#13 Über Lessings garstigen, breiten Graben springen
September 28, 2015Sehr geehrter Prof. Dr. Craig,
in einem von mir verfassten Buch habe ich ein Kapitel, in dem ich Folgendes behaupte: Wenn Gott sich in der historischen Vergangenheit (und nicht in der modernen Geschichte) geoffenbart hat, dann hat er ein sehr schlechtes Medium dafür gewählt. Und wenn Gott sich im vorwissenschaftlichen abergläubischen Zeitalter der Vergangenheit geoffenbart hat, dann hat er ein schlechtes Zeitalter dafür gewählt. Es scheint, als könne geschichtlich fast alles rational abgestritten werden, auch wenn das Ereignis wirklich stattfand – vor allem, wenn es sich in der Vergangenheit des Aberglaubens ereignete und es dabei um übernatürliche Wesen und deren angebliche Wunder geht. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass es nun viele Menschen gibt, die behaupten, dass Jesus nie ein historischer Mensch war, auch wenn ich der Meinung bin, dass er das war. Zwar habe ich aus Ihrem Unterricht und durch Ihre Schriften viel gelernt und kann Ihre Antwort beinahe antizipieren, doch würde mich interessieren, ob Sie jemals die Kraft von Gotthold Lessings „garstigem, breitem Graben“ gespürt haben, von dem er sagte, dass er nicht darüber käme, und wenn er sich noch so anstrenge. Gotthold Lessing (1729-1781) sagte: „Ein andres sind Wunder, die ich mit meinen Augen sehe und selbst zu prüfen Gelegenheit habe; ein andres sind Wunder, von denen ich nur historisch weiß, dass sie andere wollen gesehen und geprüft haben. (…) Aber ich (…) lebe in dem 18. Jahrhundert, in welchem es keine Wunder mehr gibt. (…) Daran liegt es: Dass Nachrichten von Wundern keine Wunder sind (…) Sie sollen durch ein Medium wirken, das ihnen alle Kraft benimmt.“
John
Dr. craig’s response
A [
Schön, von Ihnen zu hören John! Sie fragen mich, ob ich jemals die Kraft von Lessings „garstigem, breiten Graben“ gespürt habe, von dem er sagte, dass er nicht darüber springen könne. Die Antwort lautet: Ja, je nachdem, wie Sie diese Metapher interpretieren. Zum ersten Mal habe ich im Theologie-Unterricht am Wheaton College von Lessings Graben gehört, und mittlerweile habe ich versucht, eine adäquate Antwort darauf anzubieten.
Um derjenigen willen, die nicht mit Lessings „Über den Beweis des Geistes und der Kraft“ (1777) vertraut sind, möchte ich kurz die Problematik erklären. Lessing machte sich die Klassifizierung zu eigen, dass es sich bei Wahrheiten entweder um Vernunftwahrheiten (notwendige Wahrheiten, die alleine durch die Vernunft demonstriert werden) oder Geschichtswahrheiten (kontingente Wahrheiten, die man nur empirisch in Erfahrung bringen kann) handeln muss. Seine grundlegende Behauptung ist, dass kontingente Geschichtswahrheiten nie der Beweis von notwendigen Vernunftswahrheiten werden können. Die Sache ist, dass Lessing der Meinung war, dass Religionswahrheiten zu den Vernunftswahrheiten gehören oder gehören sollten. Daher, so Lessing, könnten Religionswahrheiten niemals durch Geschichtswahrheiten bewiesen werden. Dieser Riss zwischen den kontingenten Geschichtswahrheiten und den notwendigen Religionswahrheiten ist der garstige, breite Graben, von dem Lessing behauptet, dass er nicht darüber käme. Wenn er Recht hat, ist historische Apologetik für das Christentum ein unnützes und irriges Unterfangen.
Lessings Argument ist so konfus, dass es auf den ersten Blick einfach ist, es zu durchlöchern:
1. Es stimmt nicht, dass kontingente Wahrheiten nicht als Beweis für notwendige Wahrheiten dienen können. Lessing spiegelt das Denken von Leibniz, Kant und anderen Denkern seiner Zeit wider, denen zufolge notwendige Wahrheiten, ob analytische oder synthetische, a priori bekannt waren, also nicht auf Erfahrungen basierend. Doch eine Erkenntnis Saul Kripkes in der heutigen Zeit besagt, dass es auch notwendige Wahrheiten gibt, die a posteriori bekannt sind, z. B. die, dass Gold die Ordnungszahl 79 hat. Das ist keine Wahrheit, die wir nur durch die Vernunft wissen könnten; dadurch, dass wir uns einmal mit dem Element Gold vertraut gemacht haben, verstehen wir, dass ein Element mit einer anderen Ordnungszahl als 79, und wenn es Gold noch so ähnlich ist, kein Gold ist.
Außerdem verbindet Lessing Notwendigkeit mit Gewissheit. Seiner Meinung nach sind notwendige Wahrheiten gewisser als kontingente Wahrheiten. Das ist offenkundig falsch, wie die ungelösten Probleme der Mathematik zeigen – so z. B. die Goldbach‘sche Vermutung[1], die entweder notwendigerweise wahr oder notwendigerweise falsch ist, wobei keiner weiß, welches von beiden der Fall ist. Und ein Gegenbeispiel: Ich bin mir äußerst gewiss, dass George Washington einmal der Präsident der Vereinigten Staaten war, obwohl das eine kontingente Geschichtswahrheit ist. Es gibt keinen Grund, aus dem eine kontingente Wahrheit, die man sicher weiß, nicht als Beleg für eine weniger offensichtliche notwendige Wahrheit dienen sollte.
2. Die Identifizierung von Religionswahrheiten mit notwendigen Wahrheiten ist ein Fehler. Freilich sind einige Religionswahrheiten, wie Gott existiert, notwendig, aber es gibt überhaupt keinen Grund zu meinen, dass alle Religionswahrheiten notwendige Wahrheiten sind. Das trifft besonders auf eine historische Religion wie das Christentum zu. Warum sollte man meinen, dass die Wahrheiten der Menschwerdung Jesu, seiner Jungfrauengeburt, seiner Wunder und Exorzismen, seiner Kreuzigung, seines Begräbnisses und seiner Auferstehung keine Religionswahrheiten sind, nur weil sie kontingente, historische Behauptungen sind? Lessings kulturelles Vorurteil dem Deismus gegenüber scheint an dieser Stelle durch.
3. Geschichtswahrheiten können zumindest als Beweise der historischen Behauptungen einer Religion dienen. Bedenken Sie, was Christen mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis ausdrücken:
(..) geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten …
Dieses Bekenntnis ist eine Mischung aus historisch überprüfbaren und nicht überprüfbaren Behauptungen, die allesamt als Wahrheiten der christlichen Religion bezeugt werden. Auch wenn man Wahrheiten wie die Jungfrauengeburt oder den Abstieg in das Reich des Todes nicht historisch belegen kann, gibt es überhaupt keinen Grund dafür, dass historische Belege in Bezug auf andere Behauptungen des christlichen Glaubens, z. B. die wunderbar nüchterne, weltliche Zeile „gelitten unter Pontius Pilatus“, irrelevant sind.
Auf den ersten Blick ist es also, wie gesagt, einfach, Lessings schlecht durchdachte Behauptungen zu widerlegen. Doch damit hat man noch nicht das Problem angesprochen, dass hier noch etwas tiefer liegt. Dieses Problem ist nicht, wie Sie meinten, dass „geschichtlich fast alles rational abgestritten werden kann“. Diese Behauptung ist ganz klar falsch, John, und ich bin mir sicher, Sie würden sie zurücknehmen, wenn Sie sie genauer durchdenken. Derzeit überarbeite ich in meinem Buch Reasonable Faith das Kapitel über die Objektivität historischen Wissens, was mich zurück zu den Debatten in der Geschichtsphilosophie gebracht hat. Behauptungen von Seiten postmodernistischer Geschichtsphilosophen, denen zufolge Vergangenheitswissen unmöglich ist, sind beinahe universell von professionellen Historikern abgelehnt worden. C. Behan McCullagh äußert in seiner Antwort auf Behauptungen von postmodernistischer Seite, laut denen alles Interpretation ist, folgenden Vorwurf: „Sie ignorieren die Tatsache, dass viele Interpretationen beobachtbarer Belege, viele Aussagen bestimmter historischer Tatsachen so gut belegt sind, dass sie als sicher gelten“ („What Do Historians Argue About?“ History and Theory 43 [2004]: 22[2]). Das erinnert mich an die Aussage von Isaiah Berlin, dass man die Behauptung, dass Shakespeares Stücke und Sonetten eigentlich am Hofe Dschingis Khans in der Mongolei geschrieben wurden, nicht nur als falsch, sondern als irrsinnig bezeichnen würde!
Was Jesus von Nazareth angeht, gibt es laut E. P. Sanders „keine wesentlichen Zweifel am allgemeinen Verlauf des Lebens Jesu: wann und wo er gelebt hat, ungefähr wann und wo er gestorben ist, und was er während seines öffentlichen Auftretens tat“ (The Historical Figure of Jesus [Penguin Books, 1993], S. 10[3]). Die Vorstellung, dass wir die Existenz Jesu rational abstreiten können, ist keine, die namhafte Historiker unterstützen würden, ganz egal, wie rational die von Ihnen erwähnten Menschen auch sein mögen. Ich finde es ironisch, John, dass Leute, die den christlichen Glauben aufgegeben haben, leichtgläubiger geworden sind und bereitwillig Standpunkte übernehmen, die extremer sind als die fundamentalistischen Ansichten, die sie davor vertreten haben. Lassen Sie nicht zu, dass Ihnen das auch passiert.
Genauso wenig denke ich, dass Lessings Erkenntnis die ist, dass Wunder nicht historisch belegt werden können. Humes Argument gegen die Identifizierung von Wundern ist von Philosophen wie John Earman in Hume’s Abject Failure (Oxford University Press, 2000) zunichte gemacht worden. Es gibt kein a priori-Argument gegen den historischen Beleg eines Wunders; man muss die Indizien einzeln, von Fall zu Fall betrachten. Was die Auferstehung Jesu angeht, muss man gar nicht so weit wie N. T. Wright gehen, wenn dieser die historische Wahrscheinlichkeit des leeren Grabes und die Erscheinungen Jesu nach seinem Tod als so hoch einstuft, dass sie „praktisch sicher sind, so wie der Tod von Kaiser Augustus 14 n. Chr. oder der Fall Jerusalems 70 n. Chr.“ (The Resurrection of the Son of God [Fortress: 2003], S. 710)[4], um anzuerkennen, dass die Indizien stark genug sind, um diese Tatsachen zu belegen, worin auch die große Mehrheit der Neutestamentler übereinstimmen würden. Ob Sie eine wundersame Erklärung dieser Tatsachen annehmen, hängt eher von Ihrer Offenheit gegenüber übernatürlichen Erklärungen ab als von rein historischen Betrachtungen.
Was ist also problematisch daran, religiöse Überzeugungen auf historische Indizien zu gründen? Mir scheint, als sei das Problem die Relativität der historischen Indizien sowie unsere Möglichkeit, sie zu verstehen. Wir haben sowohl die Indizien der Manuskripte als auch die historischen Bewertungsinstrumente, um ein stabiles Fundament für den Glauben an Jesus zu bauen, wie er in den Evangelien beschrieben wird. Doch was ist mit den früheren Generationen, die weder unsere Indizien noch unsere Instrumente hatten? Fest steht, dass die große Mehrheit der Menschen in der Vergangenheit und unserer heutigen Welt weder die Ausbildung, noch die Zeit, noch die Ressourcen hatten bzw. haben, um eine historische Untersuchung der Belege für Jesus durchzuführen. Wenn wir auf ein historisches, auf Belegen basierendes Fundament des Glaubens bestehen, lassen wir den Großteil der Weltbevölkerung in Unglaube fallen und verwehren ihm das Privileg und die Freude, in Jesus Gott zu kennen. Ich finde das unzumutbar. Das ist dann der garstige, breite Graben, dem wir uns gegenüber sehen: die Lücke zwischen der historisch bedingten epistemischen Situation der Menschen und den Belegen, die wir für die Rechtfertigung des christlichen Glaubens brauchen.
Ich glaube, es war der dänische Philosoph Soren Kierkegaard, der richtig auf Lessing geantwortet hat. Durch eine existentielle Begegnung mit Gott selbst können Mitglieder jeder Generation zu Zeitgenossen und –genossinnen der ersten Generation werden. Unser Wissen, dass das Christentum wahr ist, hängt also nicht von historischen Belegen ab. Vielmehr kann jeder Mensch durch das sofortige Zeugnis des Heiligen Geistes in seinem Inneren wissen, dass das Evangelium die Wahrheit ist, sobald er es hört. Dieser Ansatz hat den irreleitenden Namen Reformierte Epistemologie bekommen. Alvin Platinga hat diesen Ansatz in seinem zauberhaften Buch Warranted Christian Belief [5](Oxford University Press: 2000) meisterhaft dargelegt. Dies ist nicht der geeignete Rahmen, um diesen Ansatz zu verteidigen, aber vielleicht möchten Sie ja einen Blick auf mein Kapitel über religiöse Epistemologie in meinem und J. P. Morelands Buch Philosophical Foundations for a Christian Worldview (Inter-Varsity, 2003)[6] werfen.
So springe ich also über Lessings Graben. Der christliche Glaube wird von den historischen Indizien für diejenigen unter uns bestätigt, die das Glück haben, dass sie epistemisch in der Lage sind, dass sie die Indizien richtig bewerten können; doch der christliche Glaube basiert nicht auf historischen Indizien.
William Lane Craig
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/leaping-lessings-ugly-broad-ditch
[1] Die Goldbach'sche Vermutung lautet, dass jede gerade Zahl größer als zwei als Summe zweier Primzahlen geschrieben werden kann. (Anm. d. Übers.)
[2] In englischer Sprache (Anm. d. Übers.)
[3] In englischer Sprache (Anm. d. Übers.)
[4] In englischer Sprache (Anm. d. Übers.)
[5] Eine deutsche Übersetzung von Warranted Christian Belief von Alvin Plantinga erscheint voraussichtlich 2015 oder 2016. (Anm. d. Übers.)
[6] In englischer Sprache (Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig
