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#16 Das Abschlachten der Kanaaniter

September 28, 2015
Q

Frage 1:

In den Foren wurden einige gute Fragen dazu gestellt, dass Gott den Juden befohlen hat, an den Menschen im verheißenen Land „Genozid“ zu begehen. Sie haben in einigen ihrer schriftlichen Werke darauf hingewiesen, dass diese Tatsache sich nicht mit dem westlichen Gotteskonzept verträgt, nach dem Gott der „liebe Gott im Himmel“ ist. Zwar können wir gewiss eine Berechtigung dafür finden, dass diese Menschen unter das Gericht Gottes kamen – ihre Sünden, ihr Götzendienst, ihre Kinderopfer usw. –, schwieriger ist es jedoch, die Frage zu beantworten, warum auch die Kinder und Säuglinge umgebracht werden mussten. Wenn die Kinder jung genug waren, dann waren sie, wie die Säuglinge auch, nicht an den Sünden schuld, die ihre Gesellschaft begangen hatte. Wie können wir diesen Befehl Gottes, die Kinder und Säuglinge zu töten, mit dem Konzept seiner Heiligkeit vereinbaren?

Danke

Steven Shea

Frage 2:

Ich habe gehört, wie Sie die Gewalt im Alten Testament damit gerechtfertigt haben, dass Gott die Israeliten benutzt hat, um die Kanaaniter zu richten. Deren Auslöschung durch die Israeliten sei moralisch richtig, weil die Israeliten Gottes Befehl Folge leisteten (es wäre falsch gewesen, wenn sie Gottes Befehl, die Kanaaniter auszulöschen, nicht befolgt hätten). Das birgt gewisse Parallelen zu der Art und Weise, wie Muslime Moral definieren und die Gewalt Mohammeds und andere moralisch fragwürdige Taten rechtfertigen (Muslime verstehen unter Moral, Gottes Wille zu tun). Sehen Sie irgendeinen Unterschied zwischen Ihrer Rechtfertigung der alttestamentlichen Gewalt und der muslimischen Rechtfertigung Mohammeds und gewaltfördernder Verse des Korans?

Anonym

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Laut dem Pentateuch (den Fünf Büchern Mose) wies Gott sein Volk bei dessen Auszug aus Ägypten und Rückkehr in das Land ihrer Vorfahren an, alle kanaanitischen Sippen umzubringen, die in dem Land lebten (5. Mose 7,1-2; 20,16-18). Die Auslöschung sollte vollständig sein: jeder Mann, jede Frau und jedes Kind sollten getötet werden. Das Buch Josua erzählt, wie die Israeliten Gottes Befehl in einer Stadt nach der anderen, durch ganz Kanaan hindurch, ausführten.

Diese Geschichten greifen unser Moralverständnis an. Ironischerweise wurde unser Moralverständnis im Westen jedoch größtenteils – und bei vielen Leuten unbewusst – von unserem jüdisch-christlichen Erbe geprägt, das uns gelehrt hat, dass der Mensch einen immanenten Wert besitzt, dass gerechtes statt willkürliches Handeln wichtig ist und eine Bestrafung dem Verbrechen entsprechen muss. Die Bibel selbst schärft uns diese Werte ein, die von eben genannten Geschichten aber verletzt werden.

Der Befehl, die Kanaaniter zu töten, ist eben deswegen so abschreckend, weil er schlecht zu dem in den hebräischen Heiligen Schriften gezeichneten Porträt Jahwes, des Gottes Israels, passt. Ganz im Gegensatz zu dem, was die schmähende Rhetorik eines Menschen wie Richard Dawkins vermuten lässt, ist der Gott der hebräischen Bibel ein Gott der Gerechtigkeit, des Langmutes und des Mitgefühls.

Man kann die alttestamentlichen Propheten nicht lesen, ohne zu erahnen, wie sehr sich Gott um die Armen, die Unterdrückten, die Geknechteten, die Verwaisten und so weiter kümmert. Gott verlangt gerechte Gesetze und gerechte Herrscher. Er fleht die Menschen buchstäblich an, von ihren ungerechten Wegen umzukehren, sodass er sie nicht richten muss. „So wahr ich lebe, spricht GOTT, der Herr: Ich habe kein Gefallen am Tod des Gottlosen, sondern daran, dass der Gottlose umkehre von seinem Weg und lebe“ (Hes 33,11).

