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#103 Unabhängige Quellen über die Grablegung und das leere Grab Jesu

January 14, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

es fällt mir schwer, etwas nachzuvollziehen, was Sie über die Historizität der Auferstehung Jesu gesagt haben. Sie sagen, dass die vier Evangelien „unabhängige“ Belege für die Ereignisse sind und deshalb Dinge wie die Bestattung Jesu in einem in Fels gehauenen Grab und die Entdeckung dieses Felsengrabes historisch als nahezu gesichert gelten können. Aber könnte es nicht sein, dass die Evangelien alle auf gemeinsamen mündlichen Überlieferungen oder auf den zuerst geschriebenen Evangelien beruhen (d.h., stand nicht zumindest Matthäus und Lukas das Markusevangelium zur Verfügung?). Im Grunde lautet meine Frage: Wie gelangen Sie zu dem Schluss, dass die vier Evangelien unabhängig und keine abhängigen Berichte über die Ereignisse sind?

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Dave,

gern werde ich diesen Sachverhalt klären, denn einige scheinen mich missverstanden zu haben, wenn ich argumentiere, dass die Grablegung Jesu und das leere Grab vielfach und voneinander unabhängig bezeugt sind. Es geht bei dieser Behauptung nicht um die naive Annahme, die Ereignisse seien vielfach und unabhängig voneinander bezeugt, nur weil sie in mehr als einem Evangelium erwähnt werden. Vielmehr ist es so, wie ich in meiner kürzlichen Debatte[1] mit Richard Carrier feststellte:

"Der Bericht über die Grablegung gehört zu Markus‘ Quellenmaterial für die Passionsgeschichte Jesu. Dies ist eine sehr frühe Quelle, die wahrscheinlich auf Augenzeugenberichten beruht und in einen Zeitraum von einigen Jahren nach der Kreuzigung Jesu zu datieren ist. Außerdem zitiert Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth ebenfalls eine äußerst frühe Quelle für die Grablegung Jesu, die von den meisten Gelehrten in einen Zeitraum von wenigen Jahren oder sogar Monaten nach der Kreuzigung datiert wird. Unabhängige Belege für die Grablegung Jesu durch Joseph finden sich auch in den besonderen Quellen, die von Matthäus und Lukas sowie im Johannesevangelium verwendet wurden. Historiker betrachten es als einen historischen Glücksfall, wenn sie zwei unabhängige Berichte über dasselbe Ereignis haben. Wir aber haben die bemerkenswerte Anzahl von mindestens fünf unabhängigen Quellen für die Grablegung Jesu, von denen einige außerordentlich früh zu datieren sind.

Die Passionsquelle von Markus endete nicht mit der Grablegung Jesu, sondern mit der Geschichte vom leeren Grab, die verbal und grammatisch mit dem Bericht über die Grablegung verknüpft ist. Außerdem stützen Matthäus und Johannes sich auf unabhängige Quellen über das leere Grab. Das leere Grab Jesu wird auch in den frühen Predigten erwähnt, die in der Apostelgeschichte unabhängig voneinander überliefert sind (2,29 und 13,36), und wird in der sehr alten Überlieferung vorausgesetzt, die Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth weitergab (1. Kor. 15,4). Somit haben wir mehrere frühe Bestätigungen für die Tatsache des leeren Grabes in mindestens vier unabhängigen Quellen."

Beachten Sie, dass der Schwerpunkt auf den frühen, unabhängigen Quellen liegt, welche die neutestamentlichen Verfasser verwenden.

An erster Stelle steht die Passionsquelle, die Markus bei der Abfassung seines Evangeliums verwendete. Während der größte Teil des Markusevangeliums aus kurzen, anekdotischen Berichten besteht, die wie Perlen auf einer Schnur aneinandergereiht sind, finden wir, wenn wir zur letzten Woche im Leben Jesu kommen, einen fortlaufenden Bericht über die Ereignisse vor, der von der jüdischen Verschwörung beim Fest der ungesäuerten Brote bis zur Grablegung Jesu und dem leeren Grab reicht. Die Ereignisse beim letzten Abendmahl, bei der Verhaftung, Hinrichtung und Grablegung und beim leeren Grab waren für die Identität der frühen christlichen Gemeinschaften von zentraler Bedeutung. James D. G. Dunn schreibt: „Die offensichtlichste Erklärung dieses Merkmals lautet, dass der Rahmen schon früh im Prozess der Überlieferung festgelegt wurde und beim Übergang zu den schriftlichen Evangelien bestehen blieb. Dies wiederum deutet auf eine Überlieferung, die in der Erinnerung der Beteiligten wurzelt und von ihnen in diesen Rahmen gestellt wurde“ (J. D. G. Dunn, Jesus Remembered, 2003, S. 765-766.) Unter den neutestamentlichen Gelehrten herrscht deshalb die Auffassung vor, dass die Passionsberichte früh zu datieren sind und sich auf Augenzeugenberichte stützen (Mark Allen Powell, JAAR 68 [2000]: 171). Tatsächlich datieren, wie Richard Bauckham schreibt, viele Gelehrte den Passionsbericht von Markus nicht später als in die 40er Jahre (wir erinnern uns, dass Jesus im Jahr 30 starb) (Richard Bauckham, Jesus and the Eyewitnesses, 2006, S. 243). Wir haben es hier also mit einer außerordentlich frühen Quelle zu tun.

Nun kannten Matthäus und Lukas wahrscheinlich das Markusevangelium, wie Sie anmerken, und verwendeten es als eine ihrer Quellen. Aber die Unterschiede zwischen Markus und den anderen Synoptikern deuten auf andere unabhängige Quellen, die Matthäus und Lukas zugrunde liegen. Diese Unterschiede lassen sich nicht plausibel als editorische Veränderungen durch Matthäus und Lukas erklären, (i) wegen ihres sporadischen und unregelmäßigen Charakters (z.B. Markus: „eine Gruft, die in einen Felsen gehauen war“; Matthäus: „seine neue Gruft, die er in den Felsen ausgehauen hatte“); (ii) wegen der unerklärlichen Auslassung von Ereignissen wie der Befragung des Hauptmannes durch Pilatus; und (iii) weil Matthäus und Lukas im Gegensatz zu Markus in ihrer Formulierung übereinstimmen (z.B. Matthäus 27,58 = Lukas 23,52: „Dieser ging hin zu Pilatus und bat um den Leib Jesu.“) Auch der Ausdruck, der mit „in ein Leinentuch wickeln“ übersetzt wird, ist in Matthäus und Lukas identisch. Wie konnten Matthäus und Lukas unabhängig voneinander exakt dieselbe von Markus abweichende Formulierung wählen? Sie hatten wahrscheinlich beide eine andere Quelle. Wie wir noch sehen werden, wenn wir zu dem Bericht über das leere Grab kommen, zeigen sich tatsächlich Unterschiede zwischen Matthäus und Lukas, die auf verschiedene Quellen deuten.

Außerdem geht man allgemein davon aus, dass Johannes von den synoptischen Evangelien unabhängig ist. Wie Paul Barnett zeigt, „deutet ein sorgfältiger Vergleich der Texte von Markus und Johannes darauf hin, dass keines dieser Evangelien vom anderen abhängig ist. Doch sie haben eine Reihe von Begebenheiten gemeinsam: zum Beispiel ... die Bestattung Jesu im Grab des Joseph von Arimathäa“ (Jesus and the Logic of History, 1997, S. 104-105).

Und schließlich verweist die alte Überlieferung, die durch Paulus an die korinthische Gemeinde weitergegeben wurde und die zu den frühesten im NT erkennbaren Überlieferungen gehört (1. Kor. 15,3-5), in der zweiten Zeile (1. Kor. 15, 4, "er wurde begraben") auf die Bestattung Jesu. Dass es sich um dasselbe Ereignis handelt wie die in den Evangelien beschriebene Grablegung wird deutlich, wenn man Paulus‘ Überlieferung mit den Passionsberichten auf der einen Seite und mit den Predigten in der Apostelgeschichte auf der anderen Seite vergleicht. Diese vier Zeilen umfassende Überlieferung (gestorben..., begraben..., auferstanden..., erschienen...), die Paulus den Korinthern weitergibt, sind eine Zusammenfassung der zentralen Ereignisse der Kreuzigung Jesu, seiner Grablegung durch Joseph von Arimathäa, der Entdeckung seines leeren Grabes und seiner Erscheinungen vor den Jüngern.

Was ist mit dem Bericht über das leere Grab? Erstens war er ebenfalls Teil des Passionsberichtes vor Markus. Die Geschichte vom leeren Grab ist syntaktisch mit dem Bericht über die Grablegung verknüpft; eigentlich bilden beide eine einzige Geschichte. Z.B. steht das Bezugswort zu „ihn“ (Jesus) in Markus 16,1 im vorausgegangenen Bericht über die Grablegung (15,43); das Gespräch der Frauen über den Stein setzt voraus, dass der Stein vor den Eingang des Grabes gerollt worden war; ihr Besuch am Grab setzt voraus, dass sie in 15,47 Kenntnis von seiner Lage bekamen; die Worte des Engels „Siehe da die Stätte, wo sie ihn hingelegt hatten“ verweisen zurück auf Joseph, der den Leichnam in das Grab gelegt hatte.

Was die anderen Evangelien betrifft: Dass Matthäus eine unabhängige Überlieferung über das leere Grab hatte, ist nicht nur aus dem nicht-matthäischen Vokabular ersichtlich (z.B. die Worte, die mit „am nächsten Tag“, „Rüsttag“, „Verführer“, „eine Wache [von Soldaten], „sichern“ und „versiegeln“ übersetzt sind; auch der Ausdruck „bis zum dritten Tag“ ist nicht-matthäisch, denn an allen anderen Stellen benutzt er den Ausdruck „nach drei Tagen“; die Formulierung „die Hohenpriester und die Pharisäer“ erscheint nie bei Markus oder Lukas und ist auch für Matthäus ungewöhnlich), sondern auch aus Matthäus 28,15: „Und diese Rede verbreitete sich bei den Juden bis auf den heutigen Tag“, was auf eine Überlieferungsgeschichte über Dispute mit jüdischen Nicht-Christen hinweist. Lukas und Johannes haben die nicht aus Markus stammende Geschichte über Petrus und den anderen Jünger, die das Grab aufsuchen, was – da Johannes von Lukas unabhängig ist – auf eine separate Überlieferung hinter der Geschichte deutet. Außerdem haben wir bereits gesehen, dass Johannes‘ Unabhängigkeit von Markus zeigt, dass er eine andere Quelle über das leere Grab hatte.

Die frühen Predigten in der Apostelgeschichte wurden von Lukas wahrscheinlich nicht aus einem Stück geschnitten, sondern stellen die frühe apostolische Verkündigung dar. Wir sehen, dass das leere Grab bei der Gegenüberstellung von Davids Grab und dem Grab Jesu vorausgesetzt wird: „...David, dass er gestorben und begraben und sein Grab bis auf diesen Tag unter uns ist.“ Aber „diesen Jesus hat Gott auferweckt“ (2,29-32; vgl. 13,36-37). Die dritte Zeile der von Paulus weitergegebenen Überlieferung schließlich fasst, wie ich sagte, die Geschichte vom leeren Grab zusammen. Der deutsche NT-Kritiker Klaus Berger kommt zu dem Schluss: „Ohne jeden Zweifel wurde das Grab Jesu leer vorgefunden und abgesehen davon sind die Texte darüber nicht im Allgemeinen von Markus abhängig“ (ZKT, 1993, p. 436).

Für die Grablegung und das leere Grab Jesu liegen also mehrfache frühe, unabhängige Belege vor. Zwar könnten einige dieser Überlieferungen Variationen einer gemeinsamen Überlieferung sein (wie Lukas‘ und Johannes‘ Überlieferung über die Jünger, die als Reaktion auf den Bericht der Frauen das Grab aufsuchen), aber nicht alle können so verstanden werden, weil sie von verschiedenen Ereignissen handeln. Selbst im Falle von Variationen einer gemeinsamen Überlieferung werden wir in eine so frühe Zeit versetzt, wie Dunn betont, dass wir uns nun fragen müssen, welche Ereignisse geschahen, die eine so frühe Auswirkung auf die Überlieferung hatten, und die offensichtliche Erklärung liegt in der Bestattung Jesu in dem Grab und in der Entdeckung des leeren Grabes. Mehrfache unabhängige Belege allein genügen zwar nicht, um die Grablegung und das leere Grab als „nahezu gesichert“ zu betrachten, aber bedenken Sie, dass dies nur eine Beweislinie unter vielen ist, sodass die kumulative Argumentation für diese Tatsachen in der Tat sehr großes Gewicht hat.

(Übers.: M. Wilczek; L:RN)

Link to the original article in English: /independent-sources-for-jesus-burial-and-empty-tomb

Anmerkungen

[1] Die erwähnte Debatte zwischen William Lane Craig und Richard Carrier fand am 18. März 2009 an der Northwest Missouri State University in USA statt.

Eine Aufnahme der Debatte findet sich u.a. hier: https://www.youtube.com/watch?v=akd6qzFYzX8
Nachbetrachtungen zur Debatte von W.L. Craig (im Interview mit Kevin Harris) finden sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=gweK4qkgh4k&list=PL-0zpu2toena8M_oSGTSHmH2rOWgvYRbf
(A.d.Ü.)

- William Lane Craig