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#303 Feuer in einem brasilianischen Nachtclub und Errettung aus Werken

September 28, 2015
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

zu Anfang möchte ich Ihnen danken für Ihre geistige und geistliche Führung in meinem Leben. Sie sind mir in meinem christlichen Glauben von großer Hilfe gewesen. Das meine ich wirklich so. Aber heute möchte ich Ihnen einige wichtige Probleme vorlegen. Ich heiße Leander, bin 20 Jahre alt und studiere an der juristischen Fakultät der Universidade Federal de Santa Maria in Brasilien.

Ich weiß nicht, ob Sie die Situation in Santa Maria kennen, aber durch ein Feuer in einem Nachtclub namens Kiss wurden hier etwa 235 junge Menschen getötet (alle zwischen 18 und 24 Jahre alt) und ca. 143 Verletzte mussten in einem kritischen Zustand ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Stadt macht eine schwere Zeit durch. Trauer und Tränen sind allgegenwärtig. Die Eltern der Opfer sind verzweifelt und unter allen Studenten, die einige der Opfer kannten, herrscht ebenso wie bei mir Niedergeschlagenheit.

Laut meinem evangelikalen christlichen Glauben sind die meisten dieser Menschen jetzt in der Hölle. Das erscheint mir extrem grausam. Es waren gute Leute, jung, mit Träumen und Herzen voller Liebe für ihre Freunde und das Leben. Ich möchte einige Dinge klarstellen: Ich habe das letzte Kapitel Ihres Buches „On Guard“ gelesen, und ich bin mit einem Teil Ihrer Arbeit vertraut. Ich glaube, ich weiß, was Sie sagen wollen. Ich weiß, dem klassischen christlichen Glaubensstandpunkt zufolge ist in Gottes Augen niemand gut genug, und die Menschen, die ohne Christus leben, werden auch ohne ihn sterben. Doch um es noch einmal zu wiederholen, das erscheint mir äußerst schmerzhaft. Mir ist es unmöglich, die Eltern der Opfer anzuschauen und gleichzeitig daran zu denken. Diese Situation wirft in mir Fragen über die Errettung im Christentum auf. In der Theorie ist es nicht so schwer, dies zu akzeptieren, aber wenn es dann real wird, scheint es grausam und sinnlos.

Bevor ich eine evangelikale Gemeinde besuchte, wuchs ich in einer katholischen Familie auf. Daher bringe ich einige katholische Lehren mit wie die Errettung durch gute Werke (ich bin mir aber nicht sicher, ob dies auch gepredigt wird), dass die guten Menschen in den Himmel kommen und die schlechten Menschen in die Hölle. Lässt sich das nicht irgendwie mit dem christlichen Glauben vereinbaren? Der Priester hier sagte, dass diese Menschen jetzt bei Gott wären! Der Pastor meint aber das Gegenteil. Wer hat Recht?

Ich meine, einige Stellen in der Bibel lehren ebenfalls die Errettung durch gute Werke: Matthäus 5,1-12; Matthäus 25,31-46; Johannes 5,28-29.

Könnte es sein, dass der Priester Recht hat? Ist es möglich, dass das Opfer Christi für jeden gilt und die Entscheidung, dass einige in den Himmel und andere in die Hölle kommen, den Händen Gottes überlassen ist, nicht unseren?

In dieser sehr realen Situation ist die evangelikale Lehre von der Errettung schwer zu akzeptieren.

Entschuldigen Sie bitte mein Englisch, und ich habe nur deshalb nicht weiter in Ihren Büchern geforscht, da es mir schwer fällt, Englisch richtig zu verstehen.

Danke für alles.

Leander

  • Brazil

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Ja, Leander, hier in den Vereinigten Staaten haben wir die Tragödie im Nachtclub in Santa Maria mit Schrecken und Trauer aufgenommen.

Im Umgang mit dem Problem des Bösen habe ich oft darauf hingewiesen, dass es äußerst wichtig ist, zwischen dem emotionalen und dem intellektuellen Problem des Bösen zu unterscheiden. Das gilt insbesondere für einen so tragischen Fall wie diesen. Bevor Sie aufgrund dieses Vorfalls entscheidende lehrmäßige Schlüsse ziehen, wäre es wahrscheinlich klug, emotional etwas Abstand zwischen sich und dem Ereignis herzustellen. Ansonsten wird Ihr Denken von Ihrem enormen emotionalen Schmerz geleitet oder getrübt.

Ihre Frage hat nichts mit dem üblichen Problem zu tun, das das Böse mit sich bringt: Wie ist die Existenz Gottes mit dem schrecklichen Vorfall in Ihrer Frage zu vereinbaren? Vielmehr verleihen Sie der Frage eine seltsame theologische Wendung. Sie fragen sich, ob die Tragödie mit der Lehre von der Errettung allein durch Gnade in Einklang zu bringen ist und uns nicht veranlassen sollte, stattdessen die Lehre von der Errettung durch Werke zu übernehmen.

