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#79 Molinismus und göttliche Erwählung

January 10, 2017
Q

Sehr geehrter Herr Prof. Craig,

Ich bin Atheist und lese zur Zeit Reasonable Faith[1], und ich muss jetzt gleich zu Beginn sagen, dass Ihr Buch bisher äußerst ansprechend und herausfordernd ist! Ich freue mich darauf, in anderen Büchern noch mehr von ihren Gedanken zu lesen, und als Mitglied der „Opposition“ gratuliere ich Ihnen zu Ihrer hervorragenden Arbeit auf Ihrer Suche nach der Wahrheit.

Ich habe zwei sehr verschiedene Fragen. Vielen Dank im Voraus, dass Sie sich die Zeit nehmen und die Mühe machen, sie zu beantworten. Ich freue mich sehr auf Ihre Antwort.

Erstens: In einem Ihrer ersten Kapitel in Reasonable Faith behaupten Sie, das Fundament für die von Gott gewirkte Auferstehung Jesu von den Toten durch eine kumulative Argumentation zu legen, die für die Existenz eines persönlichen, moralischen, mächtigen göttlichen Schöpfer spricht, der mit unserem Universum temporal ist, und auf der Basis dieser Argumentation stellen Sie die Behauptung auf, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat.

Mir kam da der Gedanke, ob es eine gültige Vorgehensweise für einen Atheisten in einer Debatte wäre, eine kumulative Argumentation für die Nichtexistenz Gottes, wie Sie ihn definierten, vorzubringen, und ähnlich Ihrer Methode zu schlussfolgern, dass Jesus höchstens auf einem anderen Weg als durch den Gott, für den Sie argumentieren, von den Toten auferstanden ist – und somit zu schlussfolgern, dass das Christentum falsch ist, auch wenn eine historische Auferstehung gewiss ist.

Ich weiß natürlich, dass Sie höchstwahrscheinlich Gegenargumente gegen Ihre Argumentation für ungültig halten, doch frage ich mich, ob Sie zustimmen würden, dass eine solche Methode auf atheistischer Seite an und für sich logisch stichhaltig gegen das Christentum spricht, wenn man des Argumentes wegen annimmt, dass alle Prämissen des Atheisten dabei wahr sind.

Zweitens: In Römer 9 nennt Paulus Jakob und Esau geliebt bzw. gehasst („oder weniger geliebt“), bevor sie irgendetwas Gutes oder Böses getan haben. Paulus fährt dann fort und vergleicht uns alle mit Ton, der von einem Töpfer geformt wird, und sagt, dass es nicht der Wille des Laufenden ist, wer errettet wird, sondern desjenigen, der sich erbarmt. Paulus schreibt dann davon, wie Gott zum Pharao sagte: „Eben dazu habe ich dich groß gemacht...“. Und dann spricht Paulus über die Vorstellung, dass die Gefäße, die Gott „zum allgemeinen Gebrauch“ gemacht hat, nur dafür da sind, dass er seinen besonderen Gebilden seine Geduld erweist.

Viele Reformierte Christen sind der Meinung, dass dieser Abschnitt die zweifache Vorherbestimmung und bedingungslose Erwählung nachweist, und ich sehe mich gezwungen, ihnen zuzustimmen – wie Jesus in Johannes 6,65 auch! Ich erachte den reformierten Gott als tyrannisch und anbetungsunwürdig; ja, einem Außenstehenden fällt es wirklich schwer, auf die calvinistische Interpretation von Römer 9 ohne Hass zu reagieren – der bekannte reformierte Gelehrte James White beschreibt dieses Kapitel ja folgendermaßen: „Ich verstehe, dass ich dies nur durch einen Akt der Gnade verstehen kann.“

Meiner Ansicht nach widerlegt dies Ihre molinistische Position, da man sich in keiner potentiellen Welt alleine und freiwillig für Gott entscheiden kann, ohne dass Gott einem vorher dazu verhilft. Zudem lesen wir im Kontext der erwähnten Geschichte in Johannes 6, dass Christus von Nachfolgern verlassen wird, was ihn zu seiner Aussage in 6,65 bringt und beweist, dass Christus nicht allen als freie Gabe gilt! Was bleibt nach diesem Abschnitt noch über von der Freiheit des Menschen, sich für Christus zu entscheiden?

Haben Sie ganz herzlichen Dank für Ihre Zeit.

Darrin

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Kumulativ für die Nichtexistenz Gottes argumentieren

Zunächst möchte ich sagen, Darrin, dass ich mich sehr über den Ton Ihres Briefes gefreut habe. Sie sind zwar nicht mit meinen Ansichten einverstanden, doch ist Ihr Schreiben ein gutes Beispiel für Höflichkeit, dem wir alle folgen sollten. Es ist mir eine Freude, Ihre Fragen anzugehen.

Zu Ihrer ersten Frage: Um als Atheist das Argument für die Historizität der Auferstehung zu widerlegen, erscheint es mir tatsächlich am vielversprechendsten, parallel zu meiner Vorgehensweise zu argumentieren. Bringen Sie zunächst Argumente gegen den Theismus vor, wie z. B. das Problem des Übels oder die Unmöglichkeit körperloser Personen, sodass es, wenn Sie sich den Indizien für die Auferstehung zuwenden, einfach keine solche übernatürliche Person gäbe, auf die man sich als Erklärung berufen könnte.

Beachten Sie aber, dass es einen potentiell bedeutenden Unterschied zwischen den beiden Argumentationen gibt: Bei der Argumentation für den Theismus bestätigen die Indizien für die Auferstehung Jesu den Theismus (siehe den guten Artikel von Timothy und Lydia McGrew[2] im bald erscheinenden Blackwell Companion to Natural Theology, Hg.: Wm. L. Craig und J. P. Moreland), sodass das Hinzufügen der Indizien für die Auferstehung Jesu die Wahrscheinlichkeit des Theismus noch weiter steigert. Für den Atheisten hingegen sprechen die Indizien für die Auferstehung eher gegen den Atheismus, sodass sie seine ursprüngliche anti-theistische Argumentation schwächen und den Atheismus weniger wahrscheinlich machen. Wenn man die Indizien für Jesu Auferstehung als überzeugend einschätzt, gleichen sie die Wahrscheinlichkeit der Argumente, die Sie für den Atheismus angeführt haben, vielleicht wieder aus, sodass der Theismus letztendlich vielleicht doch wie eine wirklich gute Alternative dasteht. Wie dem auch sei: Die Argumentation für den Atheismus wird nach dem Berücksichtigen der Indizien für die Auferstehung Jesu schwächer aussehen.

Molinismus und Römer 9 – die Erwählung wurde als Teil der jüdischen Identität verstanden

Lassen Sie uns jetzt über Paulus' Erwählungslehre in Römer 9 sprechen. Ich möchte Ihnen einen Blickwinkel auf Paulus' Lehre mitgeben, den Sie sicherlich aufschlussreich und ermutigend finden werden. Als Folge reformatorischer Theologie tendieren wir oft dazu, diesen Abschnitt so zu lesen, dass Paulus den Rahmen der göttlichen Erwählung auf die wenigen Erwählten reduziert, und diejenigen, die so nicht ausgewählt wurden, können sich nicht beschweren, wenn Gott sie in seiner Souveränität nicht beachtet. Ich denke, das ist ein fundamentales Missverständnis dieses Kapitels und ergibt im Kontext von Paulus' Brief keinen Sinn.

Weiter vorne im Brief befasst sich Paulus mit der Frage, welchen Vorteil die jüdische Identität hat, wenn man es nicht schafft, den Anforderungen des Gesetzes gerecht zu werden (2, 17-3,21). Er sagt: Zwar hat die jüdische Identität große Vorteile, z. B. Empfänger von Gottes Offenbarungen zu sein, doch gibt sie einem keinen automatischen Anspruch auf Errettung. Paulus stellt vielmehr die radikale und schockierende Behauptung auf, dass „nicht der ein Jude ist, der es äußerlich ist. Auch nicht ist das die Beschneidung, die äußerlich am Fleisch geschieht; sondern der ist ein Jude, der es innerlich ist, und seine Beschneidung geschieht am Herzen, im Geist, nicht dem Buchstaben nach“ (2, 28-29).

Paulus sagte, dass „aus Werken des Gesetzes kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden kann“ (3,20); vielmehr „kommen wir zu dem Schluss, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird, ohne Werke des Gesetzes“ (3, 29). Das gelte für Heiden wie für Juden. „Oder ist Gott nur der Gott der Juden? Nicht auch der Heiden? Ja freilich, auch der Heiden. Denn Gott ist einer (3, 29-30).

Verstehen Sie, was das für Paulus' jüdische Zeitgenossen bedeutete? Heidnische „Hunde“, die an Christus glauben, könnten jüdischer sein als ethnische Juden und demnach ins Reich Gottes kommen, während Gottes auserwähltes Volk draußen bleibt! Undenkbar! Skandalös!

Paulus stützt dann seine Ansicht, indem er das Beispiel keines Geringeren als Abraham, Vater des jüdischen Volkes, heranzieht. Abraham, erklärt Paulus, wurde von Gott gerecht gesprochen, bevor er die Beschneidung empfing. Paulus schreibt: „Und er empfing das Zeichen der Beschneidung als Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, den er schon im unbeschnittenen Zustand hatte, damit er ein Vater aller unbeschnittenen Gläubigen sei, damit auch ihnen die Gerechtigkeit angerechnet werde; und auch ein Vater der Beschnittenen, die nicht nur aus der Beschneidung sind [man beachte die Qualifizierung!], sondern die auch wandeln in den Fußstapfen des Glaubens, den unser Vater Abraham hatte, als er noch unbeschnitten war“ (4,11-12).

Molinismus und Römer 9 – Gottes Erwählung wird auf die Heiden erweitert

Das ist eine explosive Lehre. Paulus bringt am Anfang von Kapitel 9 erst einmal seine tiefe Trauer darüber zum Ausdruck, dass die ethnischen Juden Gottes Errettung verpasst haben, indem sie ihren Messias [= Christus] abgelehnt haben. Doch, so sagt er, es ist nicht so, dass Gottes Wort hinfällig wäre. Vielmehr sind, wie wir bereits gesehen haben, „nicht alle, die aus Israel sind, Israeliten, auch nicht, weil sie Abrahams Nachkommen sind, sind alle seine Kinder“ (9, 6-7). Ethnisch gesehen ein Jude zu sein, reicht nicht. Man muss ein Kind der Verheißung sein – und das kann, wie wir gesehen haben, bedeuten, dass Heiden dazugehören und Juden nicht.

Die Problematik, mit der Paulus also zu kämpfen hat, liegt darin, wie Gottes auserwähltes Volk, die Juden, die Verheißung der Errettung nicht erlangen konnten und die Heiden, die von den Juden als unrein und abscheulich angesehen wurden, stattdessen zur Errettung fanden. Paulus Antwort ist, dass Gott souverän ist: Er kann erretten, wen er möchte, und niemand kann Gott widersprechen. Er hat die Freiheit, sich zu erbarmen, über wen er will, auch über abscheuliche Heiden, und niemand kann sich darüber beklagen, dass Gott ungerecht sei.

Nun – und das ist der alles entscheidende Punkt – wen hat Gott denn zur Errettung auserwählt? Die Antwort lautet: Diejenigen, die an Christus Jesus glauben. Und so schreibt Paulus im Galaterbrief (der eine Art abgekürzter Römerbrief ist): „Erkennt daraus: Die aus Glauben sind, sind Abrahams Söhne“ (Gal. 3,7). Ob Jude oder Heide – es spielt keine Rolle: Gott hat souverän entschieden, all diejenigen zu retten, die auf Christus Jesus zur Errettung vertrauen.

Deswegen kann Paulus auch in Römer 10 sagen: „Denn es ist kein Unterschied zwischen Jude und Grieche, denn er ist Herr über alle, und er ist reich für alle, die ihn anrufen; denn jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird gerettet werden“ (10, 12-13). Die reformierte Theologie kann sich überhaupt keinen Reim aus diesem wunderbaren, universellen Ruf zur Errettung machen. Wer da will, der komme.

Paulus trägt in Römer 9 also die Last, den Rahmen der göttlichen Errettung zu erweitern, nicht ihn zu reduzieren. Er möchte alle aufnehmen, die an Christus Jesus glauben, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft. Die Erwählung ist also in allererster Linie ein Gemeinschaftsgedanke: Gott hat sich ein Volk ausgesucht, eine Gemeinschaftsentität, und es liegt an uns und unserer Antwort, ob wir Mitglieder dieser zur Errettung bestimmten Gruppe sein wollen oder nicht.

Molinismus und Römer 9 – Diejenigen, die Christus ablehnen, tun dies freiwillig.

Natürlich ist das aufgrund Gottes totaler Vorsehung über das Geschick der Menschen nicht das Ende der Geschichte. Doch mit dem Molinismus ergibt der Rest Sinn. Johannes 6,65 heißt, dass man ohne Gottes Gnade nicht zu Gott kommen kann. Doch es wird hier nicht gesagt, dass diejenigen, die sich geweigert haben, an Christus zu glauben, das nicht aus freiem Willen getan haben. Gott weiß genau, in welchen Umständen die Menschen freiwillig auf seine Gnade reagieren und setzt die Menschen in Umstände, in denen jeder genügend Gnade zur Errettung empfängt, wenn dieser Mensch nur davon Gebrauch macht. Aber Gott weiß, wer reagieren wird und wer nicht. Der Schuld dafür, dass manche Menschen Gottes Gnade und jeder Bemühung, sie zu retten, freiwillig widerstehen, liegt also auch hier nicht bei Gott. Vielmehr erlangen sie wie Israel die Errettung nicht, weil sie sich weigern zu glauben.

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /molinism-and-divine-election

Anmerkungen

[1] Crossway Books, 3. Auflage, 2009.

[2] McGrew, Timothy und Lydia McGrew: The argument from miracles: a cumulative case for the resurrection

of Jesus of Nazareth, in: Craig, William Lane und J.P. Morleand (Hg.), The Blackwell Companion to Natural Theology, Oxford 2009: Wiley-Blackwell, S. 593 - 662

- William Lane Craig