#20 Kalam und die „Viele-Ursachen-Hypothese“
September 28, 2015Sehr geehrter Prof. Craig,
ich habe Ihr Buch The Kalām Cosmological Argument[1] gelesen und finde das Argument, wie die anderen Argumente auch, sehr überzeugend. Ich frage mich allerdings, wie Sie auf die „Viele-Ursachen“-Antwort reagieren würden. Ist es möglich, dass es mehr als eine effiziente Ursache des Universums gibt?
Mit freundlichen Grüßen,
Doug
Dr. craig’s response
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Ich muss gleichen zugeben, Doug, dass ich diesen Einwand nie als sonderlich stark empfunden habe. Er erinnert mich an den Einwand gegen das teleologische Argument, der besagt, dass jenes Argument nur beweist, dass es einen Designer des Kosmos gibt, nicht aber einen Schöpfer. Wenn die Leute wirklich der Meinung wären, dass es einen Designer des Universums gibt, bekämen sie große Augen, und ihre Münder stünden ob der Bedeutung dieser Erkenntnis offen und würden nicht protestieren und sagen, dass dieser Designer vielleicht aber nicht der Schöpfer ist. Genauso erscheint in diesem Fall der Einwand, dass wir auf Basis des kalām-kosmologischen Argumentes nicht wissen, ob der persönliche Schöpfer des Universums einzigartig ist oder nicht, völlig belanglos im Vergleich damit zu sein, was das Argument belegt. Jemand, der nach der Wahrheit sucht, wird hierin keine Schwäche des Argumentes finden, sondern einen Anreiz für weitere Forschungen.
Wenn man belegen könnte, dass die Ursache des Universums allmächtig ist, könnte man meines Erachtens ein erfolgreiches Argument dafür formulieren, dass es nur eine einzige Ursache des Universums gibt, da eine Pluralität eines allmächtigen Wesens unmöglich ist. Doch für mich ist es nicht klar, dass eine Ursache des Universums allmächtig sein muss. Vielleicht zieht hier eher ein Argument auf der Basis von creatio ex nihilo – Johannes Duns Scotus[2] argumentiert z. B. folgendermaßen: Da eine unendliche Distanz zwischen Sein und Nicht-Sein liegt, bräuchte es unendlich viel Macht, um das Universum aus dem Nichts zu schaffen. Er könnte dann die Behauptung aufstellen, dass man unmöglich mehr Macht haben kann als für eine Erschaffen ex nihilo nötig ist. Ich finde dieses Argument ansprechend, bin aber nicht ganz überzeugt. Es ist also ein Bereich, in dem noch weitere Forschung hilfreich wäre.
Das kalām-kosmologische Argument widerspricht ganz klar der Vorstellung, dass es vor der Erschaffung der Welt eine Gruppe von herumtollenden Gottheiten gab, da uns das Argument zurück zu einem Zustand ohne Veränderungen bringt, der, wie ich denke, zeitlos ist. Die Vorstellung von einer Gruppe zeitloser, körperloser Geistwesen aber, die bei der Erschaffung der Welt irgendwie harmonisch zusammenwirken, bringt uns äußerst nahe an die Dreieinigkeitslehre heran. Ein trinitarisches (oder unitarisches) Gotteskonzept erscheint wesentlich plausibler, als dass, wie es der Polytheismus besagt, viele Götter unabhängig voneinander zeitlos existieren und harmonisch zusammenwirken, um das Universum zu schaffen.
Zudem denke ich, dass der Vertreter des kalam-kosmologischen Argumentes berechtigt ist, sich auf Ockhams Rasiermesser zu beziehen: Man sollte Ursachen nicht über die Notwendigkeit hinaus multiplizieren. Man ist nur berechtigt, so viele Ursachen, wie für die Wirkung notwendig sind, zu postulieren. Im Falle des Ursprungs des Universums braucht es nur einen außerweltlichen persönlichen Schöpfer; deshalb wäre es überflüssig, mehrere zu postulieren.
Abgesehen davon sollte man nicht vergessen, dass Theisten kumulativ für den Theismus argumentieren können, d.h. mit Argumenten, die aufeinander aufbauen. Die Einzigartigkeit Gottes resultiert auch aus anderen Argumenten, wie dem Leibniz’schen Argument der Kontingenz, dem Moral-Argument und dem ontologischen Argument. Außerdem haben wir gute Gründe dafür, der radikalen Behauptung von Jesus von Nazareth zu glauben, dass er die entscheidende Offenbarung Gottes ist. Und Jesus lehrte den Monotheismus: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist Herr allein.“
William Lane Craig
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/kalam-and-multiple-cosmic-causes
[1] William Lane Craig: The Kalām Cosmological Argument, Eugene/OR, Wipf & Stock 2000. (Anm. d. Übers.)
[2] Johannes Duns Scotus (geb. 1266 in Duns / Schottland, gest. 1308 in Köln), bedeutender franziskanischer Theologe und Philosoph. (Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig
