#2 Die angebliche Entdeckung des Familiengrabs Jesu
September 28, 2015Mein Glaube ist durch die angebliche Entdeckung des Familiengrabs Jesu wirklich ins Wanken geraten. Ich rede mir selbst ein, dass es nicht das Familiengrab Jesu ist, doch bin ich seither von nagenden Zweifeln geplagt. Bitte helfen Sie mir!
Dr. craig’s response
A [
Ich muss zugeben, dass ich von Ihrer Frage ein wenig überrascht war. Nach meinem Eindruck haben die meisten Leute die sensationellen Behauptungen in Bezug auf die Entdeckung des Familiengrabs Jesu durchschaut und die Sache abgekakt. Das Talpiot-Grab ist, so ein Kollege, „sowas von kalter Kaffee“.
Gleich zu Anfang möchte ich sagen, dass Sie sich zuerst mit der Realität auseinandersetzen müssen. Wie wahrscheinlich ist es denn Ihrer Meinung nach wirklich, dass das Talpiot-Grab das Familiengrab Jesu ist? Die in James Camerons Dokumentarfilm aufgestellte Behauptung, dass die Chancen dafür bei 600:1 stehen, beruht auf der Annahme, dass Jesu Grab eines der bisher 1.000 gefundenen Gräber in Jerusalem ist. Aber natürlich ist schon diese Annahme umstritten und bereits auf den ersten Blick äußerst unwahrscheinlich.
Stellen wir uns also einmal vor, Sie wären gezwungen, die Hypothek für Ihr Zuhause darauf zu verwetten, dass das Talpiot-Grab Jesu Familiengrab ist, beziehungsweise nicht ist. Wenn Sie richtig liegen, behalten Sie Ihr Zuhause. Wenn Sie falsch liegen, verlieren Sie es und werden auf die Straße gesetzt. Worauf würden Sie wetten? Würde überhaupt irgendjemand, einschließlich James Cameron, darauf wetten, dass es das Grab Jesu ist? Würden Sie sich wirklich der Einschätzung der überwältigenden Mehrheit unter den Wissenschaftlern entgegenstellen, zu welcher auch nichtchristliche israelische Archäologen zählen, die diese Behauptungen als Unsinn bezeichnen, und darauf wetten, dass sie falsch liegen? Würden Sie Ihren Instinkt, für Ihr Geld kein Risiko einzugehen, ignorieren und Ihren Verdacht unterdrücken, dass Cameron und seine Kollegen wohl bemerkt haben, wie viel Ruhm und Reichtum Dan Brown mit seinem Roman Sakrileg erntete? Glauben Sie wirklich, dass es sich um Jesu Grab handelt? Würde Sie Ihr Zuhause darauf verwetten?
Wenn nicht, wo liegt dann das Problem? Aller Wahrscheinlichkeit nach sind diese sensationellen Behauptungen falsch. Daher wären Sie schlecht beraten, sich auf sie einzulassen.
Und wenn Sie diese Behauptungen einmal unter die Lupe nehmen, stellen Sie fest, dass sie einer solch genauen Untersuchung wirklich nicht standhalten. Denn zunächst einmal werden sie nur sehr dürftig durch Indizien gestützt. Welche Indizien sprechen dafür, dass das Talpiot-Grab Jesu Familiengrab ist? Das einzige Indiz ist die Unwahrscheinlichkeit, dass die Namen auf den Ossuarien mit niemand anderem als Jesus von Nazareth in Verbindung zu bringen sind. Doch ist das wirklich so unwahrscheinlich?
Zunächst einmal ist überhaupt nicht gesagt, dass der Name auf den Ossuarien „Jesus“ lautet. Das hier ist eine Reproduktion der Inschrift:

Man kann die Wörter „Sohn Josephs“ entziffern, doch der erste Name rechts gleicht einer Bleistiftkritzelei eines Kindes auf einer Wand. Es kann gut sein, dass das gar nicht „Jesus“ heißt.
Zweitens war „Jesus, Sohn Josephs“ ein sehr gängiger Name in Judäa; man hat festgestellt, dass damals jeder 79. Mann oder Junge den Namen „Jesus, Sohn Josephs“, trug! Genauso war „Maria“ damals der gängigste jüdische Frauenname; jede vierte Frau hieß Maria.
Drittens hieß Maria Magdalena nicht „Mariamne“ oder „Mariamenon“ (der Name auf den Ossuarien) – ihr Name war Maria. Erst 400 Jahre nach Christus, in der erfundenen apokryphen Apostelgeschichte von Philippus, wird sie möglicherweise „Mariamne“ genannt (wenn nicht Maria von Bethanien gemeint ist). Cameron stellt zudem die unplausible Behauptung auf, dass der Name „Mara“, der hinter dem Namen auf dem Ossuarium steht, eine griechische Transliteration eines aramäischen Wortes für „Meister“ ist. Dabei ist es ein gängiger Spitzname für „Martha“. Da „Mariamenon“ im Genitiv steht, kann die Inschrift so viel wie „Martha von Mariamenon“ (also Mariamenons Tochter Martha) oder „Mariamenon, auch Martha genannt“ heißen. Es besteht kein Grund, auf aramäische Transliteration zurückzugreifen.
Viertens beweist die DNS-Untersuchung allenfalls, dass Jesus (wenn er denn so hieß) und Mariamenon nicht dieselbe Mutter hatten. Sie könnten aber Cousinen oder Halbgeschwister o. Ä. sein. Da es sich hierbei um ein Mehrgenerationengrab handelt, besteht kein Grund zur Meinung, dass sie auch nur aus der gleichen Generation waren. Außerdem wissen wir gar nicht, wessen DNS tatsächlich untersucht wurde, da sich in den zehn Ossuarien Gebeine von mehr als 17 Menschen befanden.
Und fünftens haben die anderen Namen „Matia“ und „Joseh“ einfach überhaupt keine Verbindung mit Jesus von Nazareth. Es gibt keinen Grund, dies als Varianten der Namen von Jesu Jünger Matthäus (der auch auf keinen Fall mit Jesus verwandt war) und seinem Bruder Joses aufzufassen. Wenn überhaupt, belegen diese Namen, dass dieser Jesus nicht mit Jesus von Nazareth gleichzusetzen ist. Camerons Behauptung, das berühmte Ossuarium des Jakobus sei aus dem Talpiot-Grab gestohlen worden, ist falsch, da man von diesem Ossuarium schon in den Mittsiebziger Jahren wusste, bevor das Grab überhaupt geöffnet wurde.
Das war’s eigentlich schon. Viel Anlass zur Annahme, dass dieses Grab das Familiengrab von Jesus von Nazareth ist, gibt es einfach nicht.
Auf der anderen Seite sind die Belege recht überzeugend, dass das Talpiot-Grab nicht das Grab von Jesus von Nazareth war. In einem solchen Fall gibt es zwei Arten von historischen Belegen, die sich ergänzen: literarische und archäologische.
Wir haben bemerkenswert viele literarische Belege für das Leben Jesu – in Form der Evangelien, der paulinischen Briefe und anderer altertümlicher Quellen. Wir haben außerdem einige archäologische Belege, die das Leben Jesu betreffen. Dazu zählen beispielsweise die Überreste des Teiches von Bethesda in Jerusalem, das Fundament vom Haus des Petrus in Kapernaum, das Ossuarium von Kaiaphas dem Hohepriester, eine Inschrift mit Pilatus‘ Namen und Amtsbezeichnung und vieles mehr. Natürlich sind die Zeugnisse aus den literarischen Quellen aber unvergleichlich viel reichhaltiger als die archäologischen Belege. Beispielsweise wüssten wir ohne die literarischen Belege fast nichts über Pontius Pilatus, den römischen Statthalter, der Jesus zum Tode verurteilte.
Die sensationellen Behauptungen von Cameron und anderen in Bezug auf das Talpiot-Grab zeigen uns, dass archäologische Belege, wie literarische Belege, interpretiert werden müssen. Man kann ihnen ihre Bedeutung nicht sofort ansehen. Archäologische Belege müssen insbesondere im Licht der literarischen Belege bewertet werden. Wenn also die DNS-Untersuchung beispielsweise ergeben würde, dass die Person, deren Überreste in dem Ossuarium mit der Inschrift „Juda, Sohn Jesu“ enthalten waren, das Kind von Jesus und Mariamne war, dann wäre dies der entscheidende Beleg dafür, dass das Talpiot-Grab nicht das Grab von Jesus von Nazareth ist, da wir überwältigende Belege dafür haben, dass Jesus von Nazareth nicht verheiratet war, sondern die Ehelosigkeit wählte. Wir haben mehrere alte, voneinander unabhängige Quellen, die Jesus einstimmig als zölibatär darstellen. Wenn Jesus eine Witwe in der Urgemeinde hinterlassen hätte, wäre es unvorstellbar, dass sie sonst nirgends in den Quellen erwähnt wird. Besonders bedeutsam ist in dieser Hinsicht, dass Paulus auf Beispiele wie Petrus, die Apostel und Jesu jüngere Brüder verweist (1Kor 9,5), als er sein Recht verteidigt, auf seinen Reisen eine Ehefrau mitzunehmen. Hier fällt auf, dass er sich nicht auf Jesus selbst beruft, was eine Art Totschlag-Argument zugunsten von Paulus gewesen wäre. Daher sind so gut wie alle Gelehrten darüber einig, dass Jesus die Ehelosigkeit gegenüber der Ehe bevorzugte.
Wenn das so ist, dann kann der Jesus, dessen Gebeine ins Talpiot-Grab gelegt wurden, – wenn er nun einen Sohn namens Juda hatte – nicht Jesus von Nazareth gewesen sein.
Das Talpiot-Grab als Jesu Familiengrab zu bezeichnen, würde auch mit anderen Tatsachen kollidieren, die durch literarische Belege absolut gesichert sind. So wissen wir beispielsweise aus den literarischen Belegen, dass Jesus aus Galiläa kam und somit ein Familiengrab in Jerusalem, in das er nach seiner Kreuzigung hätte begraben werden können, ausgeschlossen wäre. Zudem erachten es die meisten Exegeten als historisch gesichert, dass Jesus noch am Tag seiner Kreuzigung von Joseph von Arimatäa, einem Mitglied des jüdischen Sanhedrin, ins Grab gelegt wurde. Die meisten Exegeten gehen auch davon aus, dass das Grab von einer Gruppe von Jesu weiblicher Jünger am Sonntagmorgen nach seiner Kreuzigung leer vorgefunden wurde (die zahlreichen Beweisstränge, die diese Tatsachen stützen, finden Sie in The Son Rises oder Assessing the New Testament Evidence for the Historicity of the Resurrection of Jesus
Wie sollen wir also diese literarischen Belege neu interpretieren, wenn wir davon ausgehen, dass das Talpiot-Grab Jesu Familiengrab ist? Sollen wir daraus schließen, dass die Zeugnisse dieser zahlreichen unabhängigen Quellen schlichtweg falsch sind? Wenn ja, wie kann das sein? Wenn Jesus ein Familiengrab in Jerusalem hatte, wie erklärt man sich dann die einstimmigen Zeugnisse, die besagen, dass er aus Galiläa stammte? Wenn Jesu Leichnam in ein Familiengrab in Jerusalem gelegt wurde und seine Witwe und sein Sohn noch weiter gelebt haben, wie erklären wir uns dann die einstimmigen Zeugnisse von seinem Begräbnis durch Joseph von Arimathäa und das Vorfinden seines leeren Grabes? Ja, woher kam dann überhaupt der Glaube an seine Auferstehung? Warum würde dann eine auf dem Glauben an seine Auferstehung gegründete christliche Bewegung in Jerusalem entstehen und aufblühen, wo sich doch eigentlich sein Grab mit seinem Leichnam befand? Wo dieses genau war, muss bekannt gewesen sein, da ja seine Witwe und sein Sohn später bei ihm begraben werden sollten. Wir dürfen nicht vergessen: Die Berichte von Jesu Begräbnis durch Joseph und das Vorfinden des leeren Grabes werden schon in Markus‘ Quellenmaterial für die Passionsgeschichte bestätigt und sind daher sehr alt, ganz zu schweigen von Paulus‘ Anspielung darauf in 1. Korinther 15,13-15. Es ergibt einfach keinen Sinn, zu behaupten, dass diese Geschichten aufkamen und von den ersten Christen geglaubt wurden, während man doch wusste, dass sich Jesu Grab in Jerusalem befand.
Somit scheint der Talpiot-Grab-Begeisterte behaupten zu müssen, dass Jesu Grab ein Geheimnis war, von dem nur wenige Auserwählte wussten, die absichtlich alle anderen zu der falschen Meinung verleiteten, dass Jesus von den Toten auferstanden war. Vielleicht haben sie den Leichnam aus dem Grab gestohlen, nachdem Joseph gegangen war, sodass die Frauen es leer vorfanden. Der Leichnam wurde dann an einen geheimen Ort gelegt, von dem nur handerlesene Leute wussten. Vielleicht wurde sogar Maria, Jesu Frau, im Dunkeln darüber gelassen, wo man Jesus begraben hatte. Als sie dann später starb, wurde sie auch dort begraben, sodass das Grab zum Familiengrab Jesu wurde. Somit können sowohl die literarischen Belege auch die sensationellen Behauptungen über das Talpiot-Grab weiterhin als wahr gelten!
Das Problem liegt aber jetzt natürlich darin, dass wir in die fantastischen Verschwörungstheorien des Deismus aus dem 17. Jahrhundert zurückgefallen sind. Lassen wir hier mal außer Acht, dass das Talpiot-Grab offensichtlich eine gut gekennzeichnete, öffentliche Grabstätte war. Der springende Punkt ist, dass wir uns auf historische Verschwörungstheorien berufen müssen, wenn wir die literarischen Belege in Einklang mit der Familiengrab-Hypothese bringen wollen. Und darauf wird kein Historiker allzu scharf sein. Verschwörungstheorien von Jesu Auferstehung sind ad hoc, unplausibel und anachronistisch, indem sie die Situation der Jünger durch den Rückspiegel der Geschichte des Christentums betrachten statt vom Standpunkt eines jüdischen, im ersten Jahrhundert lebenden Jüngers Jesu aus, dessen auserwählter Messias soeben hingerichtet wurde.
Um das nochmal zu sagen: man sieht archäologischen Belegen ihre Bedeutung nicht sofort an. Vielmehr müssen sie interpretiert werden, vor allem im Licht der literarischen Belege. In diesem Fall werden die Verrenkungen in den literarischen Belegen so fantastisch, dass es plausibel erscheint, dass die archäologischen Befunde einer schweren Fehlinterpretation seitens Cameron und Kollegen zum Opfer gefallen sind.
Da nur wenig für sie spricht und überzeugende literarische Belege gegen sie sprechen, stellt die Hypothese, dass das Talpiot-Grab Jesu Familiengrab war, vom geschichtlichen Standpunkt aus gesehen keinen Gewinn dar. Allerdings waren ihre Fürsprecher wahrscheinlich auch nie an geschichtlichem Gewinn interessiert.
William Lane Craig
(Übers: J. Booker)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/supposed-discovery-of-jesus-family-tomb
- William Lane Craig
