#204 Zwei Fragen zum Ontologischen Argument
September 28, 2015Frage #1
Hallo Herr Prof. Craig! Mein Name ist Jakob und ich bin ein großer Fan von Ihnen aus Schweden. Ich bin ein 22-jähriger Student der Philosophie und wurde durch Ihre Arbeit sehr ermutigt. In diesem Herbst habe ich sogar einen apologetischen Blog für schwedische Teenager begonnen, um viele der Argumente, die Sie darlegen, weiterzuverbreiten (etwas Vergleichbares gibt es hier kaum).
Meine Frage bezieht sich auf das ontologische Argument[1], das in den ersten Vorlesungen meines Philosophiestudiums zur Sprache kam. Der Dozent erwähnte es nur beiläufig, aber ein Student fragte dann, ob es ein stichhaltiges Argument sei oder nicht. Er antwortete:
„Hm, also… Nein, natürlich nicht. Man kann die Existenz irgendeiner Sache nicht einfach auf der Basis reiner Definitionen begründen.“
Damit zog er das Argument keineswegs ins Lächerliche, sondern sprach offenbar nur aus, was er darüber dachte bzw. meinte zu wissen. Als ich fragte, ob ihm jemand bekannt sei, der dieses Argument heute ernsthaft verwendet, bezweifelte er es sehr. Ich war überrascht, denn dieser Dozent ist sehr belesen. Da viele christliche Apologeten dieses Argument ernsthaft verwenden, vermute ich, dass er der Religionsphilosophie keine besondere Beachtung schenkt (in dieser Hinsicht nimmt man die Sache hier leider nicht sehr ernst).
Wie würde eine stichhaltige Antwort auf seine Aussage lauten? Unterscheidet Alvin Platingas Darlegung des Arguments sich von der ursprünglichen Version (vielleicht hat der Dozent die neue Version noch nicht gehört?)
Jakob
Schweden
Frage #2:
Sehr geehrter Prof. Craig,
Ich bin Student an der University of Edinburgh in Schottland, wo ich oft Spott und Hohn ernte, weil ich Christ bin. Sie wissen, dass hier weithin die Auffassung vertreten wird, dass „kein vernünftig denkender Mensch je religiös sein könnte“. Daher reagieren die Leute natürlich immer verwundert, wenn ich Ihre Argumente und Werke der christlichen Apologetik ins Gespräch bringe, um tatsächlich vernünftige Gründe für meinen Glauben zu nennen! Ihre Webseite war mir in dieser Hinsicht eine enorme Hilfe.
Meine Frage an Sie ist nicht unbedingt von der Art, wie sie mir in meinen Diskussionen mit Atheisten und Nicht-Christen an der Universität hier im Vereinigten Königreich begegnet, sondern eher ein persönlicher Vorbehalt, den ich gegen das modale ontologische Argument für die Existenz Gottes habe.
Konkret betrifft mein Einwand Alvin Plantingas Definition der „maximalen Größe“ in seiner Version des Arguments:
P1: „Etwas hat dann und nur dann maximale Größe, wenn es in jeder möglichen Welt maximale Vortrefflichkeit hat.“
Wäre es richtig zu sagen, dass Plantinga hier notwendige Existenz als eine Eigenschaft betrachtet? Inwiefern ist es rational, von einem Wesen zu sprechen, das „die Eigenschaft hat, in jeder möglichen Welt zu existieren“? Ich halte es nicht einmal für rational, von Dingen zu sprechen, die in dieser Welt die „Eigenschaft haben, zu existieren“!
Schließlich geht, wie man sagt, die Existenz der Essenz voraus, nicht wahr? Die Existenz ist demnach nicht eine Eigenschaft, die die Dinge, die diese Eigenschaft haben, real machen, sondern sie ist das Ding, das die fraglichen Eigenschaften hat. Es ergäbe keinen Sinn, andere aufzufordern, sich einen Apfel vorzustellen, und ihnen zu sagen, dass er die Eigenschaften hat, rot, rund, essbar usw. zu sein, nur um dann hinzuzufügen: „Ach, übrigens, er hat auch die Eigenschaft der Existenz.“ Das wäre einfach absurd. Welche andere Art von Apfel hätten sie sich vorstellen können? Wie sieht ein „nicht existenter Apfel“ aus? Ein nicht existenter Apfel sieht natürlich gar nichts anderem ähnlich, richtig?
Tatsächlich könnten wir uns, wenn wir noch weitere Absurditäten beschreiben wollten, die sich aus dieser Idee der Existenz als Eigenschaft ableiten lassen, sogar fragen: „Wie viele nicht-existente Einhörner befinden sich vor meinem Computerbildschirm?“ Gibt es dort ein nicht-existentes Einhorn?
Die ganze Idee der Existenz oder notwendigen Existenz als einer Eigenschaft halte ich in vieler Hinsicht für absurd, und deshalb ist das Konzept eines maximal großen Wesens meiner Auffassung nach inkohärent. Und damit widerspreche ich der ersten oder zweiten Prämisse (ich denke, das hängt von der Version ab) des modalen ontologischen Arguments, die besagt, es sei „möglich, dass ein maximal großes Wesen existiert“.
Danke, dass Sie auf meine Frage eingehen, denn die ontologischen Argumente gehören, denke ich, zu den interessantesten theistischen Argumenten, die es heute gibt. Ich freue mich auf Ihre Antwort!
Mit den besten Wünschen
Payton
Vereinigtes Königreich
Dr. craig’s response
A [
Ich freue mich, von Ihnen beiden zu hören! Jakob, ich habe vor, nächstes Jahr zu einer akademischen Vortragsreihe nach Schweden zu kommen; vielleicht treffe ich Sie bei dieser Gelegenheit. Payton, in diesem Herbst werde ich im Vereinigten Königreich sein, allerdings nicht im hohen Norden, wo Sie leben. Sie beide befinden sich in einem hoch-säkularisierten Umfeld, wo man es als Christ nicht leicht hat. Ich erinnere mich, dass bei meinem letzten Aufenthalt in Schweden einer meiner Diskussionsgegner, ein prominenter schwedischer Philosoph, mich davon in Kenntnis setzte, dass an keiner Universität in Schweden irgendein christlicher Philosoph lehrt! Da kann man sich ziemlich isoliert fühlen.
Lassen Sie mich nun der Reihe nach auf Ihre Fragen eingehen. Ich denke, Jakob, Sie haben wahrscheinlich recht mit Ihrer Vermutung, dass Ihr Professor mit der neueren Literatur über das ontologische Argument nicht vertraut ist. Denn es ist offenkundig, dass es Philosophen gibt, die das Argument heute vertreten. Um auf seinen Einwand zu antworten, dass man die Existenz einer Sache nicht einfach aus reinen Definitionen ableiten kann, brauchen Sie nur Plantingas Version des ontologischen Arguments zu nennen:
1. Es ist möglich, dass ein maximal großes Wesen (Gott) existiert.
2. Wenn es möglich ist, dass ein maximal großes Wesen existiert, dann existiert ein maximal großes Wesen in irgendeiner möglichen Welt.
3. Wenn ein maximal großes Wesen in irgendeiner möglichen Welt existiert, dann existiert es in jeder möglichen Welt.
4. Wenn ein maximal großes Wesen in jeder möglichen Welt existiert, dann existiert es in der tatsächlichen Welt.
5. Folglich existiert ein maximal großes Wesen in der tatsächlichen Welt.
6. Folglich existiert ein maximal großes Wesen.
7. Folglich existiert Gott.
Beachten Sie dabei, dass Plantingas Argument nicht tut, was Ihr Professor ihm vorwirft: die Existenz einer Sache aus ihrer Definition ableiten. Es beruht vielmehr auf einer entscheidenden modalen Prämisse, die besagt, dass es möglich ist, dass ein maximal großes Wesen existiert. Man leitet die Existenz eines solchen Wesens nicht einfach aus seiner Definition ab. Man leitet seine Existenz aus der Möglichkeit ab, dass ein solches Wesen existiert.
Der Einwand Ihres Professors war vielleicht bei älteren Versionen des Arguments berechtigt, aber Plantingas Version macht sich die Einsicht von G. W. F. Leibniz zu eigen, nach welcher der Gottesbegriff ein mögliches Konzept ist, das heißt, ein kohärentes. Die Kritik an einer Version des Argumentes mag bei einer anderen Version des Argumentes möglicherweise nicht zutreffend sein.
Dasselbe gilt für Ihre Bedenken, Payton. Einige frühere Versionen sind vielleicht davon ausgegangen, dass Existenz eine Eigenschaft ist, und sehen sich damit Immanuel Kants Kritik ausgesetzt, dass Existenz keine Eigenschaft ist[2], wie Sie uns in Erinnerung rufen. (Meine eigene Überstimmung mit Ihnen in dieser Hinsicht ersehen Sie aus meinem Artikel „Is Presentness a Property?“ in: American Philosophical Quarterly 34, 1997, S. 27-40.[3]) Aber daraus folgt nicht, dass Existieren notwendigerweise keine Eigenschaft ist. Jedenfalls muss Plantingas Version des Argumentes noch nicht mal davon ausgehen, dass notwendige Existenz eine Eigenschaft ist. Sie nimmt nur an, dass ein Wesen größer ist, wenn es notwendigerweise und nicht nur möglicherweise existiert. Mir scheint, dies ist doch recht offensichtlich wahr. Die Idee eines Wesens, das in jeder möglichen Welt allwissend, allmächtig und moralisch vollkommen ist, scheint vollkommen kohärent zu sein.
Wenn Sie im Gegensatz dazu recht hätten zu sagen, es sei unmöglich, dass irgendetwas notwendigerweise existiert, dann hätten Sie einen ontologischen Gegenbeweis gegen Zahlen, Mengen, Propositionen, Eigenschaften und so weiter, was gewiss ein genauso erstaunliches Ergebnis ist wie es das ontologische Argument liefert.
William Lane Craig
(Übers.: M. Wilczek)
Link to the original article in English:
[1] Zum Ontologischen Argument für Gottes Existenz vgl. auch die "Fragen der Woche" Q&A 51 (auf dieser Webseite, bereits ins Deutsche übersetzt), sowie Q&A 91, 144, 159, 177, 249, 380 und 440, (bislang nur auf Englisch: 91: Dawkins’ Critique of the Ontological Argument, 144: Necessary Existence and the Ontological Argument, 159: Does the Ontological Argument Beg the Question? 177: Perfect Being Theology, 249: Misunderstanding the Ontological Argument, 380: Bizarro Ontological Arguments, 440: Reservations about the Ontological Argument).
Für eine Einführung in das Ontologische Argument vgl. auch die Vorlesungen 23, 24, 25 unter diesem Link: http://www.reasonablefaith.org/defenders-2-podcast/s4 (Gliederung und Abschrift unter demselben Link verfügbar).
In einem Übersichtsbeitrag verteidigt W.L. Craig das ontologische Argument in der von Alvin Plantinga entwickelten Form: Craig, William Lane: The Ontological Argument, in: Beckwith, Francis J., William Lane Craig, J.P. Moreland (Hrsg.): To Everyone an Answer. A Case for the Christian Worldview, Inter Varsity Press, 2004, S, 124-137
Eine Textsammlung zum Ontologischen Argument (mit Texten von Anselm, Gaunilo, Descartes, Gassendi, Caterus, Kant und Plantinga sowie mit einer allgemeinen Einführung und weiteren Literaturhinweisen) findet sich in Brian Davies: Philosophy of Religion, a guide and anthology, Oxford 2000: Oxford University Press, S. 304-355.
Eine deutschsprachige Darstellung der Geschichte des ontologischen Gottesbeweises stammt von Wolfgang Röd: Der Gott der reinen Vernunft. Ontologischer Gottesbeweis und rationalistische Philosophie. München 2009: C.H. Beck, 239S. Röd zeigt die zentrale Stellung des ontologischen Beweises auch für philosophische Systeme wie die von Descartes, Spinoza, Leibniz und Hegel.
Eine ausführliche (zumeist) deutschsprachige Diskussion über das Ontologische Argument – welche allerdings philosophische Vorkenntnisse voraussetzt — findet sich u.a. in Thomas Buchheim, Friedrich Hermanni, Axel Hutter und Christoph Schwöbel (Hrsg.), Gottesbeweise als Herausforderung für die moderne Vernunft, Tübingen 2012: Mohr Siebeck (630 S.), v.a. S. 1-314.
(Anm. d. Übers.)
[2] Kants Kritik am ontologischen Gottesbeweis findet sich in Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft,Hamburg 1998: Felix Meiner Verlag, Abschnitt "Die transzendentale Dialektik", Buch II, Hauptstück III, Abschnitt 4 "Von der Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises vom Dasein Gottes", S. A592 / B620 ff. (Seitenzählung nach der Akademie-Ausgabe.) – Alvin Plantingas modallogische Neufassung kommt in seinen Prämissen ohne die Annahme aus, dass Existenz eine Eigenschaft sei, und ist daher gegenüber diesem speziellen Kritikpunkt Kants immun. (Anm. d. Übers.)
[3] Der Artikel Is Presentness a Property? von William Lane Craig (American Philosophical Quarterly 34, 1997, S. 27-40) ist in den meisten Universitäten (bzw. wenn diese einen JSTOR-Zugang haben) kostenlos abrufbar unter diesem Link: www.jstor.org/stable/20009884
- William Lane Craig
