#101 Wes Morriston über Gottes Schöpfungshandeln
September 28, 2015Sehr geehrter Prof. Craig,
früher habe ich die Webseite von Reasonable Faith regelmäßig besucht, hatte aber in letzter Zeit nicht mehr oft die Gelegenheit dazu. … Ich selbst bin Philosophiestudent an der Universität Kansas und habe vor, bei Ihren beiden bevorstehenden Debatten im März dabeizusein. Ich hatte ein kurzes Gespräch mit einer Kontaktperson der örtlichen Reasonable Faith Gruppe über Ihre Debatte an der Northwestern Missouri State, und er informierte mich über Wes Morristons Kritik am kalam-kosmologischen Gottesbeweis. Auf seinen Vorwurf hin, Sie wären Morristons Kritik in Ihrer letzten Ergänzung zu Reasonable Faith ausgewichen, war ich gezwungen, mich näher mit seinem Argument zu befassen. Morriston scheint zwei Aussagen zu machen. Die erste ist, Gott könne nicht dem Universum kausal vorgeordnet existieren, wenn er jetzt innerhalb des Zeitrahmens des Universums existiert. Dieser Einwand bereitet mir kein größeres Kopfzerbrechen, da Sie ja ausführlich über diese Beziehung zwischen Zeit und Raum geschrieben haben. Seine zweite Aussage jedoch hat mich ins Nachdenken gebracht. Morriston sagt, wenn Gott tatsächlich „zeitlos ewig“ sei, dann könne es nie einen Zeitpunkt gegeben haben, an dem Gott nicht durch seinen Willen das Universum ins Dasein rief. Also fragt Morriston: Warum betrachtet Craig dann nicht die Welt als ewig, wenn Gott doch von Ewigkeit her die Erschaffung des Universums gewollt haben muss? Gibt es da eine zeitliche Lücke? Und wenn ja, wie ist das möglich?
Der vollständige Artikel ist zu finden unter http://debunkingchristianity.blogspot.com/2007/05/wes-morriston-critique-of-kalam.html.
Ich freue mich darauf, Ihre Antwort zu hören.
Wes H.
Dr. craig’s response
A [
Wenn diese Antwort erscheint, wird unser Dialog am Westminster College bereits in der Vergangenheit liegen. Ich weiß aber, dass Wes Morriston vorhat, die von Ihnen aufgeworfene Frage zur Sprache zu bringen, da wir unsere Eröffnungsstatements schon vor dem Dialog ausgetauscht haben, um die Diskussion zu erleichtern. Sein Einwand ergibt sich als Reaktion auf eines der interessantesten Merkmale des mittelalterlichen Kalam, nämlich dessen Behauptung, zur Erklärung des Ursprung des Universums sei nicht nur eine Erste Ursache erforderlich, sondern ein persönlicher (personaler) Schöpfer. Bisher ist mir keine gute Erwiderung auf diese Behauptung bekannt. Für unseren Dialog am Westminster College habe ich das Argument folgendermaßen formuliert:
… Nur ein frei Handelnder kann die Entstehung einer zeitlichen Wirkung aus einer zeitlosen Ursache erklären. Wäre das Universum durch eine unpersönliche, mechanisch ablaufende Ursache entstanden, dann könnte es diese Ursache nie geben, ohne dass ihre Wirkung eintritt. Denn wenn die hinreichende Bedingung der Wirkung gegeben ist, dann muss auch die Wirkung gegeben sein. Ein Beispiel: Sagen wir, die Ursache für das Gefrieren des Wassers ist eine Temperatur unter 0 °C. Läge die Temperatur in aller Ewigkeit unter 0 °C, so wäre alles vorhandene Wasser ewig gefroren. Es wäre unmöglich, dass das Wasser vor einer endlichen Zeitspanne angefangen hätte, zu gefrieren. Dies impliziert jedoch, dass das Universum, wenn seine Ursache seit Ewigkeit her existierte, ebenfalls seit Ewigkeit her existiert haben müsste.
Die einzige Möglichkeit, wie eine Ursache zeitlos sein, ihre Wirkung aber in der Zeit beginnen kann, ist, dass die Ursache eine handelnde Person ist, die sich frei dazu entschließt, ohne vorherige determinierende Bedingungen eine Wirkung hervorzubringen. Philosophen nennen diese Art der Verursachung „Agens-Kausalität“ oder „Kausalität durch Freiheit“, und weil der Handelnde frei ist, kann er neue Wirkungen initiieren, indem er aus freiem Willen Bedingungen herbeiführt, die zuvor nicht vorhanden waren. Zum Beispiel könnte ein Mensch, der seit Ewigkeit her unverändert gesessen hat, aus freiem Entschluss aufstehen. So ergibt sich eine zeitliche Wirkung aus einer ewig existierenden handelnden Person. Ebenso könnte vor einer endlichen Zeitspanne ein Schöpfer, der mit freiem Willen ausgestattet ist, in jenem Moment durch freien Entschluss die Welt ins Dasein gerufen haben. Auf diese Weise könnte der Schöpfer veränderungslos und ewig existieren, aber den Entschluss fassen, die Welt in der Zeit zu erschaffen. Die Ursache wäre also ewig, die Wirkung aber nicht. So gelangen wir nicht nur zu einer transzendenten Ursache des Universums, sondern zu seinem persönlichen Schöpfer.
Hier ist Morristons Einwand:
Bills zweites Argument für die Aussage, die Ursache des Universums müsse persönlich sein, setzt voraus, dass es nur zwei Arten von Ursachen geben kann – freie handelnde Personen, die existieren können, ohne Dinge zu verursachen, die sie verursachen könnten, und unpersönliche hinreichende Bedingungen, die nicht existieren können, ohne ihre Wirkungen hervorzubringen. Aufgrund dieser Voraussetzungen argumentiert Bill, eine unpersönliche ewige Ursache könne nur eine ewige Wirkung haben. Da seiner Meinung nach das Universum einen Anfang haben muss, zieht er den Schluss, die Ursache des Universums könne nur eine ewige handelnde Person gewesen sein, die den freien Entschluss fasste, „die Welt in der Zeit zu erschaffen“.
Ich werde nur zwei kurze Bemerkungen dazu machen. Die erste betrifft Bills Beispiel für eine Ursache, die ewig und unpersönlich ist. Es ist in Wirklichkeit ein Beispiel für eine zeitliche Ursache, die keinen Anfang hat! Wenn es Wasser schon immer gegeben hat und es schon immer eine Temperatur unter 0 °C hatte, dann muss es schon immer gefroren gewesen sein. Doch aus Bills Sicht ist Gott in diesem Sinne nicht ewig, denn das würde eine zeitliche Dauer ohne Anfang voraussetzen, wie Bill sie eigentlich für unmöglich hält.
Mein zweiter Punkt ist folgender. Angenommen, Gott ist ewig, allwissend und allmächtig, und er fasst den Entschluss, das Universum zu erschaffen. Daraus folgt, dass Gottes Entschluss, zu erschaffen, ebenso ewig sein muss wie er selbst. Aufgrund der Allmacht Gottes muss sein ewiger Entschluss, zu erschaffen, hinreichend für die Existenz des Universums sein. Nach der Logik von Bills Argument müssten wir also zu dem Schluss kommen, dass das Universum ebenso ewig ist wie Gottes Entschluss, es zu erschaffen. Da ist offensichtlich etwas schief gegangen.
Man beachte, dass Wes’ Antwort keinen Fehler in dem Argument benennt, das ich angeführt habe. Seine Antwort besteht vielmehr darin, zu sagen, mit meinem Argument müsse etwas schief gegangen sein, weil es zu einem unerwünschten Schluss führt.
Aber ist das wirklich so? In seinem ersten Punkt weist Wes ganz zu Recht auf den Unterschied zwischen einer zeitlosen und einer immerwährenden Ursache (einer zeitlich existierenden Ursache, die aber nie einen Anfang hatte) hin. Dieser Unterschied ist für das Argument aber nebensächlich. Gemeinsam ist beiden Daseinsformen, und darauf kommt es in dem Argument an, dass in beiden Fällen die Ursache anfangslos und veränderungslos existiert. Es ist mit dem kosmologischen Gottesbeweis des Kalam vereinbar, mit Alan Padgett zu sagen, dass Gott veränderungslos ohne die Schöpfung in einer amorphen Zeit existiert, in der sich keine zeitlichen Intervalle unterscheiden lassen. Es stellt sich immer noch dieselbe Frage danach, wie eine Wirkung mit einem Anfang aus einer anfangslosen Ursache erwachsen kann.
Wes’ zweiter Punkt – den Sie in ihrem Brief erwähnen – ist deshalb das eigentliche Problem. Im Blick auf diese Frage stimme ich, wie ich schon an anderer Stelle erklärt habe, zu, dass Gottes Entschluss, eine Welt mit einem Anfang zu erschaffen, ewig ist in dem Sinne, dass Gott eine zeitlose Absicht hat, dass eine Welt mit einem Anfang existieren soll. Doch wie Wes bemerkt, reicht diese bloße Absicht nicht aus, damit eine Welt anfängt zu existieren. Dazu ist außerdem notwendig, dass Gott von seiner kausalen Macht Gebrauch macht (siehe die hilfreiche Analyse des freien Handelns von J. P. Moreland, „Libertarian Agency and the Craig/Grünbaum Debate about Theistic Explanation of the Initial Singularity“, American Catholic Philosophical Quarterly 81 [1998]: 539-54). Als frei Handelnder ist Gott in der Lage, seine Kausalmacht ohne vorausgehende determinierende Bedingungen auszuüben. Das ist der Unterschied zwischen einer handelnden Person und einer unpersönlichen Ursache. Solches Handeln ist eine Veränderung in Gott, die ihn in diesem Moment plausibel in die Zeit hineinzieht. So ist der Moment, in dem Gott das Universum erschafft, der Moment, in dem das Universum zu existieren beginnt. So existiert Gott unveränderlich (wenn auch nicht unbeweglich) ohne die Schöpfung mit einer zeitlosen Absicht, dass eine Welt mit einem Anfang existieren soll, und indem er seine Kausalmacht ausübt, ruft er eine solche Welt im ersten Moment der Zeit ins Dasein. Es ist natürlich sinnlos, die Frage zu stellen, warum Gott seine Kausalmacht nicht früher ausgeübt hat, da es ja kein „früher“ gegeben hat!
Das kalam-kosmologische Argument hat also nicht die unerwünschte Implikation, die Wes darin sieht, und bleibt darum ein gutes Argument für den personalen Charakter der transzendenten Ursache für den Beginn des Universums.
(Übers.: C. Rendel)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/wes-morriston-on-divine-creation
- William Lane Craig