#90 Jesus und heidnische Mythologie
January 10, 2017Hallo Herr Prof. Craig,
vielen Dank für all die Hilfe, die Sie bieten, indem Sie die Wahrheit aufzeigen, die in Christus ist.
Ich habe eigentlich nur eine Frage, und um ehrlich zu sein, frustriert Sie mich bis aufs Äußerste. Sie kommt beinahe jedes Mal auf, wenn ich mit jemandem über das Christentum diskutiere.
Die Frage „Ist Jesus ein kopierter Mythos oder eine reale Person?“ ist der Grund für die allermeisten Einwände, die mir entgegengebracht werden. Es werden dabei alle Gemeinsamkeiten zwischen Christus und anderen mythologischen Göttern und Sternkonstellationen angeführt, gefolgt von der Frage: „Siehst du, wie nahe sie beieinander liegen?“
Es scheint keine Rolle zu spielen, wie gut ich bestimmte Ähnlichkeiten zwischen Christus und einem anderen mythologischen Glauben widerlege – ich werde nicht ernst genommen, weil ich „viel zu hart dafür gearbeitet habe, meine Religion zu retten“.
Wie stichhaltig ist diese skeptische Argumentation? Wird auf der Ebene der Wissenschaft überhaupt noch darüber diskutiert?
Ich würde wirklich gerne Ihre Meinung zu diesem Thema hören, weil ich immer wieder darauf stoße und es offen gesagt satt habe, jede einzelne Gemeinsamkeit zu widerlegen.
Vielen Dank für alles. Ich war einmal Atheist, aber das Argument für objektive moralische Werte und Pflichten hat mich zu Christus geführt.
Kevin
– ohne Angabe des Landes
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Dr. craig’s response
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Der 2005 verstorbene Gründer des radikalen Jesus-Seminars, Robert Funk, hat sich stets heftig über den tiefen Graben beschwert, die sich zwischen der hohen Wissenschaft und den populären Überzeugungen über Jesus auftut. Funk dachte da vor allem an die Isolierung populärer Frömmigkeit von der historischen Wissenschaft über Jesus; doch nirgends erstreckt sich dieser Graben weiter als zwischen dem populärwissenschaftlichen Atheismus und den wissenschaftlichen historischen Jesus-Studien.
Die Freidenkerbewegung, die den populären Einwand, dass christliche Überzeugungen über Jesus aus der heidnischen Mythologie abgeleitet wurden, noch befeuert, steckt noch in der Wissenschaft des späten 19. Jahrhunderts fest. Einerseits ist das erstaunlich, weil es eine ganze Menge moderner skeptischer Gelehrter gibt, wie jene im Jesus-Seminar, deren Arbeit sich die Freidenker zu Nütze machen könnten, um ihre Skepsis über das traditionelle Verständnis von Jesus zu rechtfertigen. Aber es zeigt einfach, wie weit diese Popularisierer von der wissenschaftlichen Arbeit über Jesus entfernt sind. Sie hängen 100 Jahre hinterher.
In der Blütezeit der Religionsgeschichtlichen Schule[1] sammelten Gelehrte komparativer Religion in anderen religiösen Bewegungen Parallelen zu den christlichen Überzeugungen, und manche suchten, diese Überzeugungen (einschließlich des Glaubens an Jesu Auferstehung) als Folge des Einflusses solcher Mythen zu erklären. Heute hält aber so gut wie kein Gelehrter mehr Mythen für eine wichtige Interpretationskategorie für die Evangelien. Die Gelehrten haben erkannt, dass die heidnische Mythologie einfach der falsche Interpretationskontext ist, um Jesus von Nazareth zu verstehen.
Craig Evans hat diesen Wandel den „Niedergang der Mythologie“ in der Leben-Jesu-Forschung genannt (siehe seinen exzellenten Artikel „Life-of-Jesus-Research and the Eclipse of Mythology“, Theological Studies 54 [1993]: 3-36). So beginnt James D. G. Dunn seinen „Mythos“-Artikel im Dictionary of Jesus and the Gospels (IVP, 1993) mit diesem Satz: „Mythos ist ein Begriff von zumindest zweifelhafter Relevanz für das Studium Jesu und der Evangelien.“
Manchmal wir dieser Wandel auch „die jüdische Wiederbeanspruchung Jesu“ genannt. Denn Jesus und seine Jünger waren palästinensische Juden im 1. Jahrhundert, und vor diesem Hintergrund müssen sie betrachtet werden. Die jüdische Wiederbeanspruchung Jesu hat dazu beigetragen, dass jegliches Verständnis der Evangelien als eine maßgeblich mythologisch beeinflusste Darstellung als ungerechtfertigt bezeichnet werden kann.
Dieser Wandel wird in Bezug auf die Historizität der Wunder und Exorzismen Jesu kommuniziert. Heutige Gelehrte sind vielleicht genauso wenig gewillt, an den übernatürlichen Charakter der Wunder und Exorzismen Jesu zu glauben, wie Gelehrte früherer Generationen. Doch sie sind nicht mehr gewillt, diese Geschichten dem Einfluss der hellenistischen Mythen vom göttlichen Menschen (theios aner) zuzuschreiben. Jesu Wunder und Exorzismen müssen vielmehr im Kontext der Überzeugungen und Praktiken der Juden im 1. Jahrhundert interpretiert werden. Der jüdische Gelehrte Geza Vermes hat beispielsweise auf den charismatischen Wundertäter und/oder Exorzist Honi der Kreiszieher (1. Jahrhundert v. Chr.) und auf Hanina ben Dosa (1. Jahrhundert n. Chr.) aufmerksam gemacht und interpretiert Jesus von Nazareth als jüdischen hasid oder Heiligen. Heute besagt der Konsens der Gelehrten, dass Wunder und Exorzismen mit großer Sicherheit zu jeder historisch akzeptablen Rekonstruktion des Dienstes Jesu gehörten (und klammern dabei die Frage nach ihrem übernatürlichen Charakter aus).
Der Niedergang der Religionsgeschichtlichen Schule ereignete sich vor allem aus zwei Gründen. Zunächst erkannten die Gelehrten, dass die vermeintlichen Parallelen falsch sind. In der antiken Welt gab es Mythen von Göttern und Helden in Hülle und Fülle. Komparative Studien in Religion und Literatur erfordern Sensibilität für die Gemeinsamkeiten und Unterschiede, sonst resultieren daraus automatisch Verzerrungen und Verwirrungen. Leider haben diejenigen, die Parallelen zum Christentum anführten, diese Sensibilität vermissen lassen. Nehmen wir beispielsweise die Geschichte der Jungfrauengeburt bzw., um genauer zu sein, die jungfräuliche Zeugung Jesu. Die vermeintlichen heidnischen Parallelen zu dieser Geschichte betreffen Geschichten über Götter, die einen menschlichen Körper annehmen und mit menschlichen Frauen Geschlechtsverkehr haben, um einen göttlich-menschlichen Nachkommen in die Welt zu setzen (wie bei Herkules). Als solche sind diese Geschichten genau das Gegenteil der Evangeliumserzählung über die Zeugung Jesu, in der keine sexuelle Beziehung eingegangen wird. Ja, die Erzählungen in den Evangelien über die jungfräuliche Zeugung Jesu sind im Nahen Osten der Antike einzigartig.
Oder nehmen wir das Ereignis in den Evangelien, das mich am meisten interessiert: Jesu Auferstehung von den Toten. Bei vielen der vermeintlichen Parallelen zu diesem Ereignis handelt es sich eigentlich um Apotheosis-Geschichten, in denen der Heros vergöttlicht und in den Himmel aufgenommen wird (Herkules, Romulus). Bei anderen handelt es sich um Geschichten, in denen der Heros in eine höhere Sphäre verschwunden ist (Apollonios von Tyana, Empedokles). Wieder andere sind saisonale Symbole für den Ernte-Zyklus: die Vegetation stirbt in der trockenen Jahreszeit und erwacht in der regnerischen Jahreszeit wieder zum Leben (Tammus, Osiris, Adonis). Manche sind auch politische Botschaften der Kaiserverehrung (Julius Cäsar, Cäsar August). Keine dieser Geschichten läuft parallel zur jüdischen Vorstellung der Auferstehung aus den Toten. David Aune, der ein Spezialist in komparativer antiker Literatur des Nahen Ostens ist, schlussfolgert: „In der griechisch-römischen Biographie lässt sich keine Parallele zu ihnen [den Auferstehungsüberlieferungen] finden“ („The Genre of the Gospels“, in Gospel Perspectives II, Hg.: R. T. France und David Wenham [Sheffield: JSOT Press, 1981], S. 48).
Ja, die meisten Gelehrten bezweifeln mittlerweile, dass es überhaupt Mythen von sterbenden und auferstehenden Göttern im eigentlichen Sinne gab! Im Osiris-Mythos, einem der bekanntesten symbolischen Jahreszeiten-Mythen, erwacht Osiris nicht wirklich wieder zum Leben, sondern existiert einfach im niederen Reich der Verstorbenen weiter. In einer Neubetrachtung der Belege berichtet T. N. D. Mettinger: „Aus den 1930er Jahren (. . .) hat sich ein Konsens dazu entwickelt, dass die „sterbenden und auferstehenden Götter“ gestorben sind, aber nicht wieder zum Leben erwachten (. . .) Diejenigen, die noch immer anderer Meinung sind, werden als Überbleibsel einer beinahe ausgestorbenen Spezies betrachtet“ (Tryggve N. D. Mettinger, The Riddle of Resurrection: „Dying and Rising Gods“ in the Ancient Near East [Stockholm, Schweden: Almquist & Wiksell International, 2001], S. 4, 7).
Mettinger selbst glaubt schon, dass Mythen des Sterbens und Auferstehens im Fall von Dumuzi[2], Baal[3] und Melkart[4] existierten; doch er erkennt auch an, dass solche Symbole sich stark vom frühen Christenglauben an die Auferstehung Jesu unterscheiden.
"Die sterbenden und auferstehenden Götter waren eng mit dem Jahreszeitenzyklus verbunden. Ihr Tod und Auferstehen sah man im Wandel des Pflanzenlebens reflektiert. Das Sterben und Auferstehen Jesu ist ein einmaliges Ereignis, das nicht wiederholt wurde und nicht mit saisonalen Veränderungen verbunden war. (. . .) Soweit ich weiß, gibt es keinen Prima-Facie-Beleg dafür, dass der Tod und die Auferstehung Jesu ein mythologisches Konstrukt ist, das aus den Mythen und Riten der sterbenden und auferstehenden Götter der umgebenden Welt schöpft. Zwar wird der Glaube an den Tod und die Auferstehung gewinnbringend vor dem Hintergrund des jüdischen Auferstehungsglauben studiert, doch behält er seinen einzigartigen Charakter in der Religionsgeschichte bei. Das Rätsel bleibt (Ebd., S. 221)."
Beachten Sie Mettingers Anmerkung, dass der Glaube an die Auferstehung Jesu gewinnbringend vor dem Hintergrund jüdischer Auferstehungsüberzeugungen (nicht heidnischer Mythologie) studiert werden kann. Hier sehen wir diesen Wandel im Studium des Neuen Testaments, den ich oben als jüdische Rückforderung Jesu bezeichnet habe. Die Falschheit der vermeintlichen Parallelen ist nur ein Anzeichen dafür, dass die heidnische Mythologie der falsche Interpretationsrahmen dafür ist, den Glauben der Jünger an Jesu Auferstehung zu verstehen.
