#304 Moralischer Skeptizismus
September 29, 2015Sehr geehrter Prof. Craig,
meine Frau und ich haben in unserer Gemeinde einen Apologetikkurs begonnen, und wir haben die Teilnehmer zu uns nach Hause eingeladen, um Ihre Diskussion mit Alex Rosenberg anzuschauen. Unter den Gästen befand sich auch der Vater meiner Frau, der behauptet, an den Gott der Bibel zu glauben, aber in moralischen Fragen sehr reserviert ist. Er glaubt im Grunde, dass es keine objektiven moralischen Grundsätze gibt. Ich frage mich ernsthaft, wie er überhaupt errettet sein kann, da der christliche Glaube im Kern davon handelt, dass wir Gottes Gnade brauchen, weil wir gegen seine objektiven moralischen Grundsätze verstoßen haben.
Nachdem wir Ihre Diskussion gesehen hatten, haben wir über objektive moralische Grundsätze und Intuition gesprochen – oder wie Sie es nannten, „berechtigterweise basale Überzeugungen[1].“ Als wir meinen Schwiegervater zu einer Aussage veranlassen wollten, bestritt er, dass es sich bei der Vorstellung von objektiven moralischen Grundsätzen um eine intuitive Überzeugung handele - anders als z.B. die Auffassung "es gibt außer mir noch andere denkende Wesen", die er wirklich für intuitiv erfassbar hält. Er sagte, es sei schwer, jemanden zu finden, den wir als geistig gesund einstufen würden, der glaubt, dass andere Personen nicht existieren, doch lassen sich im Überfluss ähnliche Beispiele anführen wie Bundy[2] oder Hitler, die Vergewaltigung oder Mord für absolut in Ordnung halten. Mein Schwiegervater ging sogar noch einen Schritt weiter: Wenn eine Gesellschaft mit Leuten wie Ted Bundy entstehen würde, könnte er nicht sagen, dass das objektiv falsch wäre, auch wenn ihm der Gedanke daran missfällt.
In unserer Diskussion schien er auch anzudeuten, ihm gefiele der Gedanke, dass es keine „Liste“ von verbindlichen Moralvorstellungen gibt. Die „Zehn Gebote“ sind nicht vollständig, und die Aussage Jesu, dass wir Gott und unseren Nächsten lieben sollen, ist ihm zu subjektiv. Solange man objektive moralische Grundsätze nicht anhand einer klar verständlichen, erschöpfenden Liste beweisen kann, ist er damit also nicht zufrieden. Wir können abstrakte Konzepte wie die Addition von Zahlen demonstrieren, wir können wissenschaftliche Erkenntnisse empirisch überprüfen, und wir können intuitiv wissen, dass wir existieren, aber bei objektiven moralischen Grundsätzen scheinen alle diese Tests zu scheitern.
Er scheint den erkenntnistheoretischen Kampf der Ethik mit dem ontologischen Kampf zu vermischen. Wir haben schon genug Schwierigkeiten damit, ihm deutlich zu machen, dass objektive moralische Grundsätze überhaupt existieren. Was sagt man jemandem, der meint, eine mögliche Gesellschaft aus Leuten wie Ted Bundy wäre objektiv nicht falsch? Ich danke Ihnen noch einmal für alles, was Sie tun.
Derek
<ul><li>United States</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Ich freue mich, Derek, dass Sie die Diskussion als Forum genutzt haben, um andere zu erreichen! Und ist es nicht wunderbar, dass dadurch ein Gespräch über eine so wichtige Frage in Gang gesetzt wurde?
Ihnen ist aufgefallen, dass Ihr Schwiegervater die moralische Ontologie (Lehre vom Sein) und die moralische Epistemologie (Erkenntnislehre) miteinander vermischt. Die Existenz objektiver moralischer Werte und Pflichten benötigt keine vollständige Liste unserer moralischen Pflichten. (Eine derartige Liste wäre in jeder Hinsicht unendlich und unfassbar.)
Ihren Schwiegervater davon zu überzeugen, an die Objektivität moralischer Werte zu glauben, ist so, als würden Sie jemanden, der meint, er würde in der Matrix leben, zu überzeugen versuchen, an die ihn umgebende Realität der äußeren Welt mit ihren wahrnehmbaren Objekten zu glauben! Wenn man die Wahrhaftigkeit seiner Sinne bestreitet, dann besteht außerhalb der Sinneswahrnehmung keine Möglichkeit, die Existenz der wahrgenommenen Objekte zu überprüfen. Dennoch ist es rational, an die prinzipielle Zuverlässigkeit unserer Sinne zu glauben, es sei denn wir haben Grund zu der Annahme, dass sie fehlerhaft sind. Die Überzeugung von der Existenz der äußeren Welt der wahrnehmbaren Objekte ist somit die Standardposition, und zwar eine berechtigterweise basale Überzeugung, die auf unserer Sinneserfahrung basiert.
Ebenso möchte ich sagen, dass die Überzeugung von der Objektivität moralischer Werte und Pflichten die Standardposition ist, eine berechtigterweise basale Überzeugung, die auf unserer moralischen Erfahrung basiert. Daher sollten wir an die objektive Realität moralischer Werte und Pflichten glauben, es sei denn wir haben einen Grund, etwas anderes anzunehmen. Doch wie Louise Anthony in unserer Diskussion über die Existenz Gottes so treffend sagte, die Existenz objektiver moralischer Werte und Pflichten wird immer offensichtlicher sein als die Prämissen aller Argumente für einen moralischen Skeptizismus. An nur eine dieser Prämissen zu glauben, findet weniger Rechtfertigung, als an die Objektivität moralischer Werte und Pflichten zu glauben. Deshalb kann es nie vernünftig sein, das Konzept des moralischen Skeptizismus zu übernehmen.
So können Sie zum Beispiel zu Ihrem Schwiegervater sagen, dass er, wenn er die Objektivität moralischer Werte und Pflichten leugnet, aus demselben Grund auch Zweifel an der ihn umgebenden Welt der wahrnehmbaren Objekte hegen sollte. Um seinen moralischen Skeptizismus zu rechtfertigen, muss er einen Grund haben, der die Wahrhaftigkeit unserer moralischen Wahrnehmung anzweifelt, aber nicht in gleicherweise auf unsere Sinneswahrnehmungen anzuwenden ist. In dem Augenblick, in dem er einen solchen Grund zu geben versucht, bewegen Sie sich über bloßen Skeptizismus hinaus und beginnen eine substantielle Diskussion darüber, ob er tatsächlich einen guten Grund hat, seine moralischen Wahrnehmungen anzuzweifeln.
Gleich mehrere Fehler finden sich beispielsweise in seinem Einwand: „Es ist schwer, jemanden zu finden, den wir als geistig gesund einstufen würden, der glaubt, dass andere Personen nicht existieren, doch lassen sich im Überfluss ähnliche Beispiele anführen wie Bundy oder Hitler, die Vergewaltigung oder Mord für absolut in Ordnung halten.“
1) Es gibt geistig gesunde Menschen, die glauben, dass andere Personen nicht existieren. Zum Beispiel Alex Rosenberg! Wie der Diskussion zu entnehmen war, glaubt er nicht, dass das Ich, Personen oder Ich-Perspektiven existieren. Denken Sie an mein Argument aus persönlicher Existenz gegen den metaphysischen Naturalismus.[3] Außerdem leugnen Buddhisten, Hindus und Idealisten die Realität der Welt der wahrnehmbaren Objekte und anderer Personen. Sollte das Ihren Schwiegervater dazu veranlassen, die Existenz seiner Tochter zu leugnen?
2) Die große Mehrheit der Menschen, einschließlich Bundy und Hitler, glauben ebenso wie Philosophen, dass es objektive moralische Werte und Pflichten gibt. Bundy und Hitler hatten die Existenz von objektiven moralischen Werten und Pflichten nicht grundsätzlich verleugnet. Sie waren nur in einigen Fällen nicht derselben Meinung, welche Werte und Pflichten das sind. In ähnlicher Weise sind wir uns womöglich nicht einig, um welche Sache es sich bei einem Objekt, das wir zu sehen scheinen, handelt. Das veranlasst uns aber nicht, die Realität von allen physischen Objekten rundweg zu leugnen.
3) Noch grundlegender geht der Einwand Ihres Schwiegervaters davon aus, dass alle berechtigterweise basalen Überzeugungen ähnlich sind hinsichtlich ihrer Universalität und Gewissheit. Das ist schlichtweg falsch. Überzeugungen aufgrund von Erinnerungen und Zeugenaussagen sind Beispiele für berechtigterweise basale Überzeugungen; aber sie sind an Personen gebunden und kaum so zweifelsfrei wie die Überzeugung, sagen wir einmal, dass die Welt schon länger als fünf Minuten besteht. Angesichts der Existenz von Psychopathen und bösen Menschen überrascht es nicht wirklich, dass einige moralische Überzeugungen nicht universell vertreten werden! Warum sollten wir Psychopathen und Tyrannen erlauben, unser Vertrauen in objektive moralische Werte und Pflichten zu untergraben? Wie also kann die angebliche Universalität von Überzeugungen in der äußeren Welt die Überzeugung rechtfertigen, dass wir nicht in einer virtuellen Realität wie der Matrix leben?
