#301 Ein durch die Evolution begründeter Einwand gegen (christlichen) Theismus
September 28, 2015Sehr geehrter Prof. Craig,
Sie glauben, dass Evolution keine Bedrohung für den christlichen Glauben oder den Theismus im Allgemeinen darstellt. Ich glaube jedoch, dass man, von der Evolution ausgehend, sehr wohl Einwände gegen Theismus oder zumindest christlichen Theismus erheben kann.
1. Wenn Gott das Leben (biologisches Leben) geschaffen hätte, hätte er das Leben in der bestmöglichen Art und Weise geschaffen, weil Gott ein perfektes Wesen ist und daher nur tut, was das Beste ist;
2. Evolution ist nicht der beste Weg;
folglich hat Gott das biologische Leben nicht geschaffen.
Oder formal ausgedrückt:
Wenn A gilt, dann gilt B,
B gilt nicht,
daher: A gilt nicht.
Sicherlich folgt aus „Gott hat das biologische Leben nicht geschaffen“ nicht notwendigerweise „Gott existiert nicht“. Gott könnte auch dann existieren, wenn er das Leben nicht geschaffen hätte (obwohl das unwahrscheinlich zu sein scheint), aber zumindest sagt der biblische Bericht, dass Gott Menschen und Tiere auf die eine oder andere Art geschaffen hat. Wenn Gott also biologisches Leben nicht geschaffen hätte, wäre dies zumindest ein Argument gegen christlichen Theismus oder sogar Theismus selbst.
1. Die erste Annahme: Ich glaube, dass dies ganz offensichtlich wahr ist, denn wenn wir Gott als perfektes Wesen definieren, würde er immer das tun, was das Beste ist. Wenn er zu wählen hätte zwischen A, B oder C, und wenn B das Beste ist, würde er B wählen.
2. Wahrscheinlich werden Sie mir hier nicht zustimmen, vielleicht noch bevor oder während Sie die ganze Argumentationsführung schon vorliegen haben. Ich kann mir nicht vorstellen, inwiefern Evolution für Gott der bestmögliche Weg zur Erschaffung des Lebens sein könnte. Man könnte sich andere, bessere Wege vorstellen. Zum Beispiel hätte Gott Tiere oder Menschen einfach so, ohne die biologischen Mechanismen der Evolution, erschaffen können, oder glauben Sie etwa, dass Gott die Evolution benötigt, um Leben zu schaffen? Ich glaube das nicht. Warum sollte Gott also A anstelle von B oder C wählen, einen Weg, auf dem seine Geschöpfe Schmerz, Tod und Qual erleiden müssen, einen sehr brutalen Weg, auf dem nur die Starken überleben, wenn es doch mit B oder C bessere Wege gibt?
Vielleicht fragen Sie mich, was ich mit „besser“ meine? Besser für wen? Gott? In dieser Hinsicht könnte man denken, dass Evolution ein besserer Weg ist im Sinne von leichter, weniger kompliziert. Vielleicht ist es leichter, vielleicht aber auch nicht, die erste Zelle zu erschaffen und sie sich selbst weiterentwickeln zu lassen, als alles selbst zu erschaffen. So ähnlich wie ein Computerspezialist, der das Fundament legt und das Programm dann den Rest selbst erledigen lässt. Ich glaube aber, dass es keinen Sinn hat, in Dimensionen von „leicht“ und „schwer“ zu denken, denn für Gott wäre das einerlei. Denken Sie beispielsweise an einen Mathematiker. Für uns mag es leichter sein, 2+3 auszurechnen als 156+213, für einen guten Mathematiker aber spielt das wirklich keine Rolle. Gott ist ein guter Mathematiker, also gibt es für ihn kein leicht oder schwer. Was heißt das nun für die bessere Methode bei Tieren? Ich glaube, jedes Tier für sich allein zu erschaffen wäre besser für die Tiere, als unnötige Schmerzen und zufällige Mutationen zu verursachen, die oft zu negativen Ergebnissen und sogar zu Fehlern durch die Evolution führen. Schlussendlich scheint die Evolution also keine sehr edle Methode zu sein, und wir würden nicht erwarten, dass Gott mit einer solchen Methode erschaffen würde.
Vielen Dank, und Gott segne Sie
Michel
Dr. craig’s response
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Vielen Dank für Ihre durchdachte Frage, Michel! Außerdem ein großes Lob für Ihr exzellentes Englisch!
Durch Ihren Gruß am Ende Ihres Briefes wird deutlich, dass Sie ein (christlicher) Theist sind. Dadurch stellt sich mir die Frage, ob Ihre Argumentation in Wirklichkeit darauf abzielt, nicht den Atheismus zu verteidigen, sondern den Kreationismus der Evolution gegenüberzustellen und zu untermauern. Kreationisten behaupten oft, dass Gott und Evolution unvereinbar seien, sie verneinen aber nicht Gott, sondern die Annahme, dass das Leben durch Evolution geschaffen wurde. Tatsächlich aber hat Ihre Argumentation nicht die von Ihnen beabsichtigte logisch gültige Form und könnte genauso gut als Argumentationshilfe gegen die Tatsache der Evolution wie gegen Gott verwendet werden. Um die von Ihnen beabsichtigte logisch gültige Form zu erhalten, sollte die zweite Annahme in Ihrer Beweisführung wie folgt lauten:
2´. Gott hat das Leben nicht auf die bestmögliche Art und Weise geschaffen.
Um 2´ zu untermauern, müssten Sie zweierlei zeigen, zum einen, dass Evolution nicht die bestmögliche Methode zur Erschaffung des Lebens ist, zum andern, dass das Leben mit Hilfe der Evolution geschaffen wurde. Der Kreationist würde darin zustimmen, dass Evolution nicht der bestmögliche Weg zur Erschaffung des Lebens ist, er würde jedoch abstreiten, dass das Leben durch Evolution geschaffen wurde.
Wir nehmen jetzt dennoch einmal an, dass das Leben mit Hilfe der Evolution geschaffen wurde. Dann müssen Sie Argumente zur Stützung der Behauptung, dass Evolution nicht die beste Möglichkeit zur Erschaffung des Lebens ist, anführen, was Sie ja auch versucht haben. Dennoch scheint mir, dass beide Annahmen, (1) und (2´) dieser Argumentationsführung anfechtbar sind.
Nehmen wir zunächst (1). Sie gehen davon aus, dass diese Annahme offensichtlich wahr ist. Tatsächlich ist sie weit davon entfernt. Hier liegt derselbe Fehler vor, den auch Ihr Landsmann Gottfried Wilhelm Leibniz gemacht hat: er dachte nämlich, dass ein perfektes Wesen die bestmögliche Welt erschaffen würde. Leibniz´ Irrtum lag darin anzunehmen, dass es eine bestmögliche Welt gibt! Wie bei den natürlichen Zahlen kann es auch hier sehr gut der Fall sein, dass es für jede Welt, die man aussucht, immer noch eine bessere Welt gibt. Genauso, wie es keine höchste natürliche Zahl gibt, kann es möglicherweise auch keine bestmögliche Welt geben. Wenn das so ist, kann Gott nicht die bestmögliche Welt schaffen, weil es so etwas nicht gibt. Dies hat elementare Auswirkungen auf alle Fragen zum Problem des Bösen. Es bedeutet, dass es immer noch eine bessere Welt gibt als diejenige, die Gott geschaffen haben könnte, egal, welche Welt Gott schafft. Man kann Gott nun aber keine Vorwürfe dazu machen, dass er die Welt geschaffen hat, die er gewählt hat, denn jede beliebige Welt, die er sich aussucht, wird weniger gut sein als eine unzählige Anzahl an anderen Welten. Ein vollkommen gutes Wesen muss einfach eine gute Welt wählen, auch wenn das bedeutet, dass es bessere Welten gibt als die von ihm möglicherweise gewählte.
Ähnlich gilt in diesem Fall: möglicherweise gibt es keinen bestmöglichen Weg zur Erschaffung des Lebens. Also muss ein vollkommen gutes Wesen einfach einen guten Weg zur Erschaffung des Lebens wählen. Vielleicht gibt es bessere Wege zur Erschaffung des Lebens als durch Evolution, aber solange das ein guter Weg ist, kann ein perfektes Wesen nicht dafür beschuldigt werden, dass es ihn gewählt hat. Daher könnte Annahme (1) tatsächlich notwendigerweise falsch sein!
