#53 Evolutionstheorie im Unterricht
September 28, 2015Ich bin High-School-Lehrerin für Geologie und Umweltwissenschaften und fühle mich zunehmend unwohler, wenn lehrplangemäß die typischen „Beweise“ für die Evolutionstheorie im Unterricht zu behandeln sind. Verrate ich Christus, indem ich gedankenlos wiederhole, was von mir verlangt wird? Kann ich mich mit der Feststellung herausreden, dass die Schüler eigentlich schon in der Lage sein sollten, ihren „Feind“ selbst zu erkennen?
Helfender Rat ist höchst willkommen!
Herzliche Grüße,
Sarah
Dr. craig’s response
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Ich denke, dass Ihre Frage hervorragend geeignet ist, um das zweite Jahr von Reasonable Faith online zu beginnen.
Sarah, ich bin überzeugt, dass Ihr Dilemma in Wirklichkeit eine große Chance ist. Lehrer zu sein ist eine Berufung mit besonderer Verantwortung und besonderen Möglichkeiten. Gedankenlos zu wiederholen, was Sie für unwahr halten, bedeutet nicht nur Christus zu verraten, sondern auch Ihre Berufung als Lehrer sowie alle jene Eltern und Schüler, die auf Sie vertrauen.
Wir alle, die wir im Lehrbetrieb tätig sind, müssen zuweilen Standpunkte vermitteln, die wir selbst nicht teilen. Dennoch ist es unsere Pflicht, solche Ansichten auf faire Weise darzustellen, bevor wir sie unserer Kritik unterziehen. Die Evolutionstheorie ist heutzutage so wichtig, nicht nur wissenschaftlich, sondern auch kulturell, dass Ihre Schüler sie unbedingt genau verstehen sollten. Und deshalb müssen Sie sie Ihnen gut beibringen.
Allerdings zwingt Sie das nicht dazu, Falschheiten als Wahrheiten zu präsentieren. Bringen Sie Ihren Schülern stattdessen bei, dass die Theorie dieses oder jenes behauptet, und erörtern Sie dann, wie überzeugend diese Theorie ist. Stellen Sie das Pro und Kontra der Theorie aus einer rein naturalistischen Perspektive dar, ohne die Religion ins Spiel zu bringen. Um ein neutraleres Beispiel anzuführen: Stellen Sie sich vor, Sie würden Kosmologie unterrichten. Sie würden dann erst ein wenig die historische Situation vor Einsteins Formulierung der Allgemeinen Relativitätstheorie erörtern. Daraufhin würden Sie versuchen zu zeigen, wie Einstein seine Theorie auf das gesamte Universum anwandte und welche Voraussagen sich daraus ergaben. Sie würden dann Friedmanns und Lemaîtres Lösung der Einsteinschen Gleichung behandeln, mit ihrer Voraussage eines expandierenden Universums. Sie würden außerdem über die empirischen Entdeckungen sprechen, die als Bestätigung der Relativitätstheorie betrachtet wurden. Schließlich würden Sie alternative Theorien erörtern, wie die Steady-State-Theorie oder zyklische Theorien des Universums.
Warum können Sie bei der Darwinschen Theorie der biologischen Evolution nicht genauso vorgehen? Beschreiben Sie die Probleme und Ungereimtheiten, mit denen sich Darwin auseinandersetzte, und welche Theorie er aufstellte, um diese zu lösen. Zeigen Sie, wie seine ursprüngliche Theorie durch die Mendelsche Genetik ergänzt werden musste. Beschreiben Sie, wie sich die moderne Evolutionstheorie seitdem weiterentwickelt hat. Dann können Sie zur Beurteilung der Stärken und Schwächen des neodarwinistischen Ansatzes übergehen. Sie können erklären, dass es sich dabei um das beherrschende und weithin akzeptierte Paradigma der heutigen Biologie handelt. Erzählen Sie Ihren Schülern, was die Theorie gut erklärt; erwähnen Sie aber auch das, was sie nicht so gut erklärt. Ein gutes Beispiel für diesen Ansatz ist Stephen Meyer, et al., Explore Evolution (Melbourne: Hillhouse, 2007).
Sie brauchen dabei weder auf Gott, noch die Schöpfung oder den Begriff des Intelligent Design einzugehen. Wägen Sie lediglich die Vorzüge und Mängel der Theorie ab. Schließlich impliziert die Ablehnung der neodarwinistischen Evolutionstheorie nicht automatisch die Annahme einer übernatürlichen Alternative. Aufgrund der explanatorischen Unzulänglichkeit der genetischen Mutation und der natürlichen Auslese können wir ziemlich zuversichtlich sein, dass bis Ende dieses Jahrhunderts die gängige Evolutionstheorie sich in eine andere, mit zusätzlichen Mechanismen ausgestattete Evolutionstheorie verwandeln wird. Wie immer wird dann jeder sagen: "Also, wir haben es ja immer gewusst, dass die alten Mechanismen explanatorisch unzulänglich waren, aber jetzt haben wir das Problem gelöst!"
William Lane Craig
(Übers.: M. Köhler)
- William Lane Craig