Ich glaube nicht, dass wir diesen Schluss ziehen sollten. Sie stehen noch unter dem starken Eindruck dieser furchtbaren Tragödie, dass Menschen, die Schreckliches in diesem Leben erfahren haben, anschließend für immer im Leben danach leiden müssen. Wir sollten das Ausmaß dieser Tragödie in keiner Weise abschwächen. Sie ist wirklich riesig und äußerst schmerzhaft. Allerdings müssen wir nachdrücklich darauf bestehen, dass Gott diese Tragödie auf gar keinen Fall wollte. Sein Wille ist, dass diese Menschen errettet werden und sie ewige Freude und ewigen Trost erleben, die ihre irdischen Leiden vergleichsweise winzig klein erscheinen lassen würden. Gott trauert noch mehr als Sie darüber, dass diese Menschen, die so etwas in ihrem Leben erleiden mussten, für immer von ihm getrennt sind. Aus diesem Grund gibt Gott jedem von ihm erschaffenen Menschen ausreichend Gnade zur Errettung. Gott will und wirkt an der Errettung jeder Person. Aber leider ignorieren die Menschen Gott und weisen seine Gnade zurück und trennen sich unwiderruflich von ihm. Was diese Tragödie so ungeheuerlich macht, ist die Tatsache, dass einige der Menschen dadurch die Leiden vergrößerten, die sie bereits in diesem Leben erfahren haben. Das ist furchtbar und scheußlich, aber nicht Gottes Fehler.

Mein Gedanke ist: Gott hätte keine dieser Personen in dem Nachtclubfeuer umkommen und in die Ewigkeit ohne ihn gehen lassen, wenn er gewusst hätte, dass sie später im Leben noch zum errettenden Glauben an Christus gekommen wären. Da Gott über absolutes Wissen verfügt, kann er die Dinge so arrangieren, dass Menschen nicht sterben, wenn ein längeres Leben zu ihrer Errettung führen würde.

Was Ihren Vorschlag betrifft, so gehe ich davon aus, dass Ihnen nicht bewusst ist, was für ein schrecklicher Fluch eine Errettung durch Werke ist. Völlig ungeachtet der Tatsache, dass niemand von uns gut genug sein kann, um sich den Himmel zu verdienen, setzt uns eine Errettung aus Werken unter Druck, uns die Gunst Gottes zu erarbeiten, statt seine unverdiente Liebe und Gnade dankbar anzunehmen. Eine Errettung aus Werken würde ironischerweise zur Verdammnis vieler Menschen führen, die in diesem Nachtclubfeuer umgekommen sind. Denn viele von ihnen werden bis zu ihrem Tod wahrscheinlich kein besonders gutes Leben geführt haben. Ihre einzige Hoffnung war eine Errettung allein aus Gnade. Es ist durchaus denkbar, dass sie sich in den letzten Minuten ihres Lebens noch in echter Buße und Glauben an Gott gewandt und seine errettende Gnade empfangen haben. Ohne Gottes Gnade bleibt ihnen keine Hoffnung, der Hölle zu entkommen, da sie keine Zeit mehr haben, ausreichend gute Werke zu tun, die aufwiegen, was sie bisher getan haben. Was die Eltern der Opfer angeht, so sollten Sie ihnen versichern, dass ihre geliebten Kinder jetzt im Himmel sein könnten, da niemand von uns weiß, was in ihren letzten Momenten noch zwischen ihnen und Gott geschehen ist. Aber keiner von uns – weder der Priester noch der Pastor – darf sich zu Vermutungen hinreißen lassen, wer oder wie viele dieser Personen jetzt bei Gott sind. Das weiß Gott allein.

Ebenso gefährlich ist die Aussage: „Das Opfer Christi gilt für jeden, und die Entscheidung, dass einige in den Himmel und andere in die Hölle kommen, ist den Händen Gottes überlassen, nicht unseren.“ Das ist Calvinismus: Gott allein wird entscheiden, wer errettet und wer verdammt wird. Wie kann es das Problem lösen, wenn wir die Errettung aus unseren Händen nehmen? Man sollte besser sagen, dass das Opfer Christi für alle gilt und jeder, der es empfängt, errettet wird. Daher liegt es bei uns, jede Tragödie, die wir in diesem Leben erfahren haben, vollständig und für immer ins Gegenteil zu verkehren.

William Lane Craig

(Übers.: M. Plohmann)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/brazilian-nightclub-fire-and-salvation-by-works

- William Lane Craig