigenen Kontrolle. Der Determinismus könnte wahr sein; aber es ist sehr schwer zu sehen, wie er je rational zu bestätigen wäre, da seine Bestätigung die Rationalität seiner Bestätigung untergräbt.
3. Ein universaler, göttlicher Kausaldeterminismus macht Gott zum Urheber der Sünde und schließt menschliche Verantwortung aus. Im Gegensatz zur molinistischen Auffassung ist aus deterministischer Sicht selbst die Regung des menschlichen Willens von Gott verursacht. Gott bewegt Menschen dazu, das Böse zu wählen, und sie können nicht anders handeln. Gott bestimmt ihre Entscheidungen und veranlasst sie, Unrecht zu tun. Wenn es böse ist, eine andere Person zu veranlassen, Unrecht zu tun, dann ist Gott nach dieser Auffassung nicht nur die Ursache von Sünde und dem Bösen, sondern wird selbst böse, was absurd ist. Ebenso wird jede menschliche Verantwortung für Sünde beseitigt. Denn unsere Entscheidungen liegen nicht wirklich in unserer Hand: Gott verursacht, dass wir sie treffen. Wir können für unsere Taten nicht verantwortlich sein, denn nichts, was wir denken oder tun, liegt an uns.
4. Ein universaler, göttlicher Kausaldeterminismus macht menschliches Handeln nichtig. Da unsere Entscheidungen nicht an uns liegen, sondern von Gott verursacht werden, kann man von Menschen nicht sagen, dass sie wirkliche Akteure sind. Sie sind bloße Werkzeuge, durch die Gott handelt, um irgendeine Wirkung zu erzielen, so wie ein Mensch einen Stock benutzt, um einen Stein zu bewegen. Natürlich behalten sekundäre Ursachen alle ihre Eigenschaften und Kräfte als intermediäre Ursachen, wie die reformierten Geistlichen uns in Erinnerung rufen, so wie ein Stock seine Eigenschaften und Kräfte behält, die ihn für den Zweck geeignet machen, für den man ihn verwendet. Reformierte Denker müssen keine Okkasionalisten sein wie Nicholas Malebranche, der die Auffassung vertrat, dass Gott die einzige Ursache ist, die es gibt. Aber diese intermediären Ursachen sind nicht selbst Akteure sondern rein instrumentale Ursachen, denn sie haben nicht die Macht, Handlungen zu initiieren. Somit ist zu bezweifeln, dass es nach dem göttlichen Determinismus tatsächlich mehr als einen Akteur, nämlich Gott, in der Welt gibt. Diese Schlussfolgerung steht nicht nur in krassem Widerspruch zu unserem Wissen, dass wir Akteure sind, sondern macht unerklärlich, warum Gott uns dann als Akteure behandelt und uns für Taten verantwortlich macht, zu denen Er uns verursacht und gebraucht hat.
5. Ein universaler, göttlicher Kausaldeterminismus macht Wirklichkeit zu einer Farce. Aus deterministischer Sicht wird die ganze Welt zu einem vergeblichen und leeren Spektakel. Es gibt keine freien, gegen Gott rebellierenden Akteure, die Gott durch Seine Liebe zu gewinnen sucht, und es gibt keinen, der aus freien Stücken auf diese Liebe eingeht und aus freien Stücken Gottes Liebe erwidert und Ihn preist. Das ganze Spektakel ist eine Farce, deren einziger Akteur Gott selbst ist. Ich bin überzeugt, dass die deterministische Sicht – weit davon entfernt, Gott zu ehren – Gott vielmehr dafür verunglimpft, dass er eine so groteske Farce veranstaltet. Es ist zutiefst beleidigend zu denken, dass Gott Geschöpfe erschaffen würde, die in jeder Hinsicht kausal durch Ihn determiniert würden, und sie dann so behandeln würde, als wären sie freie Akteure, sodass Er sie für unrechte Taten bestrafen würde, zu denen Er sie veranlasst hätte, oder dass Er sie lieben würde, als wären sie frei antwortende Akteure. Gott wäre wie ein Kind, dass seine Spielzeugsoldaten aufstellt und in seiner Spielwelt bewegt und so tut, als wären sie reale Personen, deren jede Regung nicht in Wirklichkeit sein eigenes Werk ist, und vorgibt, sie würden Lob oder Beschuldigung verdienen. Ich bin sicher, dass reformierte Deterministen, im Gegensatz zu klassisch-reformierten Geistlichen, auf einen solchen Vergleich zornig reagieren. Aber warum er auf die Lehre eines universalen, göttlichen Kausaldeterminismus nicht zutreffen soll, ist mir ein Rätsel.
Molinismus versus Calvinismus – Theologen zu informieren kann die Akzeptanz des Molinismus erhöhen
Warum halten nun so viele intelligente und treue christliche Leiter den Calvinismus für richtig? Ich denke, dass die Art von Calvinismus, wie er in dem Zitat aus dem Westminister Bekenntnis zum Ausdruck kommt, eine angemessene Zusammenfassung der biblischen Lehre ist und deshalb geglaubt werden sollte. Problematisch wird es erst, wenn man darüber hinausgeht und versucht, das Rätsel zu lösen, indem man Determinismus und Kompatibilismus annimmt. Ich denke also, dass diese christlichen Leiter eine vernünftige Position vertreten, solange sie damit zufrieden sind, es bei dem Rätsel zu belassen. Die große Mehrheit von ihnen kennt den Molinismus wahrscheinlich kaum und ist deshalb einfach nicht ausreichend informiert, um eine Entscheidung zu treffen. Vor einigen Jahren sprach ich am Westminster Seminary in San Diego über das mittlere Wissen, und nach der Hälfte der anschließenden Frage-und-Antwort-Runde sagte ein Mitglied der Fakultät: „Ich muss zu meiner Verlegenheit sagen, Herr Kollege, dass wir gar nicht in der Lage sind, darüber mit Ihnen zu diskutieren, weil uns das, worüber Sie sprechen, überhaupt nicht vertraut ist.“ Es brachte ihn in Verlegenheit, dass er als professioneller Theologe diese Debatten überhaupt nicht kannte. Im Gegensatz dazu haben sich einige Theologen, die zur reformierten Tradition gehören, dem Molinismus genähert. Als ich die Stob-Vorlesungen am Calvin College und Calvin Seminary hielt, war ich schockiert, als die Theologen des Seminars mir sagten, dass sie alle Molinisten waren! Ich begegne immer mehr Menschen, die in die molinistische Richtung gehen (sowohl vom calvinistischen als auch von offen theistischen Ende des Spektrums!).
Seien Sie also nicht zu hart gegen unsere calvinistischen Geschwister. Bieten Sie ihnen etwas Besseres an und hoffen Sie, dass sie es annehmen werden.
(Übers.: M. Wilczek)
Link to the original article in English: /molinism-vs-calvinism
- William Lane Craig