Außerdem könnten Sie Ihrem Schwiegervater aufzeigen, dass sich objektive moralische Werte in logischer Weise aus den Dingen ergeben, die er bereits glaubt. Sie sagen beispielsweise, dass er an den Gott der Bibel glaubt. Dann fragen Sie ihn doch einmal, ob er diesen Gott für gut hält. Wenn nicht, wie ist er dann würdig, angebetet zu werden? Wenn Gott der Anbetung nicht würdig ist, wie kann er dann Gott sein? Meint er, dass Jesus von Nazareth ein guter Mensch war? Wenn nicht, wie kann er dann Jesus anbeten? Ich möchte Ihnen Mut machen, ihm einige Bibelstellen über die Güte Gottes vorzulesen. Das würde ihm nicht nur zeigen, dass der Gott der Bibel gut ist, das Wort Gottes könnte auch sein verhärtetes Herz erreichen.
William Lane Craig
(Übers.: M. Plohmann / L.:RN)
Link to the original article in English: /moral-scepticism
ENDANSWER
[1] Engl. "properly basic belief". Zur Erläuterung für deutschsprachige Leser:
Eine basale Überzeugung einer Person ist eine, welche diese Person nicht auf eine andere seiner Überzeugungen stützt. Sie steht sozusagen an der "Basis" bzw. am "Fundament" seines Überzeugungssystems.
Unmittelbar einsichtige Beispiele sind Überzeugungen wie "Ich sehe vor mir einen Tisch" (direkte Beobachtung), oder "2 + 2 = 4" (direkte rationale Einsicht). Diese Überzeugungen bedürfen keiner weiteren Begründung, denn jede der Begründungen, die man dafür anführen würde, wäre weniger evident als die die Tatsache, dass man z.B. vor sich einen Tisch sieht.
Wenn eine Überzeugung "berechtigterweise basal" (engl. properly basic) ist, dann ist man gerechtfertigt und rational, diese Überzeugung zu haben, auch wenn man keine weiteren Begründungen für diese Überzeugungen hat.
Um zu zeigen, dass auch moralische Überzeugungen berechtigterweise basal sein können, nennt W.L. Craig zunächst weitere Beispiele von basalen Überzeugungen, etwa: "Es gibt eine Außenwelt" bzw. "Wir leben nicht in einer Matrix". Wir nehmen die Außenwelt wahr. Daher ist unser Glaube an sie "begründet", aber nicht durch andere Überzeugungen (außer der Überzeugung, dass ich sie wahrnehme). Für die Realität der Außenwelt kann man keine Beweise "aus der Außenwelt" anführen (etwa den Baum, das Auto und die beiden Häuser, die ich sehe), da die Annahme der Gültigkeit dieser Belege schon voraussetzen müsste, dass die Außenwelt real ist.
Auch wenn man die Realität der Außenwelt also nicht beweisen kann, ist es doch überaus rational, an ihre Existenz zu glauben - und sich entsprechend zu verhalten.
Die Frage nach der Struktur epistemischer Rechtfertigung ist eine Kernfrage der Erkenntnistheorie, die auch ganz unabhängig von der Moralphilosophie (oder der Religionsphilosophie) diskutiert wird. Eine sorgfältige Darstellung der verschiedenen "Grundtypen" bzw. Modelle der Struktur epistemischer Rechtfertigung (also z.B. "epistemischer Fundamentalismus" versus "epistemischer Kohärentismus"), findet sich z.B. in Thomas Grundmann: Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie, de gruyter 2008.
Dass auch bestimmte christliche Glaubensüberzeugungen als "berechtigterweise basal" angesehen werden können – also zum Fundament eines Überzeugungssystems gehören können – wird u.a. von Alvin Plantinga in seinem Aufsatz "Ist der Glaube an Gott berechtigterweise basal?" (in: Christoph Jäger (Hrsg.): Analytische Religionsphilosophie, Paderborn 1998: Verlag Ferdinand Schöningh, S. 317-330, vertreten.
(Anm. d. Übers.)
[2] Theodore „Ted“ Robert Bundy (1946-1989), bekannter amerikanischer Serienmörder.
[3] Das "Argument gegen den Naturalismus aufgrund unserer eigenen Existenz" entstammt der Debatte zwischen William Lane Craig und Alexander Rosenberg vom 01. Februar 2013 und lautet:
(1) Wenn Naturalismus wahr ist, existiere ich nicht. (Denn im Naturalismus gibt es kein Selbst, keine Personen, es gibt keine "erste-Person-Perspektive").
(2) Ich existiere aber ! (Das weiß ich so sicher wie irgendetwas).
(3) Also ist der Naturalismus falsch.
Eine Unterscheidung zwischen methodischem (epistemologischem) und metaphysischem Naturalismus sowie acht Argumente gegen den metaphysischen Naturalismus trägt William Lane Craig ab Minute 56 bis Minute 1h05 in diesem Video von der Debatte vor: https://www.youtube.com/watch?v=1d2X9rrzgso&t=56m24s
Das Argument gegen den Naturalismus aufgrund unserer eigenen Existenz findet sich bei 1h03m08s:
https://www.youtube.com/watch?v=1d2X9rrzgso&t=1h03m08s (Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig
