#7 Gott, die Zeit und die Schöpfung
September 28, 2015Sehr geehrter Prof. Craig,
Sie scheinen zu glauben, dass Gott außerhalb der Zeit existiert, während es kein Universum gibt [Gott (a)] und innerhalb der Zeit, während es ein Universum gibt [Gott (b)].
Meine Frage lautet: Welcher der beiden hat das Universum geschaffen?
Gott (a) kann das Universum nicht erschaffen, weil ein zeitloses Wesen nicht „erschaffen“ kann („erschaffen“ ist eine temporale Handlung).
Gott (b) kann das Universum nicht erschaffen, weil ein Wesen, das in der Zeit existiert, nicht selbst die Zeit erschaffen kann, aus der heraus es etwas erschafft.
Blake
Dr. craig’s response
A [
Ich frage mich, Blake, ob Sie sich im Klaren darüber sind, dass Sie soeben ein Argument dafür vorgebracht haben, dass der christliche Glaube widersprüchlich ist, wenn er behauptet, dass Gott das Universum geschaffen hat. Denn Gott sei entweder temporal oder atemporal, und Ihrer Meinung nach ergibt die Schöpfung bei beiden Alternativen keinen Sinn. Soviel zur Schöpfungslehre!
Das Problem mit Gott, der Zeit und der Schöpfung ist verzwickt, und ich bin zu einer Ansicht gelangt, die ich auch in God, Time, and Eternity (Kluwer, 2001)[1] und in Time and Eternity (Crossway, 2001)[2] vertrete, um genau dieses Rätsel zu lösen.
Zuerst sollten wir klären, welche Ansicht ich genau vertrete. Bei Ihrer Beschreibung meiner Position als die Ansicht, dass „Gott außerhalb der Zeit existiert, während es kein Universum gibt und innerhalb der Zeit, während es ein Universum gibt“, könnte Ihre Verwendung des Wortes „während“ zu Missverständnissen führen. Nimmt man es wörtlich, würde es implizieren, dass es eine Zeit vor der Schöpfung des Universums gab. Ich denke, dass die Zeit mit dem ersten Ereignis begann, welches ich als Gottes ersten Schöpfungsakt verstehe. Deshalb drücke ich meine Ansicht lieber folgendermaßen aus: Gott ist zeitlos ohne das Universum und zeitlich bzw. innerhalb der Zeit mit dem Universum.
Ich halte Gott ohne das Universum für zeitlos, weil ich der Meinung bin, dass es nicht eine unendliche Reihe zeitlich rückwärts gerichteter Ereignisse geben kann, und die Zeit würde laut der „Relationstheorie der Zeit“[3] ohne Ereignisse nicht existieren. Der Grund dafür, dass ich Gott für temporal seit dem Anfang des Universums halte, liegt darin, dass die Erschaffung des Universums Gott in eine neue Relation bringt, nämlich in die der Koexistenz mit dem Universum, und eine solch extrinsische Veränderung allein (ganz zu schweigen von Gottes Ausübung kausaler Macht) reicht für eine temporale Relation aus.
Und natürlich brauche ich wohl kaum zu erwähnen, dass Gott (a) und Gott (b) nicht zwei Götter sind, sondern eine Entität, die in zwei Zuständen beschrieben wird.
Betrachten wir also zunächst einmal die zweite Seite des Dilemmas, in dem Sie stecken. „Gott (b) kann das Universum nicht erschaffen, weil ein Wesen, das in der Zeit existiert, nicht selbst die Zeit erschaffen kann, aus der heraus es etwas erschafft.“ Ein ähnliches Argument für die Zeitlosigkeit Gottes hat der Philosoph Brian Leftow von der Oxford University vorgebracht; Sie befinden sich also in guter Gesellschaft! Nach meinem Ermessen ist diese Behauptung allerdings falsch (siehe God, Time, and Eternity, S. 19-23). Nach Leftows Ansicht kann Gott, wenn er kontingent temporal ist, die Zeit t nicht zu einem Zeitpunkt t erschaffen, weil seine Handlung zum Zeitpunkt t die Existenz von t voraussetzt: Die Existenz von t sei per Definition vor Gottes Handlung zum Zeitpunkt t. Das sehe ich anders. Gemäß der Relationstheorie der Zeit folgt die Zeit logisch auf das Auftreten eines Ereignisses. Gemäß der Relationstheorie ist Gottes Handeln daher per Definition vor der Existenz der Zeit. Gott braucht nur zu handeln, und die Zeit wird folglich generiert. Gott könnte also sowohl t erschaffen als auch zum Zeitpunkt t existieren.
Und nun zur ersten Seite Ihres Dilemmas: „Gott (a) kann das Universum nicht erschaffen, weil ein zeitloses Wesen nicht ‚erschaffen‘ kann (‚erschaffen‘ ist eine temporale Handlung).“ Schon Philosophen im Mittelalter haben nur zu gerne darauf hingewiesen, dass wir zwischen zwei sehr unterschiedlichen Bedeutungen dieser Behauptung unterscheiden müssen:
1. Es ist nicht möglich, dass: (Gott ist zeitlos & Gott erschafft das Universum)
und
1.´ Gott ist zeitlos & es ist nicht möglich dass: (Gott erschafft das Universum)
Die Zweideutigkeit in der ersten Seite Ihres Dilemmas gleicht der Zweideutigkeit des Satzes „Es ist nicht möglich, dass das weiße Haus braun ist“. Ist damit gemeint, „Es ist nicht möglich, dass das Haus überall sowohl weiß als auch braun ist“, oder „Es ist nicht möglich, dass das weiße Haus braun werden kann"? In der ersten Bedeutung stimmt der Satz, in der zweiten Bedeutung ist er falsch.
Denken wir also einmal über (1) nach. Ob Sie der Meinung sind, dass Gott sowohl zeitlos sein als auch das Universum schaffen kann, hängt nach meiner Überzeugung davon ab, welche Theorie der Zeit Sie befürworten. Laut der sog. zeitlichen Theorie der Zeit oder auch „A-Theorie der Zeit“ ist das temporale Werden eine reale und objektive Eigenschaft der Welt, da die Dinge „ins Dasein treten und es verlassen“. Gemäß der sog. zeitlosen Theorie der Zeit bzw. B-Theorie der Zeit sind alle Ereignisse und Momente der Zeit jedoch gleich real, und das temporale Werden ist eine Illusion des menschlichen Bewusstseins. Gemäß der B-Theorie der Zeit ist es meiner Meinung nach einfach zu verstehen, wie Gott das Universum in dem Sinne erschaffen kann, dass die Existenz des Universums kontingent von Gott abhängt. Die gesamte vierdimensionale Raumzeitvielfalt existiert nach dieser Ansicht einfach wie ein Block, und Gott existiert „außerhalb“ des Blocks und erhält dessen Existenz. Nach dieser Ansicht ist das Erschaffen nicht unbedingt eine temporale Handlung; Gott kann zeitlos erschaffen. Also ist (1) falsch.
Wenn Sie aber einer A-Theorie der Zeit anhängen, wozu ich stark tendiere, dann ist (1) wahr. Denn das Universum tritt quasi im ersten Moment seiner Existenz im wahrsten Sinne des Wortes ins Dasein. Gottes reale kausale Relation zu diesem Ereignis wird in dem Moment etwas Neues für Gott sein, und deshalb muss Gott in diesem Moment temporal sein. Nach dieser Ansicht ist Erschaffen in der Tat, wie Sie sagten, eine temporale Handlung, und deshalb muss Gott bei der Erschaffung des Universums temporal sein. Gemäß der A-Theorie scheint (1) also zu stimmen.
Doch was ist mit (1´) gemäß der A-Theorie der Zeit? Wenn Gott zeitlos ist, ist er dann unfähig, ein Universum zu erschaffen? Ist er irgendwie in der Zeitlosigkeit gefangen, in Immobilität festgefroren? Ich sehe keinen Grund, so zu denken. Die Behauptung, dass Gott unmöglich das Universum erschaffen kann, wenn er zeitlos ist, basiert auf der Annahme, dass Zeitlosigkeit eine wesentliche, und keine kontingente, Eigenschaft Gottes ist. Doch wie bei dem Fall mit der Farbe des Hauses sehe ich auch hier keinen Grund, zu denken, dass Gottes Zeitlosigkeit oder Temporalität keine kontingente Eigenschaft von ihm sein können, die von seinem Willen abhängt. In seiner zeitlosen Existenz alleine, ohne das Universum, kann er sich entschließen, von einer Schöpfung abzusehen und somit zeitlos zu bleiben; oder er kann sich entschließen, das Universum zu erschaffen und mit der ersten Ausübung seiner kausalen Macht temporal zu werden. Es liegt bei ihm.
Meiner Ansicht zufolge existiert Gott also zeitlos ohne das Universum und mit einer zeitlosen Intention, ein Universum mit einem Anfang zu erschaffen. Er übt seine kausale Macht aus, und folglich entsteht die Zeit, zusammen mit dem ersten Zustand des Universums, und Gott begibt sich freiwillig in die Zeit. Das alles geschieht zusammen und auf einmal. Ich gestehe, dass das eine geistig herausfordernde Schlussfolgerung ist, doch sie ergibt für mich mehr Sinn als die Alternativen.
William Lane Craig
(Übers: J. Booker)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/god-time-and-creation
[1] W.L. Craig: God, Time and Eternity, Dordrecht: Kluwer Academic Publishers 2001, 321S., ISBN-13: 978-1402000119. (Schwierigkeitsgrad: Akademisches Niveau). (Anm. d. Übers.)
[2] W.L. Craig: Time and Eternity: Exploring God’s Relationship to Time. Wheaton, Ill.: Crossway, 2001, 272 S., ISBN-13: 978-1581342413. (Schwierigkeitsgrad: Populärwissenschaftliches Niveau).
Beide Werke sind nur in englischer Sprache verfügbar. (Anm. d. Übers.)
[3] Eng. „relational theory of time“. (Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig
