#46 Noch einmal zum Euthyphron-Dilemma
January 14, 2016Ihre Arbeit und Ihr Beitrag zur Philosophie und zum christlichen Gedankengut im Allgemeinen war mir auf der Reise durch die Fragen meines Lebens eine unverzichtbare Hilfe. Ich habe die letzten paar Jahre in Thailand unterrichtet und dabei im Gespräch mit anderen Lehrern immer wieder einige Ihrer Gedanken zur Sprache gebracht. Zur Zeit diskutiere ich mit einem Kollegen über den Nutzen des Moralarguments. Eigentlich gefällt mir dieses Argument sehr gut, aber in letzter Zeit sind mir doch so einige Zweifel daran gekommen. Zwei davon betreffen die Antwort, die Sie James vor zwei Wochen auf das „Euthyphron-Dilemma“ (Q&A #44)[1] gegeben haben.
Ich verstehe zwar (glaube ich) den Unterschied zwischen Moralontologie (= Basis oder Grundlage für moralische Werte) und der Moralepistemologie (der Frage, wie wir von diesen moralischen Werten Kenntnis erlangen können). Allerdings gelingt es mir nicht, die einzelnen Punkte zwischen James’ Frage und Ihrer entsprechenden Antwort darauf zu verbinden, denn mir scheint, Sie gefährden damit die Hauptaussage des Moralarguments, wonach die (ontologische) Existenz sittlicher Werte ohne begründenden Gott undenkbar ist, oder? Dass Gott notwendig gut ist und man daher ohne Gott nicht von der Existenz eines unabhängigen oder ohne ihn existierenden sittlichen Maßstabs sprechen kann, leuchtet mir noch ein. Mir scheint aber, das verschiebt das Euthyphron-Dilemma einen weiteren Schritt nach hinten. Wenn Sie die Auffassung zurückweisen und sagen, nicht Gottes ausgesprochener Wille bzw. seine Zustimmung mache eine Sache zu etwas Gutem, sondern Gottes Zustimmung sei als Frucht seines notwendig guten Wesens zu denken, so erhebt sich die Frage: „Wenn Gottes Wesen den sexuellen Missbrauch an Kleinkindern verabscheut, dieser Abscheu aber keine willkürliche Haltung sein soll (und damit quasi grundlos geschieht), würde das denn nicht bedeuten, dass Gottes Wesen aus gutem Grund gut ist? Mit anderen Worten, können wir nicht sagen, Gottes Wesen ist der Vergewaltigung von Kleinkindern notwendig entgegen, weil dies für die Opfer in jeder denkbaren Welt eine Ungerechtigkeit und Verletzung darstellt (also aus gutem Grund)?“ Müssen wir daraus schließen, dass die Gründe, nicht zu vergewaltigen (lieblos, ungerecht) sofort wegfielen, wenn es kein transzendentes, notwendig gutes Wesen gibt? Ich sehe nicht, warum das zu schließen wäre. Will man Gottes gutes Wesen vor dem Willkürverdacht schützen (Gott ist halt nun mal gut und ist gegen Vergewaltigung), dann, so scheint mir, muss Gottes Wesen Gründe – gute Gründe – haben, weshalb X gut und liebevoll, Y dagegen böse und abscheulich ist. Es scheint mir, das reduziert die Sache auf die Frage: Gibt es gute Gründe, auch wenn es Gott nicht gibt?
Ich habe dann auch Schwierigkeiten zu verstehen, inwiefern die Schlüsse, zu denen Sie und James gekommen sind, einen Theisten nicht unausweichlich zur Ansicht bringen, es sei Gottes Wesen, was eine Tat wie die Vergewaltigung zu etwas Falschem macht, und nicht etwa sei diese Handlung aus verschiedenen Gründen selbst schlecht. Worin besteht das theologische Unglück, wenn man behauptet, Gottes Wesen sei vollkommen gut im Sinne einer vollkommenen und ständigen Übereinstimmung mit dem, was Liebe, Güte usw. an sich schon fordern? Würde eine solche Sichtweise die Herrlichkeit Gottes nicht sogar noch vergrößern, wonach er frei stets und immer so handelt, wie es dem Guten entspricht? Eine solche Handlungsweise unterschiede sich von einer, die aus stummer Notwendigkeit heraus handelt, ja, die wegen ihrer Unfehlbarkeit gar nicht anders kann als so und so zu handeln.
Der Unterschied läge dann darin, dass man im einen Fall sagt: „Gott ist halt einfach notwendig gut“ und im anderen Fall: „Gott ist vollkommen gut, weil er immer das Gute wählt“. Gott könnte ja auch ein bösartiger, verletzender kosmischer Diktator sein, hat sich aber liebenswerter Weise dagegen entschieden. Gerade darin besteht doch seine Herrlichkeit, dass er sich entschlossen hat, aus seiner Freiheit heraus, obwohl er auch anders könnte, zu lieben und das Gute zu tun. Beraubt nicht ein Wesen, dessen Moral in einem Müssen besteht, (im Gegensatz zu einem Wesen, das das Gute wählt) Gott nicht seiner Tugend und Größe, jener Charaktereigenschaften also, die nur zu einem Willen passen, der frei wählen kann? Ich gebe gerne zu: Wenn wir die Voraussetzung fahren lassen, wonach Gottes Wesen notwendig gut ist, haben wir einen Gott, dessen Wesen nur deshalb vollkommen gut ist, weil er bislang immer nur das Gute gewählt hat. Ich bin aber dennoch nicht überzeugt, dass das alles schlecht sein soll, wenn man bedenkt, dass ein Wesen, das gar nicht anders sein kann als so, wie es ist, der Feind der lobenswerten Freiheit zu sein scheint und verlangt, Gott müsse X tun und könne Y nicht tun. Dem möchte ich nur noch hinzufügen, ich bin ein entschiedener Verehrer des Moralarguments, habe aber mit den geschilderten Gedanken stark zu kämpfen gehabt, als ich mit einigen Leuten über diese Dinge sprach.
Beste Segenswünsche,
Matt
<ul><li>Korea South</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Nur um sicherzugehen, Matt, dass wir die Position genau verstehen, die ich vertrete, bevor ich Ihre Frage beantworte: Der Standpunkt heißt nicht: „Gott ist notwendig gut, daher kann nicht gesagt werden, es gibt einen von ihm unabhängigen moralischen Maßstab für das Gute außerhalb seiner.“ Dass Gott notwendig gut ist, passt mit der Sichtweise zusammen, wonach er in jeder möglichen Welt einem gewissen äußeren Maßstab entspricht. Das ist aber nicht genug. Der Standpunkt ist vielmehr dieser: Gottes moralisches Wesen ist das Musterbeispiel des Guten; was gut ist und was schlecht, wird an Gottes Wesen selbst gemessen. Dazu ein Beispiel. Denken Sie an die Welt des Klangs. Eine Aufzeichnung wird mit dem Etikett „high fidelity“ (=hohe Wiedergabetreue; AdÜ) bezeichnet, wenn sie dem Klang eines Liveorchesters nahekommt. Der Klang des Liveorchesters wird nicht an etwas anderem gemessen, sondern ist selbst der Maßstab, an dem gemessen wird, was als „high fidelity“ bezeichnet werden kann und was nicht. So verhält es sich auch mit Gottes Wesen. Mehr noch, Gottes moralisches Wesen findet seinen Ausdruck in Form der göttlichen Gebote, die unsere sittliche Pflicht begründen. Richtig und falsch orientieren sich demzufolge daran, ob etwas von Gott ge- oder verboten wird.
Das, so sagen Sie, wirft folgende Frage auf:
„Wenn Gottes Wesen den sexuellen Missbrauch an Kleinkindern verabscheut, dieser Abscheu aber keine willkürliche Haltung sein soll (und damit quasi grundlos geschieht), würde das denn nicht bedeuten, dass Gottes Wesen aus gutem Grund gut ist? Mit anderen Worten, können wir nicht sagen, Gottes Wesen ist der Vergewaltigung von Kleinkindern notwendig entgegen, weil dies für die Opfer in jeder denkbaren Welt eine Ungerechtigkeit und Verletzung darstellt (also aus gutem Grund)?“
Darauf möchte ich antworten: Es mag freilich gute Gründe für das geben, was Gott gebietet. So verbietet er beispielsweise die Vergewaltigung von Kleinkindern, da so etwas ungerecht ist und sie verletzt. Die tiefgründigere Frage aber ist: „Warum ist es falsch, unschuldige Personen zu verletzen? Wer legt denn fest, was gerecht und was ungerecht ist?“ Irgendwann müssen derlei Fragen an ein Ende gelangen, und zwar beim Charakter Gottes. Freundlichkeit ist gut, weil Gott freundlich ist; Grausamkeit ist böse, weil das dem Wesen Gottes zuwiderläuft. Daher gibt er Gebote, die grausames Verhalten verbieten und stattdessen ein freundliches Verhalten vorschreiben. Vergewaltigung ist grausam, nicht freundlich, und daher hat Gott es verboten und daher ist es auch falsch.
Sie schließen sich an: „Müssen wir daraus schließen, dass die Gründe, nicht zu vergewaltigen (lieblos, ungerecht) sofort wegfallen, wenn es kein transzendentes, notwendig gutes Wesen gibt?“ Wenn es keinen Gott gibt, ist nicht einzusehen, weshalb Grausamkeit etwas Falsches sein sollte. Im Reich der Tiere findet quasi ständig etwas statt, das man als „Vergewaltigung“ bezeichnen könnte – aber hier greifen moralische Kategorien nicht. Aus atheistischer Sicht sind wir ja alle so etwas wie Tiere, entwickeltere Primaten im Grunde, und es ist schwer zu sehen, inwiefern das menschliche Handeln eine moralische Dimension haben sollte, die der Tierwelt fehlt. Vergewaltigung ist zwar auch dann verletzend, grausam und erniedrigend, wenn es keinen Gott gibt, aber es gibt soweit ich sehe nichts, was eine derartige Handlung zu etwas moralisch Falschem macht. Vielleicht könnte man seine Zuflucht in einem atheistisch-moralischen Platonismus suchen, aber in diesem Fall müsste man sich erst meiner dreifachen Kritik des atheistischen Realismus stellen (siehe das Buch Philosophical Foundations for a Christian Worldview[2]).