Zweitens: Die Erklärung der Religionsgeschichtlichen Schule für den Ursprung christlicher Überzeugungen über Jesus ist gescheitert, weil es keine kausale Verbindung zwischen heidnischen Mythen und dem Ursprung der christlichen Überzeugungen über Jesus gab. Nehmen wir beispielsweise die Auferstehung. Die Juden waren mit den oben erwähnten saisonalen Gottheiten vertraut (Hes 37, 1-14) und fanden sie abstoßend. Somit gibt es keine Spur von Kulten sterbender und auferstehender Götter im Palästina des 1. Jahrhunderts. Für die Juden würde die Auferstehung zu Herrlichkeit und Unsterblichkeit erst mit der allgemeinen Auferstehung aller Toten am Ende der Welt stattfinden. Es übersteigt die Vorstellungskraft, dass die ersten Jünger plötzlich und aufrichtig glaubten, dass Jesus von Nazareth von den Toten auferstanden war, weil sie in heidnischen Mythen von sterbenden und auferstehenden Göttern gehört hatten.
Doch in einem gewissen Sinne ist das alles irrelevant für Ihre eigentliche Frage, Kevin. Denn wie Sie schon andeuteten, sind die Leute, mit denen Sie sprechen, immun gegenüber der Wissenschaft. Wenn Sie sie auf die Falschheit der vermeintlichen Parallelen hinweisen, werden Sie beschuldigt „zu hart zu arbeiten, um Ihre Religion zu retten“. Hier können Sie nicht gewinnen. Daher neige ich dazu, Ihnen zu raten, nicht zu „zu versuchen, jede einzelne Gemeinsamkeit zu widerlegen“. Ich denke, eine allgemeinere und abweisendere Haltung von Ihrer Seite aus wäre effektiver.
Wenn die Leute sagen, dass christliche Überzeugungen über Jesus von heidnischer Mythologie abgeleitet wurden, sollten Sie einfach lachen. Sehen Sie sie dann mit großen Augen und breitem Grinsen an und rufen Sie: „Glaubt ihr das wirklich? Tun Sie so, als hätten Sie es mit einem Hinterweltler oder Roswell-Verschwörer zu tun. Dann könnten Sie ungefähr Folgendes sagen: „Diese alten Theorien sind seit über hundert Jahren tot! Woher habt ihr das denn?“ Sagen Sie ihnen, dass das nur sensationalistischer Müll ist, keine ernsthafte Wissenschaft. Wenn sie dabei bleiben, bitten Sie sie, Ihnen die Abschnitte zu zeigen, in denen in einer Primärquelle der jeweiligen Mythologie oder Religion die vermeintliche Parallele erzählt wird. Diese Leute sind es, die gegen den wissenschaftlichen Konsens anschwimmen; lassen Sie sie also hart arbeiten, um ihre Religion zu retten. Sie werden wahrscheinlich feststellen, dass sie die Primärquellen überhaupt nicht gelesen haben.
Wenn sie doch einmal einen Abschnitt aus einer Primärquelle zitieren, wird es Sie deren Inhalt sicher überraschen. In meiner Debatte mit Robert Price über die Auferstehung hat dieser beispielsweise behauptet, dass Jesu Heilungswunder aus mythologischen Heilungsgeschichten wie die über Asklepios abgeleitet wurden. Ich bestand darauf, dass er einen Abschnitt aus der Primärquelle vorliest, um die angebliche Parallele aufzuzeigen. Die Geschichte, die er dann vorlas, gab überhaupt nichts her, was den Evangeliumserzählungen über Jesus Heilungswunder ähnelte! Es war der beste Beweis dafür, dass die Geschichten nicht genealogisch verwandt waren.
Vergessen Sie nicht: Wer diesen Einwand vorbringt, muss eine Beweislast tragen. Er muss zeigen, dass die Erzählungen Parallelen aufweisen und zudem kausal verbunden sind. Bestehen Sie darauf, dass er diese Last trägt, wenn Sie seinen Einwand ernst nehmen sollen.
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /jesus-and-pagan-mythology
[1] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Religionsgeschichtliche_Schule (Anm. d. Übers.)
[2] Dumuzi = Sumerischer Hirtengott, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Dumuzi (Anm. d. Übers.)
[3] Baal = Bezeichnung für verschiedene Gottheiten im syrischen und levantinischen Raum, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Baal_(Gottheit) (Anm. d. Übers.)
[4] Melkart = Hauptgott der phönizischen Stadt Tyros, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Melkart (Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig
