#52 Prioritäten und Produktivität
September 28, 2015Sehr geehrter Prof. Craig,
Ihre Produktivität erweckt die Vorstellung, dass Sie die Energie von fünf Leuten haben. Gibt es irgendwelche praktischen Tipps, die Sie einem jungen christlichen Philosophen geben können, der versucht, so produktiv zu sein wie Sie? Wie schaffen Sie es, so intensiv zu forschen und zu schreiben und sich gleichzeitig um Ihre Frau zu kümmern? Wo finden Sie die Zeit dazu?
Anonym
Dr. craig’s response
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Mit der 52. Frage der Woche feiert unsere Reasonable Faith Website den ersten Jahrestag ihres Bestehens. Welch wundervolle Erfahrung ist das Ganze bisher gewesen! Die enorme Themenvielfalt unserer Website und die Frische der allwöchentlich darin veröffentlichten Gedanken haben geholfen, einen Traum von mir wahr werden zu lassen. Die Monat für Monat kontinuierlich steigende Zahl individueller Besucher aus aller Welt hat uns dabei genauso ermutigt wie die vielen E-Mails und Briefe, in denen geschildert wird, wie ein Podcast oder ein Artikel, eine Debatte oder ein Buch für jemanden hilfreich gewesen sind.
Da wir über unser erstes Jahr nachdenken, hielt ich es für angebracht, einen Schritt zurück zu machen und diese Woche einer persönlicheren Frage nachzugehen, von der ich mich einerseits geschmeichelt fühle, andererseits aber auch denke, dass sie einige wichtige Themen betrifft.
Die Frage erinnert uns daran, dass wir als christliche Denker ein Leben führen müssen, bei dem unsere berufliche Tätigkeit bzw. unser Dienst in einem gesunden Gleichgewicht mit unseren privaten Verpflichtungen steht (ganz zu schweigen von unserem geistlichen Leben!).
Wenn wir uns Hals über Kopf in unsere Arbeit stürzen und unsere Familien vernachlässigen, mag das unsere Produktivität ungemein ankurbeln, es führt aber auch zu Scheidungen (oder unglücklichen Ehen), sodass wir Schande über den Namen Christi bringen und denen schaden, die Gott unserer Liebe und Obhut anvertraut hat. Deshalb geht es bei der Frage um beides, die Prioritäten und die Produktivität. Und natürlich ließe sich hier viel sagen. Doch lassen Sie mich Ihnen ein paar praktische Ratschläge geben, die für mich selbst von großem Nutzen gewesen sind.
1. Prioritäten setzen. Bei all dem, was anliegt, müssen wir uns zunächst Klarheit über unsere Prioritäten verschaffen. Denn diese entscheiden darüber, wie wir unsere Zeit und Energie einplanen. Höchste Priorität hat unser persönlicher Wandel mit Gott. Dieser erfordert sowohl Zeit, die wir mit Ihm allein verbringen, als auch Zeit für gemeinsame Andachten und Gottesdienste in einer örtlichen Gemeinde bzw. Kirche. Meine Frau Jan und ich befolgen das Sabbat-Prinzip, einen Tag in der Woche für Gebet und Ruhe freizuhalten, weshalb ich sonntags grundsätzlich nicht arbeite. Meine zweite Priorität sind Jan und unsere Kinder.
Als Jan und ich gemeinsam das Masterstudium an einem theologischen Seminar begannen, sagte ich ihr, dass, falls die Belastung irgendwann überhandnähme oder sie sich vernachlässigt fühlte, schon ein Wort von ihr genügen und ich das Studium abbrechen würde. Sie wusste, dass ich es ernst meinte, und das gab ihr Kraft, um den Stress meines Magisterstudiums auszuhalten. Ich gelobte ihr auch, nie abends und an Wochenenden zu studieren – diese Zeit sei für sie bestimmt. Dieses Versprechen (das ich weiterhin einhalte) zwang mich zu frühem Aufstehen und einem sehr disziplinierten Tagesprogramm, wie Sie sich vorstellen können! Gott hat mein Pflichtbewusstsein honoriert. Ich habe eine Frau, die für mich bis ans Ende der Welt gehen würde (und gegangen ist!). Ein glücklich verheirateter Gelehrter ist natürlich produktiver als ein unglücklicher und deprimierter. Wie in der Bibel steht: „Wer seine Frau liebt, der liebt sich selbst“ (Eph 5, 28). Nie wurde ein wahreres Wort gesprochen!
2. Zielstrebigkeit. Sobald Sie sich über Ihre Prioritäten im Klaren sind, ist es sehr wichtig, die Charaktereigenschaft der Zielstrebigkeit zu entwickeln. Damit meine ich die Fähigkeit, den Unterschied zwischen dem Guten und dem Besten zu erkennen und das Gute nicht zum Feind des Besten werden zu lassen. Das Leben steckt voller Ablenkungen, von denen viele an sich gute Dinge sind. Ist es aber unser Wunsch, so produktiv wie möglich zu sein, müssen wir lernen, das Gute um des angestrebten Ziels willen zu meiden. Im theologischen Seminar z.B. ging ich nicht jeden Tag in den Gottesdienst oder hing mit anderen Jungs herum, weil ich wusste, dass ich meine Arbeit ganz erledigen musste, bevor ich abends nach Hause ging. Ich wusste, wo meine Prioritäten lagen, und war deshalb, wenn nötig, auch zu Opfern bereit. Bei meinen Studien stoße ich oft auf wirklich interessante philosophische Artikel, die aber nichts mit meinem gerade aktuellen Forschungsprojekt zu tun haben. Statt mich von ihnen ablenken zu lassen, notiere ich mir nur rasch die bibliographischen Angaben, um dann in Zukunft auf sie zurückkommen zu können.
3. Zeitmanagement. Schon vor längerem bin ich zur Einsicht gelangt, dass Zeit wertvoller ist als Geld, denn im Unterschied zu Geld, das man immer zurückbekommen kann, ist die Zeit, die man verschwendet, für immer verloren. Deshalb müssen wir unsere Zeit so gut wie möglich investieren. Das bedeutet, dass wir die Fähigkeit brauchen, unsere Zeit zu managen. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, ein ziemlich diszipliniertes Leben zu führen. Ich stehe jeden Tag um 05:30 Uhr auf und verbringe eine Stunde in der persönlichen Andacht bzw. Zeit mit Gott. Dann gehe ich nach unten und trainiere etwa eine Stunde lang. Nach dem Duschen frühstücke ich mit Jan und rede mit ihr über unseren Tag. Daraufhin widme ich mich meiner Forschungsarbeit, bis etwa 13 Uhr, wenn Jan das Mittagessen für mich vorbereitet hat. (Ja, sie ist eine großartige Köchin und Hausfrau!) Danach folgen bis 17 Uhr leichtere Studien und Lektüren. Von 17 bis 18 Uhr, wenn mein Kopf zu müde zum Denken ist, kümmere ich mich schließlich um meine E-Mails. Dann genießen Jan und ich zusammen das Abendessen und den restlichen Abend. Sie hat mir geholfen, diese, wie ich finde, sehr gut praktizierbare Routine zu entwickeln. Wenn ich auf Reisen bin, gerät natürlich alles durcheinander! Aber selbst unterwegs versuche ich, Sport zu treiben, und nehme auch immer leichtere Lektüren auf die Reise mit.
4. Arbeite für den Herrn. Als ich in das theologische Seminar eintrat, ermahnte unser College-Direktor, Kenneth Kantzer, uns eindringlich: „Betrachten Sie Ihr Studium als Dienst an Christus.“ Welch völlig neue Perspektive das Studium dadurch erhält! Denn keiner möchte dem Herrn einen halbherzigen oder mangelhaften Dienst erweisen. Im Gegenteil bemüht man sich, Ihm möglichst nur sein Bestes zu geben. Während des Theologiestudiums kaufte mir Jan ein Spruchtäfelchen aus Karton, das ich an meiner Schreibtischlampe befestigte, um es jedes Mal zu sehen, wenn ich mich dort zum Studieren hinsetzte. Auf dem Täfelchen waren die Worte von Kol 3, 23 abgedruckt: „Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen.“ Diese Worte haben mich in all meinem Tun inspiriert. Und sie werden auch Ihnen den nötigen Antrieb und Eifer vermitteln, um Ihre Arbeit auch dann gut zu verrichten, wenn sie schwierig wird.
5. Die Schildkrötenmethode. Erinnern Sie sich an die Geschichte der Schildkröte und des Hasen? Der Hase war ein Kurzstreckenläufer, der das Rennen mit einem Knall begann, während die Schildkröte eine zähe Arbeiterin war, die langsam aber stetig lief. Nach einer Weile wurde der Hase müde und legte sich zum Ausruhen hin. Als er wieder aufwachte, überquerte die stetig voranstapfende Schildkröte gerade vor ihm die Ziellinie. Ich bin immer wieder erstaunt, wie durch langsames, stetiges, schrittweises Arbeiten etwas allmählich aufgebaut wird, bis man nach einiger Zeit zurückblickt und sich wundert, was da alles zuwege gebracht wurde. Mein Vater war ein Beispiel für diese Tugend. Als ich ein kleiner Junge war, bestellte er ganze Fuhren von Erde und Steinen, die er in unserem Garten abladen ließ. Am Feierabend oder an den Wochenenden nahm er dann eine Schaufel und einen Schubkarren und begann, den Berg im Alleingang abzutragen. Es schien ein hoffnungsloses Unterfangen zu sein. Doch nach einigen Monaten war die gesamte Erde weg und eine Steinmauer errichtet. Ich war einfach erstaunt, wie durch stetiges Schuften die Sachen zustande kommen. Jan und ich nennen diese Arbeitsweise „Schildkrötenmethode“. Vor ein paar Jahren schenkte sie mir eine Messingschildkröte, die seitdem meinen Nachttisch ziert, um mich stets an diese Wahrheit zu erinnern.
6. Arbeitsgewohnheiten. Sie sollten verschiedene Arbeitsgewohnheiten entwickeln, um produktiver zu sein. Wählen Sie für Ihre Studien einen ruhigen Ort ohne visuelle Ablenkungen und setzen Sie sich auf einen Stuhl mit gerader Rückenlehne und an einen gut beleuchteten Tisch oder Schreibtisch. Disziplinieren Sie sich zu immer längeren Leseintervallen, damit Sie nicht ständig aufstehen, um sich einen Kaffee zu holen oder mit jemandem zu plaudern. Seien Sie kein Perfektionist, wenn es ans Schreiben geht. Bringen Sie erst einmal alles zu Papier; überarbeiten können Sie es später immer noch. Perfektionismus wirkt lähmend. Hier zwei wichtige Tipps: (I) Machen Sie sich beim Lesen Notizen. Wenn Sie sich beim Lesen keine Notizen machen, werden Sie fast alles, was Sie gelesen haben, wieder vergessen, sobald Sie das Buch ins Regal zurückgestellt haben. Sich Notizen machen hilft nicht nur, das Gelesene zu speichern, sondern auch, die Übersicht darüber zu behalten, was Sie gelesen haben. Ich habe in meinem Büro Notizbücher für Philosophie, Religionsphilosophie, Wissenschaftstheorie, Systematische Theologie, neutestamentliche Exegese usw., in die ich meine Notizen über alles, was ich lese, eintrage. (Ich nehme an, Sie können das auch direkt am Computer erledigen. Ich habe jedoch mit dieser Methode angefangen, bevor es PCs gab, und auf Papier Geschriebenes bietet große Vorteile in Bezug auf Zugänglichkeit und Vergleichbarkeit.) (II) Machen Sie einen Speed-Reading-Kurs. Sich Notizen zu machen, verlangsamt das Lesen. Dies lässt sich jedoch teilweise durch Speed-Reading kompensieren. Ich dachte immer, dass Schnell-Lesen ein bloßes Überfliegen wäre, und das schien mir keinen Wert zu haben. Doch dann habe ich entdeckt, dass dem nicht so ist: Beim Speed-Reading liest man nach wie vor jedes Wort, nur eben schneller! Ich habe entdeckt, dass wir alle viele schlechte Gewohnheiten haben (wie das innerliche Aussprechen der Wörter), die unseren Lesefluss ins Stocken bringen, die aber durch Speed-Reading beseitigt werden können. Deshalb ermutige ich Sie zur Teilnahme an einem qualifizierten Speed-Reading-Kurs.
7. Verdoppeln Sie Ihren Ertrag. Wenn Sie mit dem Schreiben anfangen, sollten Sie aus ein und demselben Forschungsgegenstand so viel Ertrag wie möglich herausholen. Wenn Sie meine Arbeit verfolgt haben, wissen Sie, dass ich gewöhnlich erst eine von einem Universitätsverlag veröffentlichte, wissenschaftliche Abhandlung wie God, Time and Eternity schreibe, und dann dasselbe Material für ein populärwissenschaftliches Buch wie Time and Eternity für Laien überarbeite. Außerdem veröffentliche ich vor Erscheinen des Buches ein paar Kapitel davon in Form von Artikeln in Fachzeitschriften. So entsteht eine Vielfalt von Publikationen aus einem einzigen Forschungsbereich.
Nun, wie Sie sehen, zögere ich nicht mit Ratschlägen. Ich hoffe, der eine oder andere wird Ihnen weiterhelfen. Ich weiß mindestens, dass es bei mir selbst funktioniert hat!
Ich danke allen, die mitgeholfen haben, unser erstes Reasonable-Faith-Jahr zu einem großen Erfolg werden zu lassen.
William Lane Craig
(Übers.: M. Köhler)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/priorities-and-productivity
- William Lane Craig