#206 Ein feinabgestimmtes Universum
September 29, 2015Ich hörte Dr. Craig darüber sprechen, wie beeindruckt manche Atheisten von der Multiversums-Theorie sind – nämlich der Idee, dass es eine unendliche Zahl von Universen gibt, in denen alle möglichen Kombinationen der kosmologischen Konstanten aufgetreten sind oder auftreten, und sie schließen daraus, dass der Grad der Feinabstimmung unseres Universums wenig beeindruckend ist.
Verzeihen Sie, aber ich sehe nicht, wie das Postulat einer wirklich unendlichen Zahl von Universen ihnen überhaupt hilft, wenn die Variablen innerhalb dieser möglichen Universen ebenfalls unendlich sind. In diesem Fall haben sie eine unendliche Möglichkeit, dass KEINE Wiederholung der idealen Lebensbedingungen JEMALS auftreten wird.
Mir scheint, sie brauchen eine BEGRENZTE Zahl von Variationen der Konstanten und eine SEHR GROSSE Zahl von Wiederholungen der Variablen, so wie etwa das häufige Werfen eines sechsseitigen Würfels die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass irgendwann eine Vier erscheint. Hätte der Würfel selbst dagegen unendlich viele Seiten, würde eine unendliche Zahl von Würfen – so scheint mir – die Wahrscheinlichkeit NICHT erhöhen, dass irgendwann eine Vier erscheint; tatsächlich gäbe es eine unendlich hohe Wahrscheinlichkeit, dass dies NIE geschehen würde.
Wenn die tatsächliche Zahl der Möglichkeiten selbst unendlich ist, wie kann ein unendlich häufiges Auftreten zu einer höheren Wahrscheinlichkeit beitragen, dass „die richtigen Zahlen getroffen“ werden, um ein ein geordnetes, lebenserhaltendes Universums hervorzubringen? Ist mir hier etwas entgangen oder setzen die Multiversums-Vertreter eine begrenzte Zahl kosmologischer Konstanten voraus? Stellt sich in diesem Fall nicht die Frage „Was verursacht denn die besondere Zusammenstellung begrenzter kosmologischer Konstanten?“ Und wenn das so ist, wie hilft ihnen die Multiversum-Theorie dann, das Problem der Singularität zu umgehen?
Mir ist bewusst, dass diese Frage vielleicht ein wenig zu esoterisch ist, um auf die Webseite gestellt zu werden, doch sollte Prof. Craig interessiert sein, diese Frage zu beantworten, würde ich diese Antwort jedenfalls sehr gern erfahren.
Stephen
<ul><li>Canada</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Feinabstimmung des Universums
Stephen, Sie stellen eine außerordentlich scharfsinnige Frage darüber, ob es stichhaltig ist, sich auf ein Weltensemble oder ein Multiversum zu berufen, um die Zufallshypothese als beste Erklärung für die beobachtete Feinabstimmung des Universums zu retten.
Verfechter der Viele-Welten-Interpretation berufen sich normalerweise auf irgendeine physikalische Theorie, die dazu dient, ein Ensemble existierender Welten zu generieren oder zu beschreiben. Die M-Theorie zum Beispiel, die verschiedene Stringtheorien der Physik vereint, erlaubt eine kosmische Landschaft von 10500 verschiedenen Zuständen des Quantenvakuums, das sich durch unterschiedliche fundamentale Konstanten auszeichnet. Man kann die M-Theorie dann mit kosmologischer Inflation verbinden, sodass man zu verschiedenen Universumsblasen im größeren Ozean des expandierenden falschen Vakuums gelangt, um die verschiedenen Kombinationen auszuprobieren, die die kosmische Landschaft erlaubt. Wenn wir eine unendliche Zahl von Welten annehmen, wird jede Kombination unendlich oft wiederholt werden.
Wie Sie sagen, wirft dieser Schritt einer Beschränkung der Natur des Multiversums erneut die Frage auf, ob die Gesetze, die es regieren, in irgendeiner Weise besonders sein müssen. Wenn ja, dann wurde durch die Berufung auf das ein Weltensemble für jemanden, der die Unwahrscheinlichkeit der Feinabstimmung unseres Universums auf naturalistische Weise erklären will, nichts gewonnen.
Feinabstimmung des Universums – Das Multiversum erklärt nicht, warum Wesen existieren, die interagieren können
Aber solche Berufungen auf die Viele-Welten-Interpretation leiden unter einem sogar noch fundamentaleren Fehlschluss. Erst diese Woche habe ich einen sehr aufschlussreichen Artikel von Robin Collins zu diesem Thema gelesen.[1] Collins weist darauf hin, dass es zur Erklärung dieses Phänomens nicht genügt, einfach ein Weltensemble zu postulieren, das groß und vielfältig genug ist, damit einige Phänomene in einigen Welten nicht auftreten. Sonst könnte man fast alles (zum Beispiel, dass ich jedes Mal vier Asse bekomme, wenn ich Karten austeile) mit dem Hinweis erklären, dass es irgendwo im Weltensemble Welten gibt, in denen das fragliche Phänomen in Erscheinung tritt. Selbst die Wissenschaft und rationales Verhalten wären unmöglich, wenn buchstäblich alles als eine Zufallserscheinung in einem Weltensemble abgetan werden könnte.
Verfechter der Weltensemble-Erklärung für die Feinabstimmung des Universums berufen sich deshalb auf einen Selbstselektionseffekt seitens der Beobachter. Beobachter können nur solche Welten beobachten, deren Parameter Leben zulassen. Natürlich existieren Beobachter nicht in Welten, die mit der Existenz der Beobachter unvereinbar sind! Somit müssen alle Welten im Ensemble, in denen es Beobachter gibt, als Welten gesehen werden, die Leben erlauben. Die Annahme lautet hier, dass beobachtbare Welten durch Feinabstimmung gekennzeichnet sind. Das erlaubt dem Anhänger der Zufallshypothese zu sagen, dass Beobachter ihre Welt als feinabgestimmt erkennen müssen, und so gibt es nichts zu erklären.
Was Collins aufzeigt ist, dass diese Annahme falsch ist. Hier beruft er sich auf die berühmten Boltzmann-Gehirne. Es ist physikalisch möglich, eine beobachtbare Welt zu haben, in welcher sich durch eine Quantum-Fluktuation im Vakuum ein einzelnes Gehirn bildet. Boltzmann-Gehirne können selbst in solchen Welten in die Existenz fluktuieren, die nicht für die Existenz von denkenden Wesen, die interagieren können und in Besitz eines Körpers sind, feinabgestimmt sind (zum Beispiel in einer Welt, in welcher die kosmologische Konstante zu groß ist, als dass sich Galaxien und Sterne bilden könnten). Beobachtbare Welten brauchen also nicht in dem Maße feinabgestimmt zu sein, wie unsere Welt es ist. Wenn man in diesem Fall ein Weltensemble oder ein Multiversum postuliert und sich auf einen Selbstselektionseffekt von Beobachtern beruft, erklärt dies nicht, warum wir, wenn wir eine zufällige Welt in einem solchen Ensemble sind, ein feinabgestimmtes Universum beobachten.
Collins sagt es so:
Das Vertrauen auf das Prinzip der Beobachterselektion wirft ein enormes Problem für die Multiversum-Erklärungen der Feinabstimmung auf: Die Daten der Feinabstimmung bedeuten nicht, dass wir in einem „beobachter-strukturierten Universum“ leben, womit ich ein Universum meine, das so strukturiert isst, dass eine große Zahl von Beobachtern auftreten wird; die Daten bedeuten vielmehr, dass wir in einem Universum leben, das exakt so beschaffen ist, dass die vorherrschende Art der wahrscheinlich auftretenden Beobachter Wesen mit Körper und Bewusstsein sind, die gegenseitig das Wohl des Anderen wesentlich beeinflussen können, ob zum Guten oder zum Schlechten… Das Boltzmann-Gehirn-Problem zeigt also, dass die Konstanten nicht lediglich für irgendwelche Beobachter feinabgestimmt sind, sondern für interagierende Wesen, die durch einen evolutionären Standardprozess entstehen. Doch weil sich die Multiversum-Hypothese auf das Prinzip der Beobachterselektion stützt, kann sie bestenfalls die Feinabstimmung für die Existenz von Beobachtern erklären, nicht die Feinabstimmung, die für die Existenz von interagierenden Wesen nötig ist.
Um die Berufung auf das Weltensemble zu retten, muss der Anhänger der Zufallshypothese irgendeinen Grund für den Gedanken bieten, dass die Mehrheit – oder zumindest ein signifikanter Anteil – der Welten mit Beobachtern solche Welten sind, die für die Existenz körperlicher interagierender Wesen feinabgestimmt sind. Sonst greift die Erklärung gar nicht erst. Aber diese Begründung wird er nicht liefern können.
Collins Analyse legt also nahe, dass die Berufung auf ein Weltensemble oder ein Multiversum für die Erklärung der Feinabstimmung ziemlich irregeleitet ist. Das Problem ist nicht, dass wir, wenn wir zufällige Mitglieder eines Weltensembles sind, uns selbst als ein Boltzmann-Gehirn verstehen sollten, welches der Illusion unterliegt, Teil eines viel größeren Universums zu sein; es geht viel grundlegender darum, dass eine Beschaffenheit des Universums erklärt werden muss, die irgendwelche Beobachter zulässt; sondern es muss die Beschaffenheit des Universums erklärt werden, die es zulässt, dass körperliche Wesen, die miteinander agieren können, zulässt. Collins erklärt:
In der Literatur wird es als gegeben angesehen, dass das Multiversum die Feinabstimmung erklärt, während das Boltzmann-Gehirn-Problem als eine unerwünschte Konsequenz von Multiversum-Erklärungen betrachtet wird, die irgendwie noch ausgeräumt werden muss. Mein Argument rollt die Debatte von einer anderen Seite auf, indem es argumentiert, dass die Existenz von Boltzmann-Gehirnen zeigt, dass das Universum nicht für Beobachter im allgemeinen feinabgestimmt ist, sondern für interagierende Wesen; somit kann die Multiversums-Hypothese die Feinabstimmung noch nicht mal im Ansatz erklären, da sie auf dem Prinzip der Beobachterselektion beruht, nicht auf einem Selektionsprinzip von „miteinander agierender Wesen.“ (Hervorhebung von mir hinzugefügt).
Da das, was nach einer Erklärung schreit, nicht eine Feinabstimmung des Universums nur für Beobachter schlechthin ist, sondern vielmehr die Feinabstimmung für körperliche interagierende Wesen, ist die Hypothese des Weltensembles zur Erklärung der Feinabstimmung noch nicht mal im Ansatz zu gebrauchen.
William Lane Craig
(Übers.: M. Wilczek)
Link to the original article in English: /finely-tuned-universe
[1] „Modern Cosmology in Philosophical and Theological Perspective: Three methodological approaches“ (Vorabdruck).
- William Lane Craig