Kommen wir zu Annahme (2´): Ich glaube, dass auch diese Annahme sehr angreifbar ist. Sie scheinen an der Evolution zu beanstanden, dass sie Schmerzen und Leid beinhaltet. Das ergibt jedoch eine sehr vereinfachende Gleichsetzung: Leiden = schlecht. Aus manchen Diskussionen über das Thema des Bösen sollten wir gelernt haben, dass Personen moralisch ausreichende Gründe dafür haben können, Leiden zuzulassen; somit kann eine Welt, die das Leiden beinhaltet, besser sein als eine Welt ohne Leiden.
Hier stellt sich dann genau die von Ihnen ebenfalls gestellte Frage: Was meinen wir mit „besser“? Besser für wen? Für Gott? Sicherlich nicht! Er ist bereits perfekt. Und wie Sie ja auch bereits ausgeführt haben, sind alle Wege zur Erschaffung von Leben für ein allmächtiges Wesen gleichermaßen leicht.
Besser für die betroffenen Tiere? Schwer zu sagen! Jedes brauchbare Ökosystem beinhaltet Bedrohung und Tod durch Raubtiere um der Gesundheit des Gesamtsystems willen (so war z.B. die Wiederansiedlung von Wölfen in Kanada zur Erhaltung der Gesundheit der Karibu-Herden, die sie bejagen, notwendig, denn ohne die Wölfe überweideten die Karibus oft ihre Weiden, was ihren Tod zur Folge hatte). Wie wir von den Befürwortern der Gaia-Hypothese wissen, kann man nicht „ jedes Tier für sich allein“ betrachten, wie Sie andeuten. Da wir darüber hinaus davon auszugehen haben, dass nahezu kein Tier über Selbsterkenntnis verfügt, ist ganz und gar nicht klar, dass Tiere in der gleichen Art und Weise leiden wie wir. Vielleicht ist eine Welt, in der Evolution stattgefunden hat, eine reichere und wundervollere Welt von Geschöpfen. Im Ernst, sind Sie denn schlussendlich nicht auch froh darüber, dass Gott die Dinosaurier geschaffen hat? Ich schon! Seit meiner Kindheit hat mich die Ära der Dinosaurier und die Eiszeit mit ihren wunderbaren prähistorischen Geschöpfen begeistert. Man muss diese wundervollen, faszinierenden, farbigen und oftmals bizarren Geschöpfe doch einfach lieben, oder nicht? Warum sollte Gott sich nicht ebenso, wie wir, an all den Geschöpfen, großen und kleinen, freuen?
Oder meinen wir, besser für die Menschen? Sehen Sie, da ist der Knackpunkt! Gottes letztendliche Absicht auf diesem Planeten besteht darin, Männer und Frauen allein aus Gnade in Sein Reich zu bringen. Die evolutionäre Geschichte der Erde ist die ökologische Inszenierung für die Ankunft der Menschen und die Erfüllung von Gottes Plänen mit ihnen. Die urzeitlichen Wälder jener prähistorischen Ökosysteme legten den Grund für die Vorräte an fossilen Brennstoffen, die menschlichen Fortschritt und moderne Zivilisation möglich gemacht haben. Sollte Gott die Erde einfach nur mit der Illusion eines (hohen) Alters geschaffen haben? Warum wohl sollten dadurch Gottes Ziele für die Menschheit besser erreichbar sein? Woher wissen Sie, dass Gottes Absichten für die menschliche Rasse durch die Existenz einer echten ökologischen Geschichte nicht besser verwirklicht werden können als durch die Schaffung einer illusionären Geschichte oder einer Welt mit gar keiner offensichtlichen Geschichte? Wie wissen wir, wie viele Menschen oder welcher Prozentsatz von Menschen in solchen Welten aus freien Stücken Gott und seine Rettung gefunden hätten? Wir sind überhaupt nicht dazu in der Lage, über solche Angelegenheiten zu spekulieren. Aber dann sind wir auch nicht in der Lage, darüber zu spekulieren, ob Evolution für Gott wohl der beste Weg war, Leben auf diesem Planeten zu schaffen.
(Übers.: J. Bothner)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/an-evolutionary-argument-against-christian-theism
- William Lane Craig