#255 Skeptischer Theismus und das Problem des Bösen
September 29, 2015Ich frage mich, ob wir uns wirklich allzu sehr auf den „skeptischen Theismus“ verlassen können. Meines Wissens nach unterstützt er klassischerweise die folgenden drei Thesen:
ST1: Wir haben keinen guten Grund anzunehmen, dass das uns bekannte mögliche Gute repräsentativ für das mögliche Gute ist, das es gibt.
ST2: Wir haben keinen guten Grund anzunehmen, dass das uns bekannte mögliche Böse repräsentativ für das mögliche Böse ist, das es gibt.
ST3: Wir haben keinen guten Grund anzunehmen, dass die uns bekannten Folgerungsrelationen zwischen dem möglichem Guten und der Erlaubnis von möglichem Bösen repräsentativ sind für die Folgerungsrelationen zwischen möglichem Guten und der Erlaubnis von möglichem Bösen, die es gibt.
Aber ob dies wahr ist oder nicht: skeptischer Theismus untergräbt damit jegliches Urteil darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass ein bestimmter Tatbestand eintreffen kann, da Gott ja Gründe haben könnte, diesen Tatbestand herbeizuführen oder ihn zu verhindern.
Halten Sie es zum Beispiel für unwahrscheinlich, dass Gott es erlauben bzw. verursachen könnte, dass sich heute Abend auf Ihrem Kopf zufällig eine pinkfarbene Eidechse materialisiert und dann wie ein Knallkörper explodiert? Warum halten Sie dies für unwahrscheinlich? Vergessen Sie nicht den Schmetterlingseffekt und Ihre völlige Unfähigkeit zu erkennen, wie dies den Lauf der Geschichte verändern würde! Angesichts eines uneingeschränkten skeptischen Theismus sollten Sie sich von jeglicher Erwartung frei machen, die Sie darüber hegen mögen, ob Gott nun dieses Ereignis heute Abend verursachen bzw. erlauben wird oder nicht.
Blake
<ul><li>United States</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Blake, mir hat der Terminus “skeptischer Theismus“ nie gefallen und ich glaube nicht, dass ich ihn je dazu verwendet habe, meine Antwort auf das Problem des Bösen zu charakterisieren (es sei denn vielleicht im Zuge meiner Erwiderung an jemanden, der diesen Terminus benutzt hat). Ich denke, dass er die falschen Konnotationen hervorruft. Typischerweise haben seine Vertreter keine positive natürliche Theologie, die als Gegengewicht zu dem gegen Gott verwendeten Beweis dienen könnte, dass Böses scheinbar hätte verhindert werden können. Aber meine robuste natürliche Theologie macht meine Art der Annäherung an diese Frage zum genauen Gegenteil von Skeptizismus!
In Bezug auf das scheinbar unnötig hohe Maß an vorhandenem Bösen in der Welt ziehe ich es einfach vor, das zu behaupten, was beim Nachdenken einsichtig erscheint: nämlich, vorausgesetzt es gibt einen Gott, der mittleres Wissen besitzt, sind wir einfach nicht in der Lage, mit irgendeiner Gewissheit behaupten zu können, dass Gott wahrscheinlich keinen hinreichenden moralischen Grund dafür besitzt, ein bestimmtes leidvolles Ereignis zuzulassen, das uns widerfährt.
Während Sie also recht haben, dass die sogenannten skeptischen Theisten häufig These ST1 und ST2 vertreten, bilden diese Thesen doch keinen Teil meiner Antwort auf das Problem des Bösen. Ich habe sogar das Gute benannt, das meiner Meinung nach Gottes Zulassen von moralisch und natürlich Bösem in der Welt rechtfertigen könnte. Was These ST3 betrifft, so bin ich nicht sicher, dass selbst skeptische Theisten unterstützen würden, was sie meiner Meinung nach besagt; ich selbst habe nie etwas Vergleichbares in meiner Antwort auf das Problem des Bösen behauptet. Vermutlich bedeutet dies, dass ich kein skeptischer Theist bin!
Jedenfalls denke ich nicht, dass die von Ihnen genannten unerwünschten Konsequenzen sich aus dem ergeben, was ich gesagt habe, und selbst nicht einmal aus dem skeptischen Theismus. Denn wir reden hier über das Böse oder das Leid in der Welt. Die Behauptung lautet, dass wir keine Grundlage haben zu sagen, dass irgendein Böses, das uns widerfährt, nicht zu Recht von Gott zugelassen wurde. Doch das bedeutet nicht, wir hätten keine Grundlage nicht-moralischer Art, um anzunehmen, dass bestimmte Ereignisse nicht geschehen werden. Nehmen Sie Ihr Beispiel mit der pinkfarbenen Eidechse. Würde jemand aus moralischen Gründen behaupten, dieses Ereignis könne nicht eintreffen, dann würde ich Ihnen zustimmen, dass man dies nicht behaupten kann. Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass Gott nicht moralisch gerechtfertigt sein könnte, eine solche Explosion auf meinem Kopf zu erlauben. Genau aus diesem Grund wären wir auch nicht in der Position behaupten zu können, wenn jemand eine traumatische Schädelverletzung beispielsweise auf einer Baustelle oder im Krieg erlitte, Gott besäße keinen moralisch ausreichenden Grund dafür, dies zuzulassen. Aber auch wenn wir eine solche Schädelverletzung nicht aus moralischen Gründen ausschließen können, hätten wir dann nicht dennoch andere Gründen anzunehmen, dass es unwahrscheinlich ist, dass ich eine solche Verletzung heute Abend durch die magische Erscheinung einer pinkfarbenen Eidechse auf meinem Kopf erleide? Mir scheint beispielsweise, dass ich gute Gründe habe anzunehmen, dass Gott ein mit Naturgesetzen ausgestattetes Universum erschaffen hat, in dem wundersame Eingriffe von Seiner Seite in ihrer Art und ihrem Kontext begrenzt sind. Während ich es also nicht ausschließen würde, dass ich durch eine Explosion über meinem Kopf verletzt werden könnte, habe ich gute Gründe anzunehmen, dass dies nicht durch die zufällige Materialisierung einer pinkfarbenen Eidechse geschieht, während ich heute Abend im Bett liege.
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: /sceptical-theism-and-the-problem-of-evil
- William Lane Craig