Sie sagen, „Will man Gottes gutes Wesen vor dem Willkürverdacht schützen (es ist einfach gut und ist gegen Vergewaltigung), dann, so scheint mir, muss Gottes Wesen Gründe – gute Gründe – haben, weshalb X gut und liebevoll, Y dagegen böse und abscheulich ist.“ Ich glaube, da haben Sie etwas durcheinandergebracht. Zum einen haben wir gute Gründe, weshalb Gott diese Gebote erlassen hat, wie ich schon gesagt habe. Daraus kann man aber nicht folgern, dass man auch ohne Bezug auf Gottes Wesen gute Gründe haben sollte, weshalb Liebe, Freundlichkeit und Geduld Tugenden, und weshalb Gier, Grausamkeit und Hass Laster sein sollen. Zweitens glaube ich, dass Sie „letztbegründet“ und „willkürlich“ durcheinanderbringen. Wenn etwas als „Letztbegründung“ dient, dann kann man nicht noch einmal eine Begründung dafür einbringen. Das heißt nun nicht, es sei willkürlich in dem Sinn, dass es auch hätte ganz anders sein können und einfach nur zufällig so ist, wie es ist. Wie „das Gute“ bei Platon ist auch Gottes Wesen letztbegründet, aber wie James in seiner Frage zurecht erkannt hat, ist es deshalb noch nicht willkürlich. Es ist auch nicht willkürlich, wenn man Gottes Wesen als Musterbeispiel des Guten nimmt, denn Gott ist das größte vorstellbare Wesen, und es ist erhabener, Musterbeispiel der Güte zu sein als bloß eine Verkörperung derselben.
Das „theologische Unglück“ der Aussage, „Gott könnte ja auch ein bösartiger, verletzender kosmischer Diktator sein, hat sich aber liebenswerter Weise dagegen entschieden“ ist, dass nach einer solchen Sicht ein Gott, der sich so hätte entscheiden können, von seinem Wesen her nicht gut ist. In einer möglichen Welt könnte sich Gott demnach frei entscheiden, Böses zu tun. Gehen Sie wirklich so weit zu sagen, Gott hätte auch ein böser Gott sein können? In einer solchen Welt wäre er jedenfalls nicht wert, verehrt zu werden. Ein Wesen aber, das einer Verehrung nicht wert ist, ist per definitionem nicht Gott. Folgt man Ihrer Sicht, hätte es sein können, dass Gott gar nicht Gott ist. Das scheint mir aber keinerlei Sinn zu ergeben – was wäre denn in einer solchen Welt die Wahrheit? Der Atheismus? Oder wäre dann noch ein anderer Gott da? Und Gott wäre dann von diesem anderen Gott geschaffen worden?
Folgt man Ihrer Sicht, was wäre dann über den ontologischen Zustand des Guten zu sagen? Es scheint, Sie haben sich da in eine Art Platonismus verrannt, der sich nicht damit vereinen lässt, dass Gott die Quelle aller anderen Dinge und aller außer Ihm liegenden Realität ist. Ein solcher moralischer Platonismus bietet keine Quelle moralischer Verpflichtungen.
Sie fragen: „Beraubt nicht ein Wesen, dessen Moral in einem Müssen besteht, (im Gegensatz zu einem Wesen, das das Gute wählt) Gott nicht seiner Tugend und Größe, jener Charaktereigenschaften also, die nur zu einem Willen passen, der frei wählen kann?“ Nein! Sie denken sich Gottes Güte und Tugend in Form einer Art Pflichterfüllung: Gott kommt seiner moralischen Pflicht eben vollkommen nach. Wie ich aber in Philosophical Foundations for a Christian Worldview gezeigt habe, hat Gott nicht moralischen Pflichten nachzukommen, da er sich nicht selbst Gebote auferlegt. Wir loben ihn auch nicht, weil er seinen Pflichten so gut nachkommt, sondern vielmehr wegen seines moralischen Charakters, denn sein Wesen ist Liebe, Gerechtigkeit, Freundlichkeit usw. Gerade weil Gott so ist, wie er ist, zählen wir diese Eigenschaften überhaupt erst zu den Tugenden. Wenn wir uns Gottes Güte aber als in gewissen Tugenden verkörpert denken und nicht als Erfüllung bestimmter Pflichten, dann haben wir eine erhabenere und angemessenere Gottesvorstellung.
(Übers.: I. Carobbio; L: RN)
Link to the original article in English: /the-euthyphro-dilemma-once-more
[1] Vgl. Frage #044, "Das Euthyphron-Dilemma": /german/qa44
[2] J.P. Moreland und W.L. Craig: Philosophical Foundations for a Christian Worldview, Inter Varsity Press 2003
- William Lane Craig