Sogar in die heidnische Stadt Ninive schickt er einen Propheten, weil er Mitleid mit den Bewohnern hat, „die ihre rechte Hand nicht von ihrer linken unterscheiden können“ (Jona 4,11). Der Pentateuch selbst enthält die Zehn Gebote, einer der größten altertümlichen Moralkodexe überhaupt, der die westliche Gesellschaft geformt hat. Selbst das Gebot „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ war keine Rachevorschrift, sondern eine Kontrollmaßnahme für verhängte Strafen, damit die Gewalt nicht überhandnahm.

Gottes Gericht ist alles andere als willkürlich. Als der Herr seine Absicht kundtat, Sodom und Gomorra zu richten, bittet Abraham mutig:

„Willst du auch den Gerechten mit dem Gottlosen wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt; willst du die wegraffen und den Ort nicht verschonen um der fünfzig Gerechten willen, die darin sind? Das sei ferne von dir, dass du eine solche Sache tust und den Gerechten tötest mit dem Gottlosen, dass der Gerechte sei wie der Gottlose. Das sei ferne von dir! Sollte der Richter der gesamten Erde nicht gerecht richten?“ (1. Mose 18,23-25).

Wie ein Händler aus dem Nahen Osten, der um ein Schnäppchen feilscht, geht Abraham mit seinem Preis immer tiefer, und jedes Mal zieht Gott ohne Zögern nach und versichert Abraham schlussendlich, dass er die Stadt nicht zerstören wird, wenn auch nur zehn Gerechte darin sind.

Was soll das also, dass Jahwe den israelitischen Soldaten befiehlt, die Kanaaniter auszurotten? Eben genau weil wir Jahwe als gerechten und mitfühlenden Gott kennen, fällt es uns so schwer, diese Geschichten zu verstehen. Wie kann er Soldaten befehlen, Kinder abzuschlachten?

Bevor wir jetzt aber versuchen, irgendetwas in Richtung Beantwortung dieser schwierigen Frage sagen, tun wir gut daran, innezuhalten und uns zu fragen, was hier auf dem Spiel steht. Nehmen wir an, wir stimmen darin überein, dass Gott (der durch und durch gut ist) einen solchen Befehl nicht hätte geben können, wenn er existiert. Was folgt daraus? Dass Jesus nicht von den Toten auferstanden ist? Dass Gott nicht existiert? Wohl kaum! Was für ein Problem gibt es dann?

Ich habe schon oft gehört, wie man dieses Problem als Widerlegung des Moral-Argumentes für Gottes Existenz angesprochen hat. Aber das ist schlichtweg irrig. Die Behauptung, dass Gott einen solchen Befehl nicht gegeben haben könnte, widerlegt oder entkräftet keine der beiden Prämissen im Moral-Argument, wie ich es vertreten habe:

1. Wenn Gott nicht existiert, existieren auch keine objektiven moralischen Werte und Pflichten.

2. Objektive moralische Werte und Pflichten existieren.

3. Also existiert Gott.

Ja, dadurch, dass der Atheist meint, Gott habe mit dem Befehl zur Auslöschung der Kanaaniter etwas Falsches getan, bestätigt er Prämisse 2. Was für ein Problem gibt es also?

Das Problem, so scheint mir, ist, dass die biblischen Geschichten falsch sein müssen, wenn Gott einen solchen Befehl nicht hätte geben können. Entweder haben sich die Vorfälle nie ereignet und sind somit israelitische Folklore; oder sie haben sich schon ereignet, und die Israeliten haben in einem Anfall der nationalistischen Inbrunst und in der irrigen Gewissheit, dass Gott auf ihrer Seite war, behauptet, dass Gott ihnen diese Schandtaten befohlen hatte, obwohl das eigentlich nicht der Fall war. Mit anderen Worten: Dieses Problem ist eigentlich ein Einwand gegen die biblische Irrtumslosigkeit.

Ironischerweise bezweifeln viele Kritiker des Alten Testaments, dass sich die Eroberung Kanaans je ereignet hat. Sie halten diese Geschichten für einen Teil der Legenden um die Gründung Israels, ähnlich der Mythen von Romulus und Remus um die Gründung Roms. Für solche Kritiker löst sich das Problem, dass Gott einen solchen Befehl gegeben hat, in Luft auf.

Nun, das wirft ein ganz anderes Licht auf diese Problematik! Die Frage der biblischen Irrtumslosigkeit ist wichtig, aber nicht so wichtig wie die Frage der Existenz Gottes oder der Gottheit Christi! Wenn wir Christen keine gute Antwort auf die vor uns liegende Frage haben und zudem überzeugt werden, dass dieser Befehl nicht mit Gottes Wesen vereinbar ist, dann müssen wir die biblische Irrtumslosigkeit aufgeben. Aber wir sollten den Nichtgläubigen, der diese Frage stellt, nicht mit der Meinung davon kommen lassen, dass das mehr aussagt, als es eigentlich tut.

Ich denke, ein guter Anfang bei diesem Problem ist, unsere ethische Theorie auszusprechen, die unseren moralischen Urteilen unterliegt. Laut der Divine Command Theory, die ich vertrete, bestehen unsere moralischen Pflichten aus den Befehlen eines heiligen und liebenden Gottes. Da Gott sich selbst keine Befehle erteilt, hat er keine zu erfüllenden moralischen Pflichten. Er ist sicher nicht denselben moralischen Pflichten und Verboten unterworfen wie wir. Beispielsweise habe ich nicht das Recht, ein unschuldiges Leben auszulöschen. Wenn ich das täte, wäre das Mord. Gott aber hat kein solches Verbot. Er kann Leben nach seinem Ermessen schaffen und auslöschen. Wir erkennen das alle an, wenn wir eine Autorität, die das Lebensauslöschen für sich beansprucht, beschuldigen, dass sie „Gott spielt“. Menschliche Autoritäten nehmen Rechte für sich in Anspruch, die nur Gott zustehen. Gott ist überhaupt nicht verpflichtet, mein Leben noch eine Sekunde länger dauern zu lassen. Wenn er mich mit einem Mal töten wollte, wäre das sein gutes Recht.

Das heißt, dass Gott das Recht hat, den Kanaanitern das Leben zu nehmen, wann er das für richtig hält. Wie lange sie leben und wann sie sterben, liegt bei ihm.

Das Problem ist also nicht, dass Gott das Leben der Kanaaniter beendete. Das Problem ist, dass er den Israeliten befohlen hat, es zu beenden. Ist das nicht so, als befehle man jemandem, einen Mord zu begehen? Nein, ist es nicht. Sondern: Weil unsere moralischen Pflichten von Gottes Befehlen bestimmt werden, ist es so, als befehle man jemandem, etwas zu tun, das ohne einen göttlichen Befehl Mord wäre. Die Tat war für die israelitischen Soldaten aufgrund von Gottes Befehl eine moralische Verpflichtung, auch wenn es falsch gewesen wäre, wenn sie sie auf ihre eigene Initiative begangen hätten.

Laut der Theorie des göttlichen Befehls hat Gott also das Recht, eine Tat zu verordnen, die ohne ein göttliches Gebot eine Sünde wäre, nun aber aufgrund des Befehls moralisch verpflichtend ist.

Nun gut, aber ist ein solcher Befehl nicht entgegen Gottes Wesen? Nun, sehen wir uns den Fall etwas genauer an. Es ist vielleicht von Bedeutung, dass die Geschichte von der Zerstörung Sodoms durch Jahwe – zusammen mit dessen Zusicherung gegenüber Abraham, dass die Stadt nicht zerstört würde, wenn es dort nur zehn gerechte Menschen gäbe – ein Teil des Hintergrundes von der Eroberung Kanaans und von Jahwes Befehl zur Zerstörung der Städte dort bildete. Das impliziert, dass die Kanaaniter keine gerechten Menschen waren, sondern unter Gottes Gericht gekommen waren.

Ja, noch vor Israels Gefangenschaft in Ägypten sagt Gott zu Abraham:

„Du sollst mit Gewissheit wissen, dass dein Same ein Fremdling sein wird in einem Land, das ihm nicht gehört; und man wird sie dort zu Knechten machen und demütigen 400 Jahre lang (…) Sie aber sollen in der vierten Generation wieder hierherkommen; denn das Maß der Sünden der Amoriter [einer der kanaanitischen Sippen] ist noch nicht voll“ (1. Mose 15,13.16).

Was sehen wir hier? Gott hält sich mit seinem Gericht über die Kanaaniter 400 Jahre lang zurück, weil ihre Gottlosigkeit noch nicht gänzlich untragbar war! Das ist der langmütige Gott, den wir aus den hebräischen Schriften kennen. Er lässt sogar zu, dass sein auserwähltes Volk jahrhundertelang in Gefangenschaft schmort, bevor er beschließt, dass das Maß der Gottlosigkeit auf Seiten der Kanaaniter voll ist, und sein Volk aus Ägypten herausruft.

Bis zu ihrer Auslöschung war die kanaanitische Kultur in der Tat verkommen und grausam. Praktiken wie rituelle Prostitution und sogar Kinderopfer waren ein fester Bestandteil davon. Die Kanaaniter sollten ausgelöscht werden, „damit sie euch nicht lehren, alle ihre Greuel zu verüben, die sie für ihre Götter verübt haben, und ihr euch so versündigt an dem HERRN, eurem Gott“ (5. Mose 20,18). Gott hatte moralisch ausreichende Gründe für sein Gericht über Kanaan, und Israel war lediglich das Instrument seiner Gerechtigkeit, genauso wie Gott hunderte Jahre später die heidnischen Nationen Assyrien und Babylon verwenden würde, um Israel zu richten.

Doch warum sollte man das Leben unschuldiger Kinder auslöschen? Die schreckliche Totalität der Auslöschung hing zweifelsohne mit dem Verbot für die Israeliten zusammen, sich an die heidnischen Nationen anzugleichen. Mit dem Befehl, die Kanaaniter vollständig auszulöschen, sagt der Herr: „Du sollst dich mit ihnen nicht verschwägern; du sollst deine Töchter nicht ihren Söhnen zur Frau geben noch ihre Töchter für deine Söhne nehmen; denn sie würden deine Söhne von mir abwendig machen, dass sie anderen Göttern dienen“ (5. Mose 7,3-4). Dieses Gebot ist untrennbar mit dem ganzen komplexen Ritualgesetzgefüge der Juden verbunden, das zwischen reinen und unreinen Praktiken unterscheidet. Dem heute in der westlichen Welt lebenden Menschen erscheinen viele der Vorschriften im Alten Testament absolut bizarr und sinnlos: Leinen nicht mit Wolle zu mischen, für Fleisch und Milchprodukte nicht dieselben Gefäße zu nehmen usw. Was sich durch die meisten dieser Vorschriften wie ein roter Faden hindurchzieht, ist das Verbot, verschiedene Dinge zu mischen. Es werden ganz klare Linien zur Unterscheidung gezogen: das und nicht jenes. Diese dienen als tägliche, fassbare Erinnerungen daran, dass Israel ein besonderes Volk ist, das für Gott abgesondert ist.

Ich habe einmal mit einem indischen Missionar gesprochen, der mir erzählte, dass Menschen aus der östlichen Hemisphäre eine tief verankerte Neigung zur Vereinigung haben. Er sagte, dass Hindus, nachdem sie das Evangelium gehört haben, oft lächeln und „Sub ehki eh, sahib, su ehki eh!“ sagen („Alles ist eins, sahib, alles ist eins!“ [An die Hindustani-Muttersprachler: bitte verzeiht meine Transliteration!]). Dadurch war es unmöglich, sie zu erreichen, weil sogar logische Widersprüche im Ganzen zusammengefasst wurden. Er sagte, dass er der Meinung war, dass Gott Israel so viele willkürliche Befehle über Reines und Unreines gegeben hat, weil er sie den Satz vom (ausgeschlossenen) Widerspruch lehren wollte![1]

Durch das Aufstellen solch starker, harscher Dichotomien lehrte Gott das Volk Israel, dass jede Angleichung an den heidnischen Götzendienst untragbar ist. So bewahrte er Israels geistliche Gesundheit und Nachkommenschaft. Gott wusste, dass diese kanaanitischen Kinder den Ruin für Israel bedeuteten, wenn er sie am Leben lassen würde. Das Töten der kanaanitischen Kinder diente nicht nur zur Verhinderung der Angleichung an die kanaanitische Identität, sondern auch als erschütternde, fassbare Illustration der exklusiven Absonderung Israels für Gott.

Außerdem: Wenn man, wie ich auch, glaubt, dass Gottes Gnade auch denen gilt, die als Kleinkinder oder Säuglinge sterben, dann war der Tod dieser Kinder eigentlich ihre Erlösung. Wir sind so stark mit einer weltlichen, naturalistischen Perspektive behaftet, dass wir vergessen, dass diese Sterbenden gerne von dieser Erde scheiden, um an der unvergleichlichen Freude im Himmel teilzuhaben. Gott tut diesen Kindern also kein Unrecht, indem er ihnen das Leben nimmt.

Wem tut Gott also mit seinem Befehl, die Kanaaniter auszulöschen, Unrecht? Den kanaanitischen Erwachsenen nicht, denn die waren korrupt und hatten das Gericht verdient. Den Kindern auch nicht, denn sie haben das ewige Leben geerbt. Wem wird also Unrecht angetan? Ironischerweise glaube ich, dass der schwierigste Teil dieser ganzen Debatte das vermeintliche Unrecht ist, das den israelitischen Kriegern selbst angetan wurde. Können Sie sich vorstellen, wie es wäre, in ein Haus einzubrechen und eine völlig verängstigte Mutter und ihre Kinder zu töten? Die verrohenden Auswirkungen auf die israelitischen Krieger sind verstörend.

Doch auch hier betrachten wir das von einem christianisierten, westlichen Standpunkt aus. Für die Menschen im Altertum war das Leben ohnehin brutal. Gewalt und Kriege gehörten damals fest zum Leben der Menschen im Nahen Osten dazu. Das wird dadurch belegt, dass diese Befehle an die Krieger den Menschen, die diese Geschichten erzählten, anscheinend nichts ausmachten (vor allem wenn dies Gründungslegenden des Landes waren). Niemand war bestürzt darüber, dass die Soldaten die Kanaaniter umbringen mussten; diejenigen, die es taten, waren Nationalhelden.

Außerdem trifft hier auch wieder mein Argument von vorhin: Nichts könnte den Israeliten die Bedeutung ihrer Berufung als für Gott allein abgesondertes Volk so veranschaulichen. Mit Gott ist nicht zu spaßen. Er meint es ernst, und wenn sich das Volk Israel von ihm lossagt, blüht ihm dasselbe wie den Kanaanitern. C. S. Lewis drückt es so aus: „Aslan ist kein zahmer Löwe.“

Aber was hat das alles mit dem islamistischen djihad zu tun? Der Islam sieht die Gewalt als ein Mittel an, den muslimischen Glauben zu verbreiten. Der Islam teilt die Welt in zwei Lager: Das dar al-Islam (Haus der Unterwerfung) und das dar al-harb (Haus des Krieges). Ersteres besteht aus den Ländern, die dem Islam unterworfen worden sind; letzteres besteht aus den Ländern, die bisher noch nicht unterworfen worden sind. So betrachtet der Islam tatsächlich die Welt!

Im Gegensatz hierzu stand die Eroberung Kanaans für Gottes gerechtes Gericht über diese Völker. Der Zweck davon war nicht, sie alle dazu zu bringen, zum Judentum zu konvertieren! Krieg wurde nicht instrumentalisiert, um den jüdischen Glauben zu verbreiten. Zudem war das Abschlachten der Kanaaniter ein ungewöhnlicher historischer Umstand, keine regelmäßig angewandte Vorgehensweise.

Das Problem am Islam ist also nicht, dass er die falsche Moraltheorie hat; er hat den falschen Gott. Ich stimme mit dem Muslim überein, wenn dieser behauptet, dass unsere moralischen Pflichten durch Gottes Befehle entstehen. Doch Muslime und Christen haben radikal verschiedene Gottesbilder. Christen glauben, dass Gott alle liebt, während Muslime glauben, dass Gott nur Muslime liebt. Allah empfindet keine Liebe gegenüber Ungläubigen und Sündern. Deswegen können sie blind getötet werden. Außerdem überragt Gottes Allmacht im Islam alles, selbst sein eigenes Wesen. Sein Umgang mit den Menschen ist daher völlig willkürlich. Im Gegensatz hierzu glauben Christen, dass Gottes heiliges und liebendes Wesen seine Befehle bestimmt.

Die Frage ist dann also nicht, wessen Moraltheorie korrekt ist, sondern welcher der wahre Gott ist.

William Lane Craig

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/slaughter-of-the-canaanites



Anmerkungen

[1] Aristoteles formulierte den Satz vom (ausgeschlossenen) Widerspruch wie folgt: "Es ist unmöglich, dass dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme." (Aristoteles, Metaphysik 1005b). D.h. der Apfel kann nicht zugleich in derselben Hinsicht "grün" sein und "nicht grün" sein. Der Satz vom Widerspruch gilt als Grundgesetz des Denkens, das nicht anfechtbar ist, denn um es zu bestreiten, müsste man Aussagen verwenden, und jede Aussage unterstellt bereits wieder die Gültigkeit des Satzes vom Widerspruch. (